Ungarische Fußballfans zwischen Ultras und Unbehagen

Artikel veröffentlicht am 25. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 25. Mai 2016

Die Chroniken des erfolgreichsten Fußballvereins in Ungarn, Ferencvárosi, sind übersät mit Neo-Nazi-Bannern, rassistischen Ausfällen und Gewalt. Wir suchen nach Gründen für diesen Extremismus und sehen, wie geschäftliche Interessen sich auf Fans und Verein auswirken. Und wir fragen uns: gibt es Fans, die ihre Leidenschaft für Fradi anders ausleben können? 

Wenn man jemanden kennenlernen will, klopft man zuerst an die Haustür. Für den Fußballverein Ferencvárosi ist das „Haus“ die Groupama Arena, ein modernes Stadion vor den Toren Budapests, das 2014 dank einer öffentlichen Investition von 15 Milliarden Forint (ungefähr 48 Milionen Euro) eingeweiht wurde. 

Geschichte, Sicherheit und Geschäft

Die Dame an der Rezeption antwortet zurückhaltend auf Fragen nach den Fans. „Wir haben normale Fans und verrückte Fans. Die verrückten“, erklärt sie, „lehnen die neuen Einlassbestimmungen ab, die einen Mitgliedsausweis vorsehen.“ Der Mitgliedsausweis für Fans enthält einen biometrischen Scan beider Handflächen, eingeführt von BioSec, außerdem funktioniert er als Geldkarte für Zahlungen im Stadion.

Der Besuch beginnt bei den Skyboxes: abgetrennte Bereiche von wenigen Quadratmetern, die für tausende Euro im Jahr gemietet werden können. Hier personalisieren Firmen ihren Bereich und besprechen sich auf gemütlichen Sofas mit Geschäftspartnern, umgeben von Spirituosen. Nichts kann weiter von der Leidenschaft des mitfiebernden Fans entfernt sein.

Tomasz ist unser Guide: unter konstantem Nieselregen laufen wir auf den Rasen, der grün leuchtet wie die Tribünen mit den Clubfarben. „Ich habe freien Zutritt zum Stadion“, sagt Tomasz, „aber ich habe ein Abo für den Sektor C-2 gekauft. Bei den Spielen will ich klarstellen, dass ich für das Team hier bin. Erst kommt Fradi, dann die Arbeit.“

Im Fradi-Museum die Spinde zu öffnen ist, als würde man im Geschichtsbuch die letzten 100 Jahre ungarischer Geschichte nachlesen: vom Nationalsozialismus über den Kommunismus zum Kapitalismus änderte das Team Namen und Farben. Das Museum geht in den Fanshop über, wo man offizielle Trikots, Handtücher, Schlüsselanhänger und Pálinka-Flaschen in den Teamfarben weiß-grün kaufen kann.

Wenn Fanartikel einige Menschen glücklich machen, entfremden sie andere von der Liebe zum Fußball. Attila Boro zum Beispiel ist seit 27 Jahren Logistiker und erlebt sein Fan-sein hin- und hergerissen zwischen Leidenschaft und Enttäuschung: „Früher war ich ständig im Stadion. Ich sehe mich nicht als Ultra“, stellt er klar, „aber sie haben mir viel beigebracht. Neben der Treue zum Team haben sie wichtige Werte wie Loyalität und Brüderlichkeit. Sie sind keine Engel, aber auch keine Kriminellen, wie sie meistens dargestellt werden.“ Seine Kritik am Management ist bitter: „Sie wollen die Menschen registrieren. Sie schließen die weniger Wohlhabenden aus, indem sie die Ticketpreise erhöhen und wer sich nicht anpasst wird kriminalisiert. Sie wollen Fans, die Geld ausgeben können. Das ist ein Grund, warum ich nicht mehr ins Stadion gehe.“

Traumstadion, Albtraum-Security

Wenn man zu Hause niemanden findet, klopft man an die Tür des Freundes. Oder des Feindes. Ich nehme den Bus nach Felcsút, Geburtsort von Ministerpräsident Viktor Orbán. Heute findet das Spiel zwischen Ferencvárosi und Puskás Akadémia statt. Mitten in der ungarischen Pampa erhebt sich die kleine Fußball-Kathedrale mit ihren märchenhaften Konturen. Auf den Tribünen stehen Polizisten, die auf Krawalle vorbereitet sind. Mehr als 200 Security-Mitarbeiter sind heute im Einsatz.

