Ungeschütztes Verhältnis : Polen und die Prostitution

Artikel veröffentlicht am 6. November 2013
Artikel veröffentlicht am 6. November 2013

Im Geheimen schlummert die Prostitution in Warschau – spätestens seit der Fußball-EM 2012. Das ganze Land schwankt: Ausländerstigmatisierung, Grenzkontrollen und Betriebe, die ihre Namen nicht verraten wollen. Leben zwischen Ablehnung und Diskretion scheint sich als Phänomen durch ganz Osteuropa zu ziehen.

„Diese Dinge gibt es bei uns nicht“, beginnt Dawid, auf seine Wildlederschuhe herabblickend. Das Thema Prostitution gilt in Polen als unpassend. Der 22-jährige Pole passt sich seiner Umgebung wie ein Chamäleon an: Im Hintergrund thront der Warschauer Kultur- und Wissenschaftspalast, wo um ein Uhr morgens junge H&M-Träger vor den Glaskulissen der Innenstadt sitzen. Das Stadion wurde 2012 zur Europameisterschaft gebaut und funktioniert als eine Art Fluchtpunkt: Die Schatten seiner Komposition werden durch Neonlichter abgeschwächt. „Night Club“ kann man ein paar Schritte von Dawid entfernt lesen, während er die Aleje Jerozolimskie überquert. 

Herkömmliche Verdächtige

Prostitution in Warschau hat ihren Platz irgendwo zwischen Ablehnung und Diskretion. „Prostitution ist hier nicht sichtbar“, erklärt Alexis Ramos. Der junge Amerikaner schreibt seine Doktorarbeit an der Europa-Universität Viadrina. Sein Thema: Europäische Gesetzgebung in Bezug auf Menschenhandel. Er sagt: „Obwohl es noch Verkehr von hier aus in Richtung Westen gibt, hat Polen es inzwischen fast aufgegeben, ein Ursprungsland zu sein. Es ist zu einem Transferland geworden.“ 

Etwa 46% dieses Menschenhandels seien heute mit Prostitution verbunden. Wirft man einen Blick auf die Ursprungsländer dieser Ströme Richtung Polen, wird klar, dass die Grenze sich gen Osten verschoben hat: Vom Ursprung Asien (vor allem Vietnam) bis zu den geografischen Nachbarn wie Bulgarien, Rumänien, Moldawien - nach Rasmos „gerade das exportintensivste Land“ - und natürlich die Ukraine, die gemeinsam mit Polen 2012 die Fußball-EM austrug. 

Zwischen letzterer und Polen scheint es, als würde eine spezielle Gesetzgebung herrschen. Kiew verlangte plötzlich keine Visa mehr von polnischen Einreisenden, als sich das Land immer mehr in Richtung EU-Beitritt bewegte. „Jetzt ist es genauso leicht, ein Visum für Polen zu bekommen wie für jedes anderes Mitglied“, bestätigt Marina. Sie kommt aus Riwne im Nord-Westen der Ukraine. Mit ihren 22 Jahren weiß sie bereits sehr gut, was es heißt, eine ukrainische Einwanderin in Warschau zu sein.

Bordell der Fröhlichkeit

„Das erste Mal, als ich nach Polen kam, hatte ich ein Touristenvisum. Später bin ich noch einmal wieder gekommen, um eine Ausbildung als Kosmetikerin zu machen. Ich habe nie studiert. Ich habe angefangen, eine Arbeit zu suchen, ohne ein Wort Polnisch zu sprechen.“ Marina bestätigt nicht nur die Präsenz der Mafia in den Botschaften – Handel mit jungen Ukrainerinnen inbegriffen – sie erzählt auch vom Argwohn der polnischen Autoritätspersonen ihren Landsleuten gegenüber: „Mir wäre es niemals in den Sinn gekommen, auf den Strich zu gehen. Ich habe mich erst um Kinder und ältere Leute gekümmert, dann habe ich einen Job in der Logistik gefunden. Aber jedes Mal, wenn ich am Zoll vorbeifahre, schaut mich die Grenzpolizei argwöhnisch an.“

