Uni in der U-Bahn: Franzosen kämpfen gegen ungerechtes Bildungssystem

Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2009
Mit der Gründung der "Université Paris 14" wollen Studenten, Lehrer und Wissenschaftler auf die Institutionalisierung des Bildungssektors aufmerksam machen. Mitstreiter Emile Gayoso und Quentin Lade über Neoliberalismus, den Bologna-Prozess und Vorlesungen in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Es ist 14 Uhr an einem Mittwochnachmittag, die Pariser Metrolinie 14 füllt sich mit Fahrgästen. Viele von ihnen wollen zur Bibliothèque François Mitterand, Touristenattraktion und Bollwerk des französischen Bildungssystems zugleich. Hier in U-Bahn Linie 14 jedoch werden die Fahrgäste Zeugen einer neuen Art von Bildung. Mehrere Männer und Frauen tragen Schilder mit der Aufschrift "Université de Paris 14" und verteilen Flyer an die Passagiere. Der Unterricht, so scheint es, hat begonnen. "Wir treffen uns an der BNF", erklärt Emile Gayoso, 24 Jahre, "und fahren den ganzen Weg bis zum Gare Saint Lazare. Dabei regen wir die Leute zu Diskussionen an und verteilen Informationsblätter. Die Zuhörer sind meistens recht interessiert, ab und zu genervt aber oft vollkommen auf unserer Seite."

Das Bildungssystem für alle zugänglich machen

Mit dem Metroticket zur Vorlesung ©Marissa Lopez Pablos"Paris 14" versteht sich als Verfechter der Lust am Lernen und des Wissensaustausches im Kampf gegen die sukzessiven Reformen, die die durchschnittliche europäische Universität von einem sozialen Bildungsumfeld in eine profitgierige Maschine verwandelt haben. Die Uni in der U-Bahn war ursprünglich eine Idee von Studenten und Professoren der Université Paris 7, ist aber offen für die Beteiligung aus allen Bereichen der Gesellschaft. "Blitzkurse" von 15-20 Minuten, angepasst an die durchschnittliche Fahrtzeit der Passagiere, bringen intellektuelle Diskussionen zurück in die reale Welt. "Bei Paris 14 kann jeder an den Kursen teilnehmen", so Gayoso "von Leuten aus dem Bildungssektor, bis hin zu Mister X außerhalb des Universitätssystems, der dieses öffentliche Forum nutzen will, um seine Ideen zu teilen."

Die Themen sind ganz unterschiedlich. Mythologie, aktuelle Politik oder die Schriften von Roland Barthes stehen gleichberechtigt auf dem Stundenplan. Die Menschen dazu zu bewegen sich öffentlich mit etwas Unbekanntem auseinanderzusetzen, ist eine nicht allzu leichte Herausforderung. Dennoch ist Gayoso stolz darauf den Menschen außerhalb des Bildungssektors eine neue Plattform für Diskussionen erschaffen zu haben. "Wir haben bewiesen, dass die Probleme im Bildungssystem nicht nur die dort Angestellten und die Studenten betrifft, sondern die Gesellschaft als Ganze."

Marschieren im Gleichschritt mit neo-liberaler Ideologie

Es waren die neuesten Streiks im Bildungssektor, die 'Paris 14' zusammenbrachten, so der 23-jährige Quentin Lade. Jedoch begann ihre kleine Gruppe bald daran zu zweifeln, ob sie das Bildungssystem, so wie sie es kannten, verteidigen wollten. "Die Proteste sind notwendig, um zu verhindern, dass sich Universitäten den wirtschaftlichen Unternehmen unterordnen," erklärt Lade. "Aber leider fehlt den Protestgruppen ein klares Ziel und politische Ambition. Seiner Meinung nach ist das französische Bildungssystem von Grund auf ungerecht. In der hierarchischen Struktur des Systems sitzen die elitären 'Grandes Ecoles' an der Spitze der Pyramide. "Die Kinder der Bildungselite haben gute Chancen, die gleichen Schulen zu besuchen wie ihre Eltern, während es für Kinder der Arbeiterklassen immer schwieriger wird einen Zugang zu finden."

Dieser Aspekt des französischen Bildungssystems wurde durch die Politik der EU nur verstärkt. "Universitäten sind dabei in einen Gleichschritt mit neo-liberaler Ideologie zu verfallen. Als Konsequenz werden sie zu Profit-machenden Maschinen. Diese Reformen stellen das Individuum, den Wissenschaftler und die Uni in Konkurrenz zueinander auf der Basis von Wirtschaftstheorien. Ungleichheit ist ein vermeintliches Element eines Systems, das willkürliche Exzellenz privilegiert." Das ist eine absurde und gefährliche Vision, in der Macht das einzige Gesetz darstellt.

Demokratische Ideale kollektiv vergessen

Der kontroverse Bologna-Prozess ist, so Lade, der Ausdruck von neo-liberaler Ideologie auf europäischem Level. "Es ist ein Projekt, gegen das wir mit Nachgiebigkeit kämpfen müssen, wenn wir nicht wollen, dass europäische Universitäten die Rolle der Profitmaschine einnehmen."

Mit Bologna im Fadenkreuz von Paris 14, wie sieht die Vision eines idealen Bildungssystems also aus? "Sollten Universitäten und Schulen nicht Orte sein, an denen Studenten und alle Anderen die Chance haben Entscheidungen zu treffen? Individuell und kollektiv? Ein Ort, an dem man mit anderen Menschen zusammenkommt und über das diskutiert, was unsere Gesellschaft zusammenhält? ", fragt Lade. "Das demokratische Ideal möglich machen - eine Idee die wir offensichtlich kollektiv vergessen haben." Wer weiß, vielleicht öffnen die Blitzkurse der Metrolinie 14 einen neuen Blickwinkel, für die Passagiere, die täglich an der Bibliothèque Nationale aussteigen. Ein neuer Blick auf das, was Bildung ausmacht und was sie verloren hat.