Unter ihnen leiten in paramilitärischer Ausrüstung ungefähr zehn Kerle mit rasierten Schädeln die Operationen. „Sie stehen auf der Gehaltsliste von Fradi und sollen ihre eigenen Fans einschüchtern. Oft sind es ehemalige Ultras, einige sind vorbestraft“, erklärt man mir. Ich erwarte, dass die bad boys kommen und sich mit Parolen und Rauchbomben austoben. Ich liege falsch. Nur ein mageres Grüppchen Fans steht auf den Tribünen, die kaum Stimmung machen. Die Atmosphäre ist bald im Keller und das Spiel endet unentschieden und ohne Tore.

Wo sind die Ultras?

„Die Spaltung zwischen Ultras und Vereinsleitung ist tief. Die Ultras wollen Kubatov, den Vereinspräsidenten, absetzen“, erzählt uns Gábor Csekey, der seit 2008 die Seite Ulloi129 kuratiert. Die Seite wurde erstellt, um die Fans zu informieren und das Team während des Abstiegs in die zweite Liga zu unterstützen. Sie zählt mehr als 20.000 Aufrufe und tausende Kommentare täglich. Der Ursprung der Auseinandersetzungen liegt für Gábor im Jahr 2013: „Hundert Ultras kamen ins Stadion, um ein Banner in Gedenken an einen Naziverbrecher hochzuhalten. Viele Sponsoren haben gedroht, das Team zu verlassen, wenn die Gesellschaft nicht mit konkreten Maßnahmen dagegen reagiere.“

Statt die Extremisten aus politischer Überzeugung zu isolieren, sollen Interessen gewahrt werden, die Firmen, Team und die rechtskonservative Regierungspartei Fidesz eng miteinander verbinden. Kubatov selbst ist Parlamentsmitglied für Fidesz. „Es sind nur um die hundert Extreme, aber sie ziehen tausende Jugendliche an, denen oft nicht klar ist, welche politische Botschaft dahinter steckt.“ Bei Heimspielen wird eine Leinwand vor der Arena aufgebaut. Ein Kompromiss, um die ohnehin schon wütenden Ultras nicht noch anzuheizen. „Einer nach dem anderen werden sie wieder ins Stadion kommen“, meint Gábor. „Vielleicht dauert es ein Jahr, vielleicht zehn. Wer weiß das schon?“

Fradi in Reinform

Auf der Margit-Sziget Halbinsel treffen wir Péter Molnár. In einem Gebiet, wo viele Juden Zuflucht vor den Nazis fanden, konvertierte Péters eigene Großmutter zum Katholizismus, um ihr Leben zu retten. In seinem Zimmer hat Péter eine Sammlung von über hundert Schals, dutzenden Ansteckern, Büchern und einem Album voller Tickets und Erinnerungsfotos. Alles in Fradi-Farben. Er zeigt mir stolz ein Stück von der Stalin-Statue, die 1956 während der Oktoberrevolution gestürzt wurde. Péters Großvater hat das Stück aufgehoben, bevor die sowjetischen Panzer durch Budapest rollten. Eine Reliquie.

Péter weiß, wo er steht: „Ein Junge sieht, wie die Ultras Spaß haben und durchs Land gondeln, meistens besoffen. Das kann seinen Reiz haben. Ich hätte ein Teil davon sein können“, fährt er fort, „aber ich will das lieber nicht. Wenn der Anführer etwas sagt, muss man es machen. Das überzeugt mich nicht. Ich kann für mich selbst denken.“ Über die Gewalttätigkeiten und Neo-Nazi Transparente denkt er: „Im Stadion muss man sich genauso verhalten wie auf der Straße. Man kann sich abreagieren, wenn man vom Leben und der Arbeit gestresst ist. Aber wenn man auf der Straße oder vor einer Synagoge kein Nazi-Banner zeigen würde, wie kommt man darauf, dass das im Stadion in Ordnung sei?“

Trotzdem nervt Péter das leere Stadion, wo mehr Security als Fans die Spiele ansehen. „Sie fehlen uns“, erklärt er, „es fehlt die Atmosphäre und es fehlen die Leute.“ Ich sehe Péter an und verstehe, wie die wahre Liebe für ein Team aussieht. 

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Diese Foto-Reportage ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015/ 16 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.