UNESCO-Medienexperte: "WikiLeaks fördert einen positiven Ansatz zu mehr Transparenz"

Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2010
In ihrer Verfassung versichert die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), dass sie freien Ideen- und Meinungsaustausch durch Wort und Bild unterstützt. Muss man stutzig werden, dass die UNESCO nicht öffentlich zur Affäre WikiLeaks Stellung bezogen hat? Ein Medienexperte und Angestellter der Organisation, der anonym bleiben möchte, erklärt cafebabel.
com die Gründe für das Schweigen.

cafebabel.com: Wieso hat Ihre Organisation nicht öffentlich Stellung zum Phänomen WikiLeaks bezogen?

Die UNESCO ist eine zwischenstaatliche Organisation, ein Sekretariat, das den Mitgliedstaaten verpflichtet ist und versucht ihre politische Linie zu unterstützen. Natürlich fallen die Stimmen der großen Länder, welche permanente Mitglieder des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen sind, eher ins Gewicht als die der rückschrittlicheren Länder. Während die gewichtigen Staaten aber die Enthüllungsaktionen von WikiLeaks verurteilen und anklagen, behält sich die UNESCO aus diplomatischen Gründen jeglichen Kommentar vor. Allerdings hat die Internationale Journalistenföderation, die Partner der UNESCO ist und zu Fragen der Pressefreiheit arbeitet, eine Erklärung zu dieser Affäre veröffentlicht.

cafebabel.com: Warum konnte die UNESCO als Partner diese Erklärung nicht veröffentlichen?

Solch eine Erklärung ist diplomatisch gesehen äußerst heikel. Es ist extrem schwierig im Namen der Redefreiheit Position gegen die Meinung der stärksten Mitgliedstaaten zu beziehen. Bereits in der Vergangenheit befand sich die UNESCO in einer ziemlich unangenehmen Situation, als die Vereinigten Staaten und Großbritannien sich von der Vereinigung zurückgezogen haben. Unsere Struktur musste daraufhin nicht nur Budgeteinbußungen, sondern auch den Verlust intellektueller, wissenschaftlicher und kultureller Ressourcen hinnehmen. Diese Einschnitte haben nicht nur der Organisation, sondern insbesondere den Staaten geschadet, die ja eigentlich von unserer Expertise in puncto Entwicklungshilfe profitiert hätten. Man muss entscheiden, ob so oder so.

cafebabel.com: Das Schweigen der UNESCO steht für einen nicht unerheblichen Einfluss von WikiLeaks. Warum ist diese Affäre so aufreibend?

Kopf-in-den-Sand Strategie...Der aktuelle Enthüllungsskandal markiert eine unheimlich wichtige Etappe in der Weltgeschichte. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Zum ersten Mal wurden Informationen, welche die Regierungen versuchen geheim zu halten, auf diese Art und Weise ans Licht gebracht. Das beweist, dass es noch immer Menschen gibt, die nach einer sozialen und moralischen Gerechtigkeit suchen und die Aktionen der Regierungen in Frage stellen.

cafebabel.com: Und Ihre persönliche Haltung sur WikiLeaks-Affäre?

Es handelt sich um eine äußerst komplexe Sache. Die Motivation hinter der Veröffentlichung dieser Informationen liegt im Dunkeln. Mehrere Szenarien sind möglich: Wurden WikiLeaks und Assange manipuliert? Man könnte sich vorstellen, dass die Geheimdienste eines Landes oder einer starken Lobby eine neue Technik zur Manipulation der öffentlichen Meinung testen oder potentielle Terroristen verunsichern wollten. Ich persönlich glaube aber nicht an diese These. Ganz ausschließen kann man diese Möglichkeit aber auch nicht. Unabhängig von der Motiavtion, die hinter der Veröffentlichung dieser diplomatischen Drähte steckt, hat die Öffentlichkeit doch etwas gelernt. Und das gefällt mir an dieser Geschichte. Ich denke, dass die Menschen, die versuchen Assange zu schützen und nicht an der „Hetzjagd“ teilnehmen, das aus ebendiesem Grund tun.

cafebabel.com: Kann man diese « Hetzjagd » ihnen zufolge als Zensur bezeichnen?

Ja. Denn für die Verbreitung dieser Informationen kann man Assange nicht verfolgen, also hat man einen anderen Grund gefunden. Ich weiß nicht recht, aber meiner Meinung nach ist diese Vergewaltigung - in Realität nicht wirklich eine Vergewaltigung - nur eine Ausrede. Die UNESCO hat sich zum Ziel gesetzt der Bevölkerung über den freien Austausch von Ideen und Zugang zu Informationen und Wissen mehr Autonomie zu verleihen. Was denken Sie: Die von WikiLeaks eingforderte Transparenz, trägt sie dazu bei, dieses Ziel zu erreichen? WikiLeaks fördert einen positiven Ansatz zu mehr Transparenz. Es handelt sich außerdem um einen Beitrag im Einklang mit den Inhalten der Verfassung der UNESCO - dem freien Informationsfluss! Die Bürger, Steuerzahler und Konsumenten haben das Recht zu wissen, was in ihrer Regierung vonstatten geht.

cafebabel.com: Wer übernimmt zukünftig in der neuen Web- und Medienlandschaft die Verantwortung, die bisher Journalisten innehatten?

Ich hoffe, dass diese Verantwortung nicht verschwindet. In jedem Berufsfeld gibt es Menschen, die gut und andere die schlecht arbeiten, kompetente und weniger kompetente Leute, gefährliche Ignoranten, die die Sicherheit Anderer bedrohen und ethische Codes nicht respektieren. Deshalb ist Medienpluralismus auch so wichtig, und die neuen Medien im Internet tragen zu diesem Pluralismus bei.

Fotos: (cc)Carolina Georgatou/flickr; (cc)gerriet/flickr