Union Jack: Belfast auf die Barrikaden

Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2013
Die Aufrührer, die bereits seit Anfang Dezember 2012 die Straßen in Nordirland unsicher machen, folgen keiner Logik. Als 'pure Anarchie' bezeichnet ein protestantischer Belfaster Bürger diese Form des 'Spaß-Krawalls'.

Belfast ist wieder in den Nachrichten. Bilder von Molotowcocktails, Krawallen und Straßenschlachten zwischen Polizei und Demonstranten flackern über die Bildschirme in Europa und der ganzen Welt. Die Unruhen begannen, als eine Mehrheit von nationalistischen und unabhängigen Stadträten dafür stimmte, die britische Flagge, den Union Jack, nur noch zu 17 festgelegten Anlässen am symbolträchtigen Rathaus in Belfast zu hissen, anstelle der vorher 365 Tage im Jahr. Dem gegenüber formierten sich schnell die Demonstrationszüge der protestantischen „Loyalisten“, für die die britische Flagge einen Teil ihrer nationalen Identität ausmacht. Häufig arteten diese Proteste dann in gewalttätige Aktionen aus.

Recreational rioting

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Die Unruhestifter, die Belfasts hart erkämpftes friedliches und positives Image beschädigen, sprechen nicht für die überwältigende Mehrheit der Stadtbewohner. Auf den Straßen spürt man hauptsächlich Verlegenheit. Das Markenzeichen der Stadt wird künstlich weiter erhalten und scheint trotzdem dem Untergang geweiht, obwohl in den vergangenen zehn Jahren von der Mehrheit der friedlichen Bürgeres so sorgfältig aufgebaut wurde. Wie so oft versucht man politische Rechtfertigungen oder sozioökonomische Gründe für die Unruhen zu erfinden. Die Entscheidung die Flagge abzunehmen war taktlos, aber nichtsdestotrotz demokratisch. Der wahre Grund für den Aufruhr ist ein Stabreim mit Widerspruch in sich, der beinahe so lächerlich klingt wie „friendly fire“ (freundliches Feuer). Er heißt „recreational rioting“ (etwa „Party-Krawall“).

Nacht für Nacht besetzen Menschen aller Altersgruppen die Straßen der Stadt. Die Gewalt diskriminiert niemanden. Ironischerweise sind sogar zumeist Protestanten am ärgsten betroffen. Normalität scheint unmöglich, da regelmäßig Barrikaden über die Stadt verteilt errichtet werden. Die Unterstützer der Unruhestifter sagen, dass dies die Gruppierungen sind, die von den 30 Jahren 'Troubles' am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wurden. Aber diese Erklärungsversuche erweisen sich als unsinnig, wenn man von Achtjährigen liest, die sich an den Protesten beteiligen. Belfast ist zu ihrem Spielplatz geworden, ihre Spielzeuge sind Steine und Molotowcocktails.

Die Mehrheit der Bürger stellt die friedliche Masse, doch diese wird übertönt von der Kakofonie an Bigotterie und Schwachsinn der dadurch obsiegenden Krawallbrüder. Anfangs gab es in den protestantischen Gegenden Nordirlands noch Sympathie für die friedlichen Demonstrationen. Aber nun, da die beständigen Störungen den Tagesablauf der Leute und ihrer Stadt gefährden, ist auch hier die Geduld am Ende. Die Lage in Belfast beginnt der Situation in Saigon kurz vor dessen Fall zu ähneln: die Kosten für die Überwachung und das Aufrechterhalten der Geschäftstätigkeit im Stadtzentrum sind enorm hoch. Doch der wahre Preis für den Ruf Belfasts lässt sich kaum abschätzen.

Illustrationen: (cc)Michal Osmenda/flickr