Unsichtbares Vietnam im Herzen Warschaus

Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2012
Die ersten Vietnamesen, die nach Polen einwanderten, waren Studenten in den 1950er Jahren. Damals wurden diplomatische Beziehungen zwischen dem asiatischen Land und Polen gefördert. Die größte Einwandererwelle sollte allerdings erst in den 1990er Jahren kommen, als sich das mitteleuropäische Land zu einer Demokratie wandelte.
Doch wie sieht Integration in einem Land aus, in der rund 96% der Bevölkerung die polnische Staatsangehörigkeit haben?

Unter den Warschauern herrscht die Meinung vor, dass die Vietnamesen sich nicht integrieren: Sie führen einfach ihr eigenes Leben, sind höflich und zuvorkommend und mischen sich nicht in anderer Leute Angelegenheiten ein. Kurzum – sie sind unsichtbar.

Viele Bewohner der Stadt wissen nicht, dass es in Warschau einen vietnamesischen Kulturverein gibt, geschweige denn wo er sich befindet und welche Veranstaltungen er organisiert. Er befindet sich in der Marszałkowska Straße, einer der Hauptverkehrsadern der Stadt – zugegebenermaßen etwas versteckt hinter einem Restaurant mit dem Namen Dong Nam. Hier wird vietnamesische, thailändische und chinesische Küche, verteilt auf drei Räume, die der jeweiligen Kultur entsprechend eingerichtet sind, angeboten. Ein Buddha empfängt die Gäste am Eingang. Als wir nach dem Kulturverein fragen, weisen die beiden Angestellten in Richtung ihres Chefs Anh Tuan Truong, der gleichzeitig Präsident der vietnamesischen Vereinigung in Polen ist.

Truong erzählt uns, dass er 1976 nach Polen kam, um an der Universität in Warschau zu studieren. Eigentlich wollte er ein Physikstudium aufnehmen. Aber wegen mangelnder Sprachkenntnisse beschloss er an einem Polnischkurs in Lodz, 120 Kilometer von Warschau, teilzunehmen. Denn in Polen ist der Universitätsbesuch für Ausländer kostenfrei, wenn man der polnischen Sprache mächtig ist.

Auf unsere Frage, was Polen und Vietnam gemeinsam haben, antwortet Truong, dass Polen und sein Heimatland ähnliche Zeiten der Unterdrückung erlebt hätten. Dies hätte zum Teil auch zu seiner Entscheidung beigetragen, sich in Polen niederzulassen, wo er sich nach eigener Aussage "wie zuhause" fühlt. Als er das Studium beendet hatte, arbeitete er zunächst einige Jahre in Lodz und später an der Universität als Physiker, bis er 1990 das Restaurant eröffnete. Nach der Heirat mit einer Polin ließ er sich in Warschau nieder, wo sein Sohn geboren wurde und heute studiert. Der Sohn hat das Heimatland seines Vaters bisher zwei Mal besucht und begeistert sich für asiatische Kampfsportarten.

Ich bin mir sicher, dass Warschau in Kürze genauso multikulturell sein wird wie London oder Paris.

„70% der Vietnamesen, die in Polen leben, wählen Warschau als Wohnort, weil es eine Stadt ist, in der sich Geschäfte machen lassen“, erklärt Truong. Sie konzentrieren sich jedoch nicht in einem bestimmten der 18 Viertel, in welche die Stadt aufgeteilt ist. „Ich bin stolz auf die kulturelle Vielfalt der Stadt und bin mir sicher, dass Warschau in Kürze genauso multikulturell sein wird wie London oder Paris.“

Buddhistischer Tempel„Die Polen sind gebildete Menschen, sehr zuvorkommend, respektvoll und sympathisch. Sie sind Fremden sehr offen gegenüber und respektieren deren Religion und Kultur“, führt Truong weiter aus. „Wo auch immer ich in Polen hinkomme, ich fühle mich stets willkommen“, fügt er lächelnd hinzu. Trotzdem vermisse er die ein oder andere vietnamesische Tradition. „Vor allem die traditionellen Feste, wie das Neujahrsfest. Normalerweise fliege ich einmal im Jahr nach Vietnam, auch wenn es dort immer noch Probleme mit der Regierung gibt“, sagt er ein bisschen traurig. Als wir ihn nach Religion und Kultur fragen, erwidert Truong, dass er wie die Mehrzahl der Vietnamesen Buddhist sei. In der Tat gibt es in Warschau zwei Tempel, von denen der eine erst kürzlich eröffnet wurde. Der Kulturverein, dem Truong vorsitzt, organisiert „traditionelle vietnamesische Feiern wie Hochzeiten, Neujahrsfeste und Versammlungen.“ Aber was ist mit den Polen? „Einige nehmen an den Veranstaltungen teil, hauptsächlich handelt es sich aber um Familienangehörige oder Freunde eines Mitglieds der Gemeinschaft.“

Der Targowisko Bakalarska – der Jahrmarkt von Warschau – ist ein weiterer Ort, an dem zahlreiche Vietnamesen anzutreffen sind. Auf diesem großen Basar stand bis vor kurzem noch das Nationalstation. Das heutige Stadion, das für die Europameisterschaft 2012 gebaut wurde, befindet sich nun am anderen Ende der Stadt. Der aus mehr als 1.000 Buden bestehende Straßenmarkt, auf dem so ziemlich alles verkauft wird, öffnet jeden Tag in der Früh‘ seine Türen. Das Angebot reicht von Kleidung und Schuhen über Nahrungsmittel bis hin zu raubkopierten Filmen. Die Mehrheit der Budenbesitzer haben asiatische Wurzeln - und scheinen sich nicht mit uns unterhalten zu wollen.

Warschauer Jahrmarkt

Nachdem wir es eine ganze Weile hartnäckig weiterversucht haben, treffen wir Hania, die bereit ist, uns etwas über ihre Wurzeln zu erzählen: „Meine Eltern sind Vietnamesen, sie kamen nach Polen, um zu arbeiten und ihre Familien finanziell zu unterstützen.“ Wir fragen, ob sie sich als Polin fühlt: „Ja, ich bin hier geboren, habe polnische Freunde und gehe auf ein polnisches Gymnasium. Ehrlich gesagt, bisher war ich nur einmal in Vietnam. Da war ich gerade vier Jahre alt und kann mich daher an nichts mehr erinnern. Ich werde in Polen bleiben, um hier zu leben.“ Ob die Vietnamesen grundsätzlich in die polnische Gesellschaft integriert seien? Hania sagt, sie selbst fühle sich gut integriert, nicht aber ihre Eltern. „Sie sprechen kein Polnisch und treffen sich nur mit vietnamesischen Freunden.“ Hania hilft ihren Eltern an deren Schuhstand aus. „Ich fühle mich überhaupt nicht vietnamesisch, obwohl ich die Sprache beherrsche und versuche schreiben zu lernen. Allerdings feiere ich die typischen vietnamesischen Feste und nicht die polnischen.“

Sie scheinen gut integriert, die Nachwuchsgenerationen der Einwanderer in Warschau. Die finanziellen und kulturellen Anreize sowie die Toleranz der Einwohner machen aus Warschau bis heute ein Tor zur Zukunft für diejenigen, die aus dem fernen Osten kommen.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Multikulti on the Ground 2011-2012. Vielen Dank an das Localteam in Warschau.

Fotos: Teaser ©Silvia Díez Ginestar; Im Text: (cc)Kuba Bożanowski/flickr, ©Silvia Díez Ginestar. Video: (cc)RaszFilm/YouTube