Ungarns Jugend will Radikalität - und wählt Jobbik

Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2014

Die rechts­ex­tre­me un­ga­ri­sche Par­tei Job­bik fällt re­gel­mä­ßig mit Dis­kri­mi­nie­run­gen gegen Rroma und an­ti­se­mi­ti­schen Äu­ße­run­gen auf. Die ungarische Ju­gend sieht Job­bik als In­stru­ment, die alt­her­ge­brach­te Po­li­tik zu re­vo­lu­tio­nie­ren. Ein Be­richt aus Bu­da­pest.

In den un­ga­ri­schen Par­la­ments­wah­len im April 2014, er­ziel­te die Par­tei Job­bik unter dem Vor­sit­zen­den Gábor Vona 20,46 % der Stim­men. Ein Monat spä­ter, bei den Eu­ro­pa­wah­len, wurde Job­bik mit einem Wäh­ler­an­teil von 14,7 % zur zweit­stärks­ten po­li­ti­schen Kraft. Diese guten Er­geb­nis­se ver­dankt die „Be­we­gung für ein bes­se­res Un­garn“, wie sich Job­bik auch be­zeich­net, vor allem der Ju­gend: der Groß­teil der An­hän­ger sind junge Men­schen. Sie sind kei­nes­wegs eine Ge­ne­ra­ti­on von Neo­na­zis, denn Job­bik ver­spricht ihnen einen Um­schwung, der fri­schen Wind in die tra­di­tio­nel­le Par­tei­enlandschaft trägt.

Fuss­ball und Ka­rao­ke

1999 von Stu­die­ren­den als zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on ge­grün­det, wurde Job­bik erst 2002 zur po­li­ti­schen Par­tei. „Job­bik weiß, wie die Uni­ver­si­tä­ten funk­tio­nie­ren und war als erste Par­tei in den so­zia­len Netz­wer­ken aktiv, be­son­ders auf Face­book“, sagt Máté Hajba, Ju­ra­stu­dent und Mit­glied des Ver­eins Eu­ro­pean Stu­dents for Li­ber­ty. Job­bik setzt nicht auf die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le der tra­di­tio­nel­len Me­di­en und bie­tet da­durch Re­ak­ti­vi­tät und Nähe, die eine In­ter­net-af­fi­ne Ju­gend ver­füh­ren. Die An­hän­ger wer­den stän­dig über ak­tu­el­le Ak­ti­vi­tä­ten der Par­tei, die die Po­pu­la­ri­tät stei­gern sol­len, auf dem Lau­fen­den ge­hal­ten. Ihre Ju­gend­sek­ti­on, Job­bik IT (Job­bik If­ju­s­a­gi Ta­go­z­at), hatte im Juni 2014 mehr als 45.000 Face­book­fans. „Wir or­ga­ni­sie­ren jede Woche Events: Kon­zer­te, pa­trio­ti­sche Ver­samm­lun­gen, Ka­rao­ke, Ta­lent­wett­be­wer­be und Sport­wett­kämp­fe“, zählt Sz­abolcs Sza­lay auf, der der Job­bik-Ju­gend­sek­ti­on sei­ner Stadt Duna­kes­zi vor­steht und als As­sis­tent eines Ab­ge­ord­ne­ten tätig ist.

Um die Ver­an­stal­tun­gen zu ma­na­gen, stützt sich Job­bik auf eine Viel­zahl an lokalen Lo­kal­teams, deren Mit­glie­der meist jün­ger als 30 Jahre alt sind. „Wir ma­chen nicht nur Po­li­tik – wir tref­fen uns auch, um zu­sam­men Fuss­ball­spie­le zu gu­cken oder um zu dis­ku­tie­ren. Es ist doch schön, Hob­bies ge­mein­sam nach­zu­ge­hen“, er­zählt Ge­or­gi­na Bernàth, in­ter­na­tio­na­le Pres­se­spre­che­rin von Job­bik. „Job­bik ist in der Kunst­sze­ne sehr prä­sent: Es gibt Bü­cher über die Par­tei, Job­bik steht in engem Kon­takt mit vie­len Künst­lern und hat sogar seine ei­ge­ne Marke.“, be­stä­tigt Bulcsú Hun­ya­di, Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler bei Po­li­ti­cal Ca­pi­tal

