Ungarn und die Krise: Das isolierte Herz Europas

Artikel veröffentlicht am 14. April 2009
Artikel veröffentlicht am 14. April 2009
Die Wirtschaftskrise wütet in Ungarn: Nachdem der sozialistische Ministerpräsident, Ferenç Guyrcsány, seinen Rücktritt angeboten hatte, macht seine Nachfolge nun deutlich, wie fragil die Lage des Landes ist. Es steht wirtschaftlich am Rande des Abgrunds, kämpft mit einer polarisierten Öffentlichkeit. Nur die Jugend scheint einen Funken Optimismus und Kreativität in die Gesellschaft zu tragen.

Acht Uhr morgens, ein typischer Arbeitstag in Budapest. In Linie 3 der U-Bahn vermeiden müde Passanten jeglichen Blickkontakt, während die Bahn gen Déak Ter fährt - dem neuralgischen Platz der zwei-Millionen-Metropole mit dem rostigen Charme. Es sagt auch niemand was, in diesem Wagon. Niemand spricht, nicht mal die Zeitungsleser lächeln sarkastisch. Dabei sind die Titelseiten voller schlechter Nachrichten.

Einkaufsnetze und bitterer Kaffee, ältere Menschen mit eingefrorenen Gehältern isoliert in diesem Niemandsland, mit Jobs von heute und einer Seele von gestern - die Budapester Metro wirkt leblos. Besonders die jungen Leute machen sich rar. Und ohne Leben ist es umso schwieriger, die minimalistischen Retro-Kabinen aus der Zeit vor der Wende schätzen zu wissen.

Budapest hinkt hinterher

©Longeries/flickr"Diese Krise ist halb so wild!", wirft uns die Angestellte eines Cafés in unfreundlichem Englisch entgegen, als wir ihre erhöhten Preise kommentieren. "In den Neunzigern hatten wir‘s gut!", erklärt sie und verweist auf den Übergang vom kommunistischen zum kapitalistischen Wirtschaftssystem. Doch die Krise ist nicht zu leugnen, auch das stagnierende Wachstum nicht; allerdings hindert der ungarische Nationalstolz, der diese Gesellschaft kennzeichnet, daran, dies vor Fremden auch zuzugeben.

Doch laut den Zahlen des europäischen Thinktanks CEPS [Centre for European Policy Studies], hatten die Slowakei und Ungarn 1997 noch ein Bruttoinlandsprodukt von 51 Prozent des durchschnittlichen BIPs der Europäischen Union. Heute erreicht die Slowakei 69 Prozent, während Ungarn bei 61 Prozent hängen bleibt. Tschechien kommt immerhin auf 81, Slowenien gar auf 89 Prozent.

Unsere Vorhersage ist schwarz: Unser BIP wird wahrscheinlich sogar um drei bis vier Prozent einbrechen.

Zur Hypothese zahlreicher Spezialisten, dass der Durchschnittsungar ein deprimierter Schlag Mensch sei, gesellen sich in Zeiten der Wirtschaftskrise nun die passenden Zahlen: Während das BIP des Landes 2008 noch um 5 Prozent anwuchs, befürchtet die Europäische Kommission für 2009 einen Rückgang von mindestens 1,6 Prozent. "Unsere Vorhersage ist sogar noch schwärzer: Es wird wahrscheinlich sogar um drei bis vier Prozent einbrechen", sagt Andras Vértes, Direktor des Wirtschafts-Thinktanks GKI Economic Research. "Das ungarische BIP wird 2009 um sechs Prozent schrumpfen", befürchtet der Finanzdienstleister Standard & Poors.

Ungarn hat seine Hausaufgaben gemacht

©13lobby/flickrAllerdings gab es in Ungarn keine Wirtschaftsblase, auch die Inflationsrate blieb hier relativ gering. Der Budapester Bankensektor ist gesund und das Problem fauler Hypotheken-Kredite eher ein Problem anderer Länder. Aber wie kommt dann die desolate Wirtschaftslage in Ungarn zustande? Gergely Romsics, Forscher am Ungarischen Institut für internationale Angelegenheiten, gibt einen ersten Hinweis: "Der Wirtschaftswandel hat in Ungarn früher eingesetzt als in den anderen ehemals kommunistischen Ländern. Hier hat man bereits zwischen 1997 und 2006 die Märkte für ausländische Investoren geöffnet." Vértes bestätigt diese Analyse und zieht Irland zum Vergleich heran: "Irland war das offenste Land der Welt - verstrickter in die Globalisierung konnte man nicht sein", erläutert der Analyst, "und deswegen leidet es jetzt auch so."

