UNO in Doha: Die Früchte der Nord-Süd-Solidarität am Beispiel Indien

Artikel veröffentlicht am 28. November 2008
Artikel veröffentlicht am 28. November 2008

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Vom 29. November bis 2.Dezember treffen sich die Mitgliedsländer der Vereinten Nationen in Doha in Katar, um über die Finanzierung der Entwicklungshilfe in diesen Zeiten der Finanzkrise zu sprechen. Ein Blick nach Indien, wo ein Viertel der 1 Milliarde Einwohner in Armut lebt.

Indien ist das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde nach China: Mehr als eine Milliarde Menschen leben auf dem Boden dieser wachsenden Wirtschaftsmacht. Und ein Viertel von ihnen vegetiert unterhalb der Armutsgrenze dahin. Zur Finanzkrise gesellt sich in Indien eine Ernährungskrise, die seit dem letzten Frühling mit voller Wucht die ärmsten Bevölkerungsgruppen der Welt trifft.

©Alexandre PolackDen neuesten verfügbaren Zahlen zufolge fehlen noch 75 Milliarden Euro, damit die europäischen Staaten, die sich an der weltweiten öffentlichen Hilfe zur Hälfte beteiligen, ihren Verpflichtungen hinsichtlich der Umsetzung der Jahrtausendziele gänzlich nachkommen. Hierbei handelt es sich um die Verpflichtung, die extreme Armut auf der Welt von jetzt bis 2015 um die Hälfte zu reduzieren. Kommen die Stimmen, die in Brüssel auf die Erfüllung dieser Ziele und darauf pochen, die Debatte in Doha, mitten in der katarischen Wüste, neu zu entfachen, auch im indischen Bundesstaat Orissa an?

Den Teufelskreis der Armut durchbrechen

©Alexandre Polack

Podma Madji, 35, breitet ihre Ernte mitten auf dem Wochenmarkt von Goma im Regierungsbezirk Malkangiri in Indiens Bundesstaat Orissa aus. «Ich muss mehrere Stunden zu Fuß gehen, um zum Markt zu gelangen, wo ich das bisschen Gemüse, was ich geerntet habe, verkaufe. Das ist meine einzige Einkommensquelle, die ich gegen ein wenig Reis eintausche, damit meine Familie überleben kann», berichtet die junge Mutter, die ihr zweijähriges Kind in den Armen hält.

©Alexandre Polack

So wie Podma leben 90 Prozent der Einwohner dieses Bundesstaates, der sich an der Westküste des Landes befindet (40 Millionen Einwohner) auf dem Land. Und wie Podma haben 65 Prozent von ihnen keinen Zugang zu Trinkwasser. «Ich musste das einzige Stück Land, das ich besaß, verkaufen, um meine Kinder zu ernähren. Und heute arbeite ich weiterhin auf dem Feld, damit mein Sohn seine Familie ernähren kann», berichtet Son Kodira, fünffache Großmutter, die aus dem Stamm der Bonda stammt und hoch auf den Hügeln des Regierungsbezirks Malkangiri lebt.

Rechte, die die Bürger nicht kennen

©Alexandre PolackDas Bild, das hier gezeichnet wird, scheint ein recht düsteres zu sein. Doch trotz des Elends scheinen zahlreiche Initiativen lokaler Organisationen, die im Übrigen durch EU-Fonds unterstützt werden, zu beweisen, dass Entwicklungshilfe bei der dauerhaften Durchbrechung des Teufelskreises Armut eine entscheidende Rolle spielen kann. «Wir konnten mehrere Hunderte von Leuten dadurch aus der Armut herausholen, dass wir unsere Bemühungen, darauf konzentriert haben, die Stämme über ihre Rechte zu informieren und sie dahingehend zu unterweisen, wie sie ihre Forderungen gegenüber dem Staat kollektiv geltend machen können», erklärt Soraz Malotra, Präsident des Rites Forum, einer lokalen NGO, die sich darauf spezialisiert hat, die Rechte der Stämme des Regierungsbezirks Malkangiri zu verteidigen.

«Organisationen wie die unsrige haben es beispielsweise möglich gemacht, dass von den Behörden des Bundesstaates Orissa die Hunderte von Fällen anerkannt wurden, in denen Menschen Opfer von Zwangsarbeit, auch “bonded labour“ genannt, geworden sind. Heute haben diese Menschen staatliche Entschädigungen erhalten und können ein neues Leben beginnen», führt Soraz Malotra weiter aus.

Internationale Hilfe ist von großem Nutzen

Recht auf ein Grundgehalt für die Ärmsten, auf kostenlose medizinische Versorgung für Schwangere und Medikamente gegen Malaria.

In jedem der 189 Dörfer, um die sie sich kümmert, hat die Organisation RITES Entwicklungskomitees gegründet, innerhalb derer die Gemeinde Bilanz zieht über die erreichten Fortschritte in der Erlangung ihrer Grundrechte, die häufig vom Gesetz anerkannt, den Dorfbewohnern aber unbekannt sind. Dazu zählen beispielsweise das Kinderernährungsprogramm in der Grundschule, das Recht auf ein das Überleben sicherndes Grundgehalt für die Ärmsten der Armen oder auch das Recht auf kostenlose medizinische Versorgung für Schwangere und die Versorgung mit Medikamenten gegen Malaria.

©Alexandre Polack«Das Leben in unserem Dorf hat sich sehr verändert, seitdem uns klargeworden ist, dass wir Rechte besitzen», bestätigt der 60-jährige Mongali Khillo, der in dem Dorf Nuaguda wohnt - einem der Dörfer des Regierungsbezirks Malkangiro, das von der Stützung durch die Organisation RITES profitiert hat. «Unser Landbesitz ist nun im Grundbuch eingetragen und wir können unsere Äcker bestellen. Wir haben Anrecht auf eine Grundversorgung, und unsere Kinder gehen zur Schule. Alle meine Enkel gehen zur Schule. Sie werden eine bessere Zukunft haben», fährt Mongali weiter fort. Er träumt davon, dass einer seiner Enkel einmal Lehrer wird.

«Das Problem in Indien besteht wie in vielen Ländern nicht darin, dass es keine entsprechenden Gesetze gibt. In den letzten Jahren gibt es sogar sehr viele und fortschrittliche Gesetze, doch ihre Umsetzung gestaltet sich sehr schwierig», schätzt Sharanya Nayak die Lage ein. Sie ist die für Orissa zuständige Koordinatorin der internationalen NGO Action Aid, die sich dem Kampf gegen die Armut verschrieben hat. «Wenn die Hilfsgelder die staatlichen Fördermittel nicht ersetzen, sondern den Allerärmsten dabei helfen, ihre gesetzlich anerkannten Grundrechte wie das Recht auf Ernährung, Bildung und Gesundheit einzufordern», betont Sharanya, «dann kann die Entwicklungshilfe wirklich sehr viel bewirken.»