Tier­freun­de

Weil Job­bik als Par­tei wahr­ge­nom­men wurde, die immer ein of­fe­nes Ohr für die Sor­gen der Wäh­ler­schaft hat, ist sie mehr und mehr zur ein­zi­gen Al­ter­na­ti­ve ge­wor­den. „Die Men­schen sind ent­täuscht von der Po­li­tik; von den an­de­ren Par­tei­en, die sie als kor­rum­piert an­se­hen, haben sie die Nase voll.“, er­klärt Máté Hajba. Die Un­ter­stüt­zer von Job­bik gehen zudem auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs gegen die Eli­ten. Dar­aus ma­chen sie einen zen­tra­len Punkt ihrer For­de­run­gen: „Die an­de­ren Par­tei­en haben die­ses Sys­tem ge­schaf­fen. Wir sind neu da­zu­ge­kom­men. Die jun­gen Leute stim­men auch für uns, weil wir es wagen, end­lich die Pro­ble­me an­zu­ge­hen, mit denen die un­ga­ri­sche Ge­sell­schaft kon­fron­tiert ist.“, so Sz­abolcs Sza­lay wei­ter. Wirt­schafts­kri­se, Ar­beits­lo­sig­keit, In­te­gra­ti­on der Rroma – das sind The­men von Job­bik, die zudem laut ihrem Pro­gramm „40 Jah­ren Kom­mu­nis­mus und 24 Jah­ren neo­li­be­ra­ler Glo­ba­li­sie­rung“ ein Ende be­rei­ten will. Die Stra­te­gie „wir sagen oben, was ihr da unten denkt“, bringt ra­di­ka­le Vor­schlä­ge her­vor und ist von einer er­schre­cken­den Ef­fek­ti­vi­tät. „Für uns gibt es keine Tabus, wir sind dy­na­misch und ehr­lich“, prä­zi­siert Ge­or­gi­na Bernàth.

Vor allem lässt Job­bik auf eine bes­se­re Zu­kunft hof­fen. „Die jun­gen Men­schen den­ken, dass sie keine Zu­kunft in Un­garn haben. 500.000 von ihnen sind schon wegge­gan­gen, um im Aus­land zu leben; das stellt für uns ein Pro­blem dar. Wir wol­len ihnen eine Per­spek­ti­ve bie­ten.“ In einem Land, in dem ein Vier­tel der unter 25-Jäh­ri­gen ar­beits­los ist und viele Stu­den­ten fürch­ten, nach dem Un­iab­schluss ohne Ar­beit da­zu­ste­hen, ist das ein schlag­kräf­ti­ges Ar­gu­ment. Par­al­lel dazu wurde an­läss­lich der letz­ten Wah­len eine ‚Ent­dä­mo­ni­sie­rungs­kam­pa­gne‘ von Job­bik ge­führt, um wei­te­re Wäh­ler dazu zu­ge­win­nen. „Auf ihren Wahl­pla­ka­ten haben sie neben Tie­ren po­siert, um mo­dern und an­zie­hend zu wir­ken“, er­wähnt Bulcsú Hun­ya­di.

