Unis – nichts für die französischen Eliten

Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2005
Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2005

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Charakteristisch für das französische Hochschulwesen ist der Graben zwischen den Universitäten und den berühmten „Grandes Ecoles“: Ein System, das eine Kastenordnung hervorgebracht hat, die von den Reichen und Einflussreichen dominiert wird.

„Ungerecht“, „widersprüchlich zur Chancengleichheit“, „demokratiefeindlich“...so lässt sich in einigen Worten der Zustand des französischen Hochschulsystems zusammenfassen. Und dieses Urteil stammt nicht von irgendwem, sondern von Richard Descoings, Direktor der Hochschule für Politikwissenschaften „Institut d’Etudes Politiques de Paris“ (genannt „Sciences-Po) – eine dieser „Grandes Ecoles“, die so typisch für Frankreich sind. Denn das Land hat über zweihundert Jahre hinweg ein duales System entwickelt, in dem sich die öffentlichen oder privaten Eliteschulen, die sich ihre künftigen Studenten über ein Auswahlverfahren selbst aussuchen, und die Universitäten, an denen sich jeder, der das Abitur hat, einschreiben kann, gegenüberstehen.

Schizophrenes Hochschulwesen

In Zahlen ausgedrückt bedeutet das auf der einen Seite um die hundert Vorbereitungskurse für etwa 200 von diesen ruhmreichen „Grandes Ecoles“, an denen das Studium in den meisten Fällen kostenpflichtig ist und an denen knapp 200000 Studierende ausgebildet werden. Nur etwa zehn Eliteschulen wie die Ingenieurhochschule „Polytechnique“ („l’X“), die geistes- und naturwissenschaftlich ausgerichtete „Ecole Normale Supérieure“ („Normale Sup'“) oder die Verwaltungshochschule „Ecole Nationale d’Administration“ („ENA“) bezahlen ihre Studenten dafür, dass sie hier studieren... Auf der anderen Seite stehen die Universitäten, in deren Vorlesungssälen sich zwei Millionen Studenten tummeln. Klar also, dass zwischen beiden Seiten immer Kriegsstimmung herrscht.

Tatsächlich hat sich in Frankreich durch die Teilung des Hochschulwesens in zwei konkurrierende Systeme in allen Köpfen eine bestimmte Hierarchievorstellung festgesetzt: Die „Grande Ecole“ steht für Erfolg, die Universität für Mittelmäßigkeit. Daran erinnert auch Jean-Marc Monteil, Leiter der Abteilung Hochschulwesen im französischen Bildungsministerium, höchstpersönlich: „Das französische Hochschulsystem ist eines der selektivsten der Welt!“ Für die 200000 interessantesten Plätze an den „Grandes Ecoles“ und für die zwei Vorbereitungsjahre ist kein Opfer zu groß. Und so gibt es überhaupt kein Interesse daran, sich zu den Studierenden in den Universitäten zu gesellen, von denen jedes Jahr 39% ihre Prüfungen im ersten Jahr nicht bestehen.

Der soziale Aufstieg ist blockiert

Um aber von den Eliteschulen ausgewählt zu werden, muss man ganz und gar nicht zu den Besten gehören. Das war einmal. Wenn noch in den 80er Jahren gute Leistungen in den verschiedenen Fächern ein Garant für universitären Erfolg waren, besteht heute eine tiefe Kluft zwischen „den bedeutendsten Hochschulen einerseits, die einen überwiegenden Teil der Schüler aufnehmen, die aus der höchsten Gesellschaftsschicht stammen, und die auf die prestigeträchtigsten Karrieren in hohen Verwaltungsebenen, Industrie, Banken und Wissenschaft vorbereiten. Auf der anderen Seite stehen die Universitäten, besonders die literaturwissenschaftlichen und philosophischen Fakultäten, die einen großen Teil der Studenten aus den einfachen Gesellschaftsschichten aufnehmen und in den meisten Fällen auf Stellen im ausführenden Bereich, als Techniker, als mittlere Führungskraft oder als Lehrer für die Sekundarstufe vorbereiten“, so Monique de Saint-Martin, Spezialistin auf dem Gebiet der Eliten in Frankreich. Der soziale Aufstieg scheint in Frankreich blockiert zu sein.

Selbst wenn die „Grandes Ecoles“ erste Anzeichen machen, ihr Image ein wenig zu abzuändern, um auch Kinder aus benachteiligten Schichten gewinnen zu können, ist Richard Descoings von „Sciences Po“ in Paris zufolge die Trennlinie zwischen Universitäten und Hochschulen zu deutlich ausgeprägt. Und der Staat tut im Übrigen nichts, um daran etwas zu ändern: Immer noch gibt er für einen Universitätsstudenten mit 6800 € nur halb so viel aus wie für einen Studenten, der an einem Vorbereitungskurs für eine „Grande Ecole“ teilnimmt (13000 €). Und das wird sich auch nicht ändern, solange die Eliten in Wirtschaft, Verwaltung und Politik weiterhin keine Universitätsabsolventen sind - abgesehen von den Fächern Jura und Medizin, auf die die Universitäten traditionell ein Monopol haben. In der französischen Regierung findet sich kaum jemand, in dessen Lebenslauf auch nur ein Jahr an einer Universität stünde.

Einmalig in Europa

Generell ist die Trennung zwischen Universitäten und „Grandes Ecoles“ eine durch und durch französische Besonderheit. Einige Einrichtungen ähneln den „Grandes Ecoles“, wie z.B. die spanischen Ingenieurhochschulen oder einige italienische Universitäten wie das Collegio Superiore in Bologna oder die Scuala Normale Superiore in Pisa. Beide rekrutieren ihre künftigen Studenten über Auswahlverfahren. In den meisten europäischen Ländern hingegen ist die Zulassung zur Hochschule an den erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe gebunden, wie z.B. in Belgien, Irland oder Deutschland. Die Hochschule kann entweder die Besten auswählen, wie in Irland und Großbritannien, oder einen Numerus Clausus festlegen, wie es in Deutschland der Fall ist. Die Hochschulen in Griechenland und Ungarn halten zusätzlich zu den Abschlussprüfungen am Ende der Schulzeit Eingangstests ab. Was den „elitären“ Aspekt angeht, so haben Oxford und Cambridge ihren guten Ruf auf ihrer herausragenden Qualität aufgebaut. Auch Deutschland möchte mit einigen Universitäten in diesen kleinen Kreis vorstoßen und plant, bis 2010 1,9 Mrd. € in eine Auswahl von Universitäten zu investieren, die zu Eliteuniversitäten werden sollen.