Nach dem Sturz der UdSSR 1991 verarmten viele Familien. Menschenhandel aus Richtung Westen kam an die Tagesordnung. „Seit 20 Jahren gibt es bulgarische und ukrainische Prostituierte in Polen“, so Joanna Garnier, Wortführerin des Vereins La Strada in Warschau. Nicht weit von der technischen Universität entfernt, kämpft die Organisation seit 18 Jahren gegen den Menschenhandel in den Niederlanden und innerhalb verschiedenster Regionen in Osteuropa. „Unter den 200 Fällen von Menschenhandel, die uns 2012 in Polen erreicht haben, waren 90% der Opfer weiblich. Der Großteil unter ihnen waren Sexarbeiterinnen aus Bulgarien und der Ukraine.“

„In der Ukraine hält man mich für eine Schlampe, weil ich mein Geld in Polen verdiene“

Garnier hat Unterstützung von mehreren anderen La Strada-Mitgliedern. Sie gehen mit ihrem Präventionsprogramm vor allem in Schulen und Waisenhäuser, neben anderen Nicht-Regierungs-Organisationen auch in Psychiatrien. „Vor zwei Wochen haben wir in einer ukrainischen Kirche in Warschau Informationen für hilfsbedürftige Frauen verteilt. Keine von ihnen hat es zugeben können, aber ich bin mir sicher, dass manche zur Prostitution gezwungen werden.“ 

Ihre Vermutungen werden von Marina bestätigt: „Aus meinem Land gibt es Mädchen, die ihren Familien vorgeben, sie seien Putzfrauen. In Wirklichkeit gehen sie auf den Strich. In Riwne glauben sie, ich sei eine Schlampe, weil ich in Polen Geld verdiene.“ Vorurteile, die aber auch anders herum in der polnischen Hauptstadt bestehen: „Ein Vermieter hat meinen ausländischen Akzent erkannt und wollte mir seine Wohnung nicht geben. Er dachte, ich will da ein Bordell aufmachen.“

Trotz Vorbehalt ist Prostitution in Polen nicht verboten. Sie wird laut Gesetz nicht direkt bestraft, jedenfalls nicht, wenn sie nicht über einen Zuhälter läuft. „Das ist die einzige Arbeit, von der man keine Steuern abziehen muss“, erklärt Ramos. „Die Arbeiterinnen müssen beweisen, dass sie Prostituierte sind, indem sie also zum Beispiel Fotos ihrer Kunden machen oder Zeugen haben.“

Diese Art hat sich hingegen noch nicht wirklich rumgesprochen: „Die Mädchen vertrauen eher ihrem Zuhälter als offiziellen Institutionen“, gesteht Garnier. „Vor kurzem erst haben wir den Fall einer etwa 20-jährigen Bulgarin mitbekommen. Man hat ihr einen Job in der Landwirtschaft angeboten. Sie hatte schon vorher in Griechenland mal bei einer Gemüseernte mitgeholfen. Ein Familienmitglied hat sie einem Händler in Bulgarien vorgestellt, aber als sie dann in Polen angekommen ist, arbeitete sie nicht auf dem Feld, sondern wurde auf die Straße gezwungen. Als sie sich gewehrt hat, wurde sie geschlagen.“

Warschau ist Opfer seines eigenen Schweigens geworden und versucht nun mit allen Mitteln, den Ruf als Sextourismus-Ziel wieder loszuwerden. Beweis waren die strengen Grenzkontrollen während der Europameisterschaft 2012. Die chinesischen Schatten sieht man jetzt nur noch bei der U-Bahnstation Politechnika. Aber geht man in die Hauptstraße Nowy Swiat oder über die Aleje Jerozolimskie, die zum Nationalstadion führt, kann man überall die Flut an Flugblättern sehen, die mit ihrer Aufschrift „Night Club“ die Utopien Warschaus wegwischen.

Warschau ist Opfer seines eigenen Schweigens geworden und versucht nun mit allen Mitteln, den Ruf als Sextourismus-Ziel wieder loszuwerden. Beweis waren die strengen Grenzkontrollen während der Europameisterschaft 2012. Die chinesischen Schatten sieht man jetzt nur noch bei der U-Bahnstation Politechnika. Aber geht man in die Hauptstraße Nowy Swiat oder über die Aleje Jerozolimskie, die zum Nationalstadion führt, kann man überall die Flut an Flugblättern sehen, die mit ihrer Aufschrift „Night Club“ die Utopien Warschaus wegwischen