Uni-Ghostwriter: Hausarbeiten gegen Bares

Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2009
Sie werden dafür bezahlt, dass sie die wissenschaftlichen Aufsätze und Dissertationen Anderer schreiben. In Frankreich steht so etwas unter Strafe, aber bestraft wird selten ... Eine Untersuchung über die gelehrten Federn, die im Schatten arbeiten.

Nicolas ist Student. Wie alle anderen Studenten muss er arbeiten, um seine Miete zu zahlen und sich ein paar Male Ausgehen leisten zu können. Das mag ein alltägliches Schicksal sein, jedoch mit einer Besonderheit: Nicolas ist Ghostwriter für Hausarbeiten. „Das ist eine der wenigen intellektuellen Tätigkeiten, für die ich in meinem Alter Geld bekomme“, sagt der 24-Jährige. Er hat keine Lust als Kellner in einem Café oder als Klamottenverkäufer hart arbeiten zu müssen. Anzeigen auf Internetseiten für Studentenjobs legen nahe, dass Nicolas kein Einzelfall ist.

Nicolas und sein Chef: Wie am Schnürchen

Ohne Widerstreben erzählt er uns Genaueres über den Hintergrund seines Broterwerbs. Über einen Freund, der als Vermittler fungiert, trifft Nicolas seinen Arbeitgeber: einen Diplomaten in den Dreißigern, verheiratet, zwei Kinder. Hicham kommt aus der Golfregion, aber er schwimmt nicht im Geld. Als Nicolas 750 Euro pro Monat für eine Dissertation von ihm verlangt, an der er insgesamt zwei Jahre lang arbeiten wird, sieht sich Hicham außerstande, eine solche Summe zu zahlen. Schließlich einigen sie sich auf einen Betrag von monatlich 600 Euro. Steuerfrei, versteht sich.

Wenn Hicham bereit ist, eine solche Summe für seine Doktorarbeit zu zahlen, ist das nicht seine erste Erfahrung mit Nicolas. Letzterer hat schon zwei wissenschaftliche Aufsätze in Hichams Namen verfasst, die jeweils mit 15 und 16 [entspricht in Deutschland ungefähr einer 1,3; A.d.R.] aus 20 maximal erreichbaren Punkten benotet wurden. Hicham hat in mehreren Raten 2500 Euro für die 90 Seiten der ersten Arbeit und 4000 Euro für die 150 Seiten der zweiten Arbeit gezahlt. Die Dissertation müsste so um die 500 Seiten stark werden. Das macht 15.000 Euro in zwei Jahren.

Für die wissenschaftlichen Aufsätze hat sich Nicolas jedes Mal 15 Tage lang bei sich zu Hause mit fünf oder sechs Büchern verkrochen, für sechs oder sieben Stunden tägliche Schreibarbeit. Die von ihm ausgewählten Themen sind eher analytischer Art, um den Rechercheaufwand zu begrenzen. Dann kommt der Moment, in dem Hicham die Texte gegenliest. Immerhin muss er den Aufsatz vor den Dozenten der Universität präsentieren können - natürlich ohne Stellvertreter und ohne Souffleur, das versteht sich von selbst. Hicham muss die Arbeit von Nicolas perfekt verinnerlicht haben.

Beschämte Professoren

Hicham meint jedoch, dass es ein Leichtes sei, den Betrug zu vertuschen, denn wer wird sich schon die Mühe machen, alles nachzuprüfen: „Der Aufsatz ist notwendigerweise mit persönlichen Querverweisen gespickt. Als Einleitung zitiere ich Die Vernunft in der Geschichte von Hegel. Ob Hicham allerdings das Buch gelesen und somit die Zusammenhänge verstanden hat, ist seine Sache.“ Hicham könnte auch die Tatsache ins Spiel bringen, dass er kein Franzose ist, und dass er seinen Text übersetzen lassen hat. „Es ist allgemein bekannt, dass Nicht-Muttersprachler ihre Aufsätze von einem Franzosen Korrektur lesen oder ganz unverblümt neu verfassen lassen. Das ist nicht verboten und wird sogar von vielen Professoren empfohlen. Wieder gibt es für Nicolas keinen Zweifel: „Die Wendungen sind typisch französisch, das sticht sofort ins Auge. Man hat Hicham auch schon wegen seines zu geschraubten Stils gerügt.“

Dozenten seien gegenüber den betrügerischen Praktiken heutzutage machtlos.

„Auch ohne die Ghostwriter habe ich schon genug mit Plagiaten zu tun,“ empört sich eine Medizin-Professorin, die anonym bleiben möchte. Dozenten seien gegenüber den betrügerischen Praktiken heutzutage machtlos. Ein weiteres alarmierendes Geständnis kommt von Michel Boudot, Jura-Professor an der Universität von Poitiers: „Natürlich kann jemand einen Aufsatz im Namen eines anderen schreiben, ohne dass ich es bemerke.“ Hubert Peres, Dekan der Juristischen Fakultät an der Universität von Montpellier, geht noch weiter: „Ob es nun richtig oder falsch ist, wir stellen uns diese Frage [über die Identität des Verfassers] im Allgemeinen nicht.“ Ein Studienfach scheint besonders anfällig für die Praxis des Ghostwriting: „Das ist besonders bei den Medizinern sehr verbreitet. In Frankreich müssen die Absolventen eine kleine Dissertation verteidigen, um ihren Doktortitel zu bekommen. Es gibt einen wahrhaften Markt für diese Dissertationen“, erläutert ein Medizin-Professor.

Glaubwürdiger Abschluss?

Welchen Wert haben Uni-Diplome eigentlich noch? Hicham will den Doktortitel im Fach Internationale Beziehungen erwerben, um seinen Konkurrenten „immer einen Schritt voraus zu sein“, wie er Nicolas bei einem Treffen anvertraut. Er könne sich sogar vorstellen, nach seiner Rückkehr in sein Heimatland dort zu unterrichten. Die Täuschung wäre dann absolut.

Es existieren jedoch Strafen. Ein Student, der beim Täuschungsversuch ertappt wird, riskiert, für fünf Jahre von universitären Auswahlverfahren oder Prüfungen ausgeschlossen zu werden. So kann man ernsthaft eine Karriere zunichte machen. Die Strafe erfasst zahlreiche Tatbestände, vom Plagiat bis zum Ghostwriter für Hausarbeiten. Aber sie wird selten angewandt. Statistiken existieren nicht. Unter den zahlreichen zum Thema befragten Studenten hat noch keiner eine Anwendung der Strafe gesehen. Kein sicheres Kontrollinstrument außer das Geständnis des Studenten selbst, sowie Strafen, die nicht angewandt werden - das verleitet zu Verstößen.

Es versteht sich von selbst, dass es Nicolas davor graut, erwischt zu werden. Daher hat unser „Ghostwriter“ darum gebeten, ihn unter falschem Namen zu nennen. Aber man muss zugeben, dass das Risiko winzig bleibt. Eigentlich ist Nicolas‘ Hauptproblem ein anderes: Er ist dazu gezwungen, im Schatten zu zu stehen und versagt sich damit jede Anerkennung für seine Arbeit.