Unruhen in Belfast 2010: Der Oranier-Orden marschiert wieder

Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2010
Wieder mal schlechte Nachrichten aus dem Norden? An dritter Stelle, nach einem Autounfall im Land und dem Neuesten über die Wirtschaft, sendeten die Abendnachrichten in der Republik Irland einen Bericht über die jüngsten Ausschreitungen in den katholischen Vierteln von Belfast.
Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Friedensprozess von 1998 deuten die Unruhen auf Frustration und Perspektivlosigkeit in der nordirischen Bevölkerung hin.

Mitte Juli war der typische Klang des nordirischen Englisch öfter als üblich auf den Straßen Dublins zu hören. Jedes Jahr verziehen sich zahllose nordirische Nationalisten während der sogenannten „Marching Season“ über die Grenze nach Süden in die Republik Irland. Andere bieten der Provokation mutig die Stirn, wenn der protestantische Oranier-Orden erneut durch viele der am dichtesten bevölkerten, katholischen Viertel Nordirlands marschiert. Jahrzehntelang wurden diese Paraden im gesellschaftlich tief gespaltenen Nordirland mit Empörung und Gewalt beantwortet. Während der Eskalation des Nordirland-Konfliktes im 20. Jahrhundert, im Englischen verharmlosend als „The Troubles“ (1963-1985) bezeichnet, stellte der Widerstand gegenüber den Oranier-Märschen für die Nationalisten nur einen, jedoch sehr wichtigen Aspekt ihres schwierigen Kampfes für Bürgerrechte dar. Dieses Jahr wurden in Belfast 80 Polizisten verwundet.

Was ist der Oranier-Orden?

Ardoyne, Nord-Belfast, 12. Juli 2010Der Oranier-Orden (engl. Orange Order) ist eine ultra-protestantische Vereinigung, die alljährlich den Sieg der englischen Protestanten unter Wilhelm III. von Oranien über die irischen Truppen des Katholiken Jakob II. im Jahre 1690 zelebriert. Der vor über 200 Jahren gegründete Orden vereint die protestantischen Nachfahren britischer Kolonialherren auf der grünen Insel. Der Orden ist aber keine paramilitärische Organisation; er ist kaum anders als der Fanclub eines Fußballvereins, dessen Anhänger nostalgisch eines uralten militärischen Sieges gedenken, als wäre es der erste Fußballpokal, dessen Gewinn sie als kleine Jungen miterlebt hätten. Nicht einmal der Anblick der Oranier ist besonders einschüchternd: Ein „Orangeman“ trägt zur Parade eine mit goldenen Stickereien dekorierte Schärpe über der Brust und eine Melone aus Filz auf dem Kopf. Wenn der Orden nicht nur aus Männern bestünde, könnte man die Prozession fast mit einer Pfadfinderinnen-Parade verwechseln.

Ballinmallard, County Fermanagh (L) und Ost-Belfast (R), beide in Nordirland

Dennoch gab dieser private Club während der „Troubles“ immer wieder den Anstoß zu Demonstrationen und brutalen Ausschreitungen. Nach der Abspaltung von der Republik Irland im Jahre 1921 standen die Protestanten im politisch von Großbritannien kontrollierten Nordirland an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie und hielten alle wichtigen Ämter inne. Massenhafte Proteste seitens der katholischen Bevölkerung für mehr Bürgerrechte wurden von der britischen Armee brutal niedergeschlagen. Eine loyalistische Parade in Derry eröffnete 1969 die „Battle of the Bogside“, der Beginn jahrzehntelanger Aufstände und Krawalle auf den Straßen Belfasts und Derrys. Der Oranier-Orden verkörperte in den Augen der Nationalisten (die primär katholische Konfliktpartei, die eine Wiedervereinigung Nordirlands mit der Republik Irland anstrebt) das unbarmherzige System einer sektiererischen Apartheid, die Paraden ihrerseits die verhasste Darstellung kultureller Überlegenheit. In den Augen der Loyalisten (die primär protestantische Konfliktpartei, die für den Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich eintritt) wurden sie zum lauten, bedingungslosen Treueschwur an das protestantische Großbritannien und zur Kampfansage an die permanent Widerstand leistenden nordirischen Katholiken und die sich zunehmend einmischende Republik Irland. Als die Spannungen während der Marching Seasons in den 1980er und 1990er Jahren eskalierten, wurde der 12. Juli, der Tag der alljährlichen Protestantenmärsche, zum Symbol für Gewalt, Hass und Krieg der Kulturen.

Kapuzenpulli-Armee auf Belfasts Straßen

Die diesjährigen Ausschreitungen stehen jedoch für einen dramatischen Bruch mit dieser Tradition. Bisher setzten sich die Demonstranten aus konservativen Familien, Lokalpolitikern und politisierten Jugendlichen zusammen. Doch dieses Mal stand die Polizei einer Armee junger, grölender und Golfschläger schwingender Kapuzenpulli-Träger gegenüber. Manche Beteiligte waren nicht einmal 8 Jahre alt. In vielerlei Hinsicht unterscheidet sich die frustrierte und gewaltbereite Jugend Belfasts nicht von ihren Altersgenossen in Dublin oder London. Aber anstelle von kleineren Messerattacken und „Happy Slapping“ (Prügelattacken auf unbeteiligte Passanten), sind nordirische Jugendliche regelrecht mit Kriegsführungs-Know-How ausgestattet: Sie basteln Molotowcocktails und Benzinbomben, bauen Barrikaden und machen Bekanntschaft mit dem Terrorismus.

In vielerlei Hinsicht unterscheidet sich die unzufriedene Jugend Belfasts nicht von ihren Altersgenossen in Dublin oder London

Die jüngsten Ausschreitungen brachten die Aggression tausender junger Menschen zum Ausdruck, die in einem von tief verwurzeltem Hass geprägten sozialen Umfeld aufgewachsen sind, die als Kinder in zerbombten Straßen und vor verbrannten Häusern spielen mussten, und die nun als junge Erwachsene in einer Gesellschaft leben, deren wirtschaftliche Stärke sie schon lange vor der Rezession verlassen hat. Dabei müssen sie zusehen, wie die Politiker aller involvierter Länder und Parteien grinsend das Ende all ihrer Probleme verkünden. Den vielen Menschen, die in Nordirland auf der Strecke bleiben, nutzt diese politische Rhetorik nichts. Da es die internationalen Medien nur nach dramatischen Geschichten über Krieg und Frieden, über die dunkle Vergangenheit und die rosige Zukunft dürstet, wird die tatsächliche, tiefe Unzufriedenheit gerne übersehen. Die Berichterstattung von BBC London war kaum mehr als eine kurze Revue der politischen Geschichte Nordirlands für ein größtenteils unbeteiligtes britisches Publikum. Waffen mag es in Nordirland keine mehr geben, aber die Narben schmerzen nach wie vor.

Fotos: Marschsaison, Juli 2010 in Belfast  ©Jett Loe: jett-loe.com/flickr; Protestanten ©Speaking of Faith mit Krista Tippett/speakingoffaith.publicradio.org/; Orangene Parade ©alistercoyne/ hairycow und ©pawelbak; Video von FreeIreland18/ Youtube