"Und ich dachte Schengen wär ein Typ!" 

Artikel veröffentlicht am 22. April 2009
Artikel veröffentlicht am 22. April 2009
Bei ihrem ersten Luxemburg-Besuch musste meine Freundin Magali es auch nicht besser wissen. Aber sie hatte falsch gedacht, obwohl das gleichnamige Abkommen ihr Lebensgefühl, wie auch das der ganzen europäischen Erasmus-Generation geprägt hat. Reisen ohne Pass und Visa, Einkaufen auf der anderen Seite der Grenze… an jedem stillgelegten Grenzhäuschen schiesst uns das Wort „Schengen“ in den Kopf.
Und erst recht dann, wenn wir außerhalb der Staaten Schengen-Staaten unterwegs sind und eine lästige Musterung und den Vergleich mit dem Passbild über uns ergehen lassen müssen.

Lissabon, Maastricht, Nizza – andere Abkommen heißen wie Städte, in die wir Lust haben zu reisen. Bei Schengen ist es wohl andersrum. 1600 Einwohner zählt das Dorf, das so gemütlich zwischen den mit Wein bewachsenen Markus- und Stromberg liegt. Eine Kirche, ein Schloss, mehrere Tankstellen. Und das Moselufer, das Dorf, Kirche, Weingüter und Schloss von Deutschland und Frankreich trennt, deren Grenze direkt gegenüber liegt. Dort, irgendwo in den Gewässern zwischen den drei Ländern schipperten auch die Europäer auf dem weißen Ausflugsschiff Marie-Astrid, am 14. Juni 1985, als sie das Schengener-Abkommen unterzeichneten. Im symbolträchtigen Dreiländereck, so wollte es die luxemburgische Ratspräsidentschaft damals. Peinlich nur, dass der Ort gar nicht mehr Schengen hieß, weil er eigentlich längst vom größeren Nachbarn, Remerschen, eingemeindet worden war. Den Schönheitsfehler änderten die Gemeindeverantwortlichen erst 11 Jahre später.

Welcher Ort könnte also passender sein für unser neues Babelteam. Mitten im Kreisverkehr, im „Grenzgarten“, im Frühjahr noch etwas kahl, fühlen wir uns dann auch gleich total europäisch. Fürs Foto posieren wir in geografischer Anordnung. Luxemburgerin Anne mit Blick zur Mosel, Linda, die Französin, dreht den Kopf grinsend nach links, ich, die Deutsche, gucke auf den Grenzimbiss an der Landstraße im deutschen Perl, im Hintergrund prangt ein Rewe-Logo.

So setzen wir unseren Spaziergang auf der Suche nach den Spuren Europas fort. Mitten auf dem „Europaplaz“, umrandet von drei Häuschen und einem Brunnen, steht ein kleines Betondenkmal. „Ohne Grenzen“ ist eingeritzt, davor liegt ein fetter Hundehaufen. So ganz scheinen die Schengener aber nicht auf Europa zu sch*** …pfeifen. Am Moselufer finden wir Stahlstehlen mit Sternen. Auf dem Parkplatz vor dem Europabistrot - gleicher beiger Betonstil wie das Hundekot dekorierte Denkmal - sind kleine Bronzetafeln mit den Namen der Schengenländer eingelassen. Jeder findet sein Fotomotiv, es sei denn es parkt ein dickes Auto drauf.

Die Schengener scheinen ganz gut von den Folgen des gleichnamigen Abkommens zu leben. Schließlich sind sie ein beliebtes Touristenziel, vor allem dank ihrer Zapfsäulen. Und wer weiß, vielleicht führt uns der nächste Luxemburg-Babelteam-Ausflug ja ins Geburtshaus von Schuman. Oder wusstet ihr, dass der große Robert, der dem Brüsseler Bahnhof und einem Teil der Straßburger Uni seinen Namen verliehen hat, in einem Häuschen im Tal unterhalb des Felsens geboren wurde, auf dem heute der europäische Gerichtshof und die Sitze namhafter, Krisen geschüttelter Banken thronen? Dann hätten wir in Luxemburg auch einen europäischen Typen bieten, wenn Schengen schon keiner war.