Au­ßer­dem hat sich Job­bik von der un­ga­ri­schen Garde Ma­gyar Gárda dis­tan­ziert, eine pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Miliz, die vor Ge­walt und Frem­den­feind­lich­keit nicht zu­rück­schreckt und 2009 erst­mals auf­ge­löst wurde. Ge­or­gi­na Bernàth be­kräf­tigt: „Die Ma­gyar Gárda ist nicht das wahre Ge­sicht Job­biks. Die Me­di­en grei­fen das Image ver­schie­de­ner Be­we­gun­gen auf, um uns zu stig­ma­ti­sie­ren, aber das ent­spricht nicht der Wahr­heit.“

Die An­hän­ger Job­biks be­ken­nen sich mit einem ge­wis­sen Stolz und einem star­ken Zu­ge­hö­rig­keits­ge­fühl zu ihrer Par­tei. Nicht sel­ten be­kommt man in Bu­da­pests Stra­ßen junge Leute zu Ge­sicht, die ein T-Shirt mit dem Slo­gan „Be­we­gung für ein bes­se­res Un­garn“ tra­gen.

Eine Er­folgs­ge­schich­te, aber nicht auf der gan­zen Linie

Der Auf­stieg Job­biks hat aus ihr al­ler­dings nicht die stärks­te po­li­ti­sche Kraft Un­garns ge­macht. Máté Hajba zu­fol­ge ist die Par­tei nicht mäch­tig genug, eines Tages zu re­gie­ren. „Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass sie eine Ko­ali­ti­on mit einer an­de­ren Par­tei ein­ge­hen wer­den“, be­merkt er. Job­bik er­reicht zwar sehr gute Er­geb­nis­se in den länd­li­chen Ge­gen­den im Osten des Lan­des, wo die Si­tua­ti­on der Ein­woh­ner be­son­ders schwie­rig ist, aber die Haupt­stadt hat Job­bik al­ler­dings noch längst nicht er­obert. „Job­bik ist die zweit­stärks­te Par­tei – das liegt aber vor allem daran, dass die Op­po­si­ti­on völ­lig zer­strit­ten ist“, ana­ly­siert der Stän­di­ge Ver­tre­ter Un­garns im Eu­ro­pa­rat, Fe­renc Robák.

Das Neue, das Job­bik mit ihren pa­trio­ti­schen Ideen ver­kör­pert, ruft kei­nes­wegs über­all Beifall hervor. Lászlö Bö­de­us, Stu­dent an der Eöt­vös-Uni­ver­si­tät, spricht sich sogar für ein strik­tes Ver­bot der Partei aus.

Die Ab­schot­tungs­po­li­tik des Lan­des ge­gen­über aus­län­di­schen Fir­men und In­ves­to­ren, das Strei­chen von So­zi­al­leis­tun­gen für Roma, die Kam­pa­gne gegen „kri­mi­nel­le Zi­geu­ner“, die Un­ter­stüt­zung von Bür­ger­weh­ren, die Ver­schär­fung des Ab­trei­bungs­ge­set­zes: das sind gleich eine Reihe von Maß­nah­men, wel­che die jun­gen Leute, die pro-west­lich und pro-eu­ro­pä­isch ein­ge­stellt sind, be­un­ru­hi­gen. Vor der Uni­ver­si­tät fragt sich Károly Tóth, 19 Jahre, nach den Grün­den für den Er­folg von Job­bik. „Ginge man die so­zia­len Pro­ble­me des Lan­des wirk­lich an, hätte Job­bik keine Ar­gu­men­te mehr und würde an Po­pu­la­ri­tät ver­lie­ren.“ Fe­renc Robák teilt diese Mei­nung: „Wir müs­sen echte Ant­wor­ten auf die Pro­ble­me der Ge­sell­schaft fin­den; die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on bie­tet einen Nähr­bo­den für Po­pu­lis­mus.“

Die jun­gen Leute, seien sie nun Job­bik-An­hän­ger oder nicht, wol­len nur eins: dass sich ihr Land än­dert.

DIESER ARTIKEL IST TEIL UNSERER CAFEBABEL-REPORTAGEREIHE EU IN MOTION, MIT UNTERSTÜTZUNG DES EUROPAPARLAMENTS UND DER FONDATION HIPPOCRÈNE.

. | Adrien Le Coarer. | Adrien Le Coarer

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