Es ist nicht so, dass beide Experten ausschließlich den Freihandel für die Folgen der Krise verantwortlich machen: Doch gerade dieser unterstreicht das Ausmaß der Abhängigkeit Ungarns von ausländischem Kapital. "Die bedeutendsten Banken sind ausländische", gibt Vertés zu und meint damit Unicredit, KBC oder Intensa Sanpaolo. "Und in dem Moment, in dem die Mutterländer dieser Banken Liquiditätsprobleme bekamen, weil sie faule Hypotheken-Kredite vergeben hatten, hat sich das Kapital in Ungarn in Luft aufgelöst und haben Banken die Kreditvergabe komplett auf Eis gelegt."

Isoliert inmitten der Union

"Wir sind ein von Feinden umzingeltes Land, das sich nun selber helfen muss", stellt Janos mit einer Mischung aus Stolz und Resignation fest. Janos ist groß, blond und athletisch. Außerdem betreibt er ein traditionelles Restaurant im Stadtteil Buda, der auf einem Hügel über der Donau liegt. Diese Sichtweise wird von vielen Ungarn - egal welcher Schicht oder politischer Couleur geteilt. Je nach dem wie sehr sie sich trauen, zeigen viele durchweg einen aufrichtigen Nationalismus und eine gewisse Nostalgie gegenüber dem "großen Ungarn" von vor langer Zeit.

Man braucht nur in das tränenerregende Terror Háza Múzeum ["Haus des Terrors"] einzutreten, das Geschichtszentrum in der Andrassyallee, um diesen Eindruck zu bestätigen. Dieses Museum, das 2002 eingeweiht wurde, lässt den Terror beider Besetzungen Ungarns im Verlaufe des 20. Jahrhunderts Revue passieren: Der Einmarsch der Nationalsozialisten und der Roten Armee. Es ist nur so, dass die erste Etage komplett darauf verwendet wird, zu erklären, wann sich welcher europäische Nachbar welchen Teil des ungarischen Territoriums einverleibt hat: Österreich, Slowenien, die Ukraine, Rumänien, Serbien, die Slowakei... Und es scheint den Ungarn äußerst schwer zu fallen, sich von diesem Gefühl der Kränkung loszusagen.

Das erschwert auch die Zusammenarbeit mit den anderen, ebenfalls ex-sowjetischen Staaten. Polen, Tschechien und andere betrachten das Land argwöhnisch, das nach jeder kleinen Veränderung sofort Forderungen stellt, wie mit den ungarischen Minderheiten in den jeweiligen Staaten umzugehen sei. "Die Tatsache, dass Ungarn Zentrum eines großen Imperiums war, erzeugt alle Arten des Misstrauens gegenüber den Nachbarn", fügt Gergely Romsics an.

Die zwei Gesichter von Budapest

©mackapocs/flickrWie Doktor Jeckyll in Mister Hyde verwandelt sich Budapest, wenn es Nacht wird. Binnen einer halben Stunde wimmelt es nur so von kreischbunten Kleidern und geschminkten Menschen. Die Ungezwungenheit einer nimmermüden Jugend, die sich tagsüber in die Universitäten zurückzieht, macht sich breit. Sie sind Generationsjongleure, indem sie das Bewährte recyceln und das Neue ohne Komplexe annehmen. Man neigt dazu, Budapest der Triade der drei "B"s zuzuordnen: Wie in Berlin und Barcelona gäbe es hier den letzten Schrei urbaner Tendenzen Europas. Trotzdem, die Jugend Budapests erschafft, ahmt nach und amüsiert sich ohne die snobistische Verleumdung einiger Gegenden der Hauptstadt Kataloniens, ohne die trendy Gleichgültigkeit der Berliner.

"Das beste Indiz für eine verheißungsvolle Zukunft Ungarns?", fragt sich unser ungarischer Korrespondent vor Ort. "Die Zahl der Restaurants, die von jungen Leuten geführt werden und der Reichtum der nationalen Küche." Ein unanfechtbares Evangelium, das eine gesonderte Reportage verdient hätte - bei einem zukünftigen Besuch.

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