Und Erasmus sprach: „Geht hin und vermehret euch!“

Artikel veröffentlicht am 19. Juli 2004
Artikel veröffentlicht am 19. Juli 2004

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Wie lebt und liebt es sich über die Ländergrenzen hinweg? Eine Reise ins Alltagsleben der Kinder der Mobilität. Die uns immer wieder erstaunen.

Die Altstadt im Herzen Düsseldorfs ist ein echtes Babylon. Ob donnerstags auf der Studentenparty im McLaughnis, dem Irish Pub in der Andreasstraße, beim Karaoke im Poco Loco oder beim Salsa tanzen in einer der kleinen Diskotheken mit südamerikanischem Flair – die Vielfalt an Nationalitäten erscheint einem Neuankömmling so überraschend wie sie für einen alteingesessenen Düsseldorfer normal ist. Sicher, man könnte Düsseldorf mit einer Touristenstadt vergleichen, angesichts der tausenden von Sprachen, die man auf der Straße hört. Aber die Ausländer hier sind nicht auf Durchreise. Studenten, Arbeiter, Menschen auf der Suche nach dem Glück, Au-Pairs… viele von ihnen sind EU-Bürger und haben somit das Recht, zu bleiben, solange sie wollen. Andere setzen alle Hebel in Bewegung, um ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern und nicht nach Hause zurückkehren zu müssen. Einige von ihnen werden später wiederkommen.

„Ich liebe dich“ oder „Ich hab dich lieb“?

In einem solchen Mikrokosmos ist für jeden Geschmack etwas vorhanden. Und für jedes Herz. Italiener, Spanier, Franzosen, Engländer, und schließlich Türken, Koreaner, Jamaikaner: junge Leute von unterschiedlichstem Aussehen und Lebensstil… Und doch, wenn man dann am gleichen Tisch sitzt, gelingt es fast immer, zu verstehen und sich verständlich zu machen. Kristina, eine junge Frau aus der Ukraine, die tagsüber zur Uni geht und abends kellnert, erzählt lächelnd: „Als ich in Düsseldorf ankam, habe ich an einem Deutschkurs für Anfänger teilgenommen. In dem Kurs war auch ein Italiener, der von Beruf Touristenführer war. Nach ein paar Tagen beherrschten wir zwar erst wenige deutsche Worte, aber dafür gestikulierten alle im Kurs wie echte Neapolitaner!“

Gewiss, die Verschiedenheit bringt zuweilen Spannungen mit sich. Genauso oft löst sie aber auch Neugierde und Interesse aus. „Manchmal ist diese Andersartigkeit so faszinierend, dass man sich verliebt“ gesteht Giovanni, 28 Jahre, der in Düsseldorf seine Seelenverwandte gefunden hat. „So kommt es, dass man Hand in Hand beieinander sitzt und nach den richtigen Worten sucht, um seine Gefühle auszudrücken, mit der Angst im Hinterkopf, nicht verstanden zu werden. Und mit der Angst, zu überstürzt zu erscheinen, weil man in der fremden Sprache nur ‚Ich liebe dich’ sagen konnte. Obwohl man eigentlich ‚Ich hab dich lieb’ sagen wollte.“

Frühstück mit der Eurogeneration

Die Feuerprobe für ein binationales Paar ist das Zusammenleben. Wenn man bei jeder kleinen Alltagsgewohnheit vor einer Alternative steht. Man denke nur an den Brauch in nord- oder osteuropäischen Ländern, beim Betreten einer Privatwohnung die Schuhe auszuziehen – undenkbar in Spanien oder Italien. Dies ist wahrscheinlich auf klimatische Unterschiede zurückzuführen: Wer in der Slowakei lebt, wo es drei Monate im Jahr Schnee gibt, nimmt wohl zwangsläufig die Gewohnheit an, sich die Schuhe auszuziehen, wenn er das Haus betritt. Zumeist sind es die Frauen, die ihr Recht geltend machen, auch wenn sie in einem Land leben, das sich in den klimatischen Bedingungen vollkommen von ihrer Heimat unterscheidet.

Und schließlich sitzen alle gemeinsam am Tisch: Spaghetti, Paella, Bratwurst, Gulasch, Fondue, Wein, Bier, Sangria, Tee, Kaffee… Klar, man kann von allem etwas probieren. Aber wie entwickeln sich unsere Ernährungsgewohnheiten weiter? Wird der Salat vor dem Hauptgang gegessen, währenddessen als Beilage, oder danach zur besseren Verdauung? Und überhaupt: ohne Dressing (wie im Osten), mit Olivenöl und Weinessig (wie in den Mittelmeerländern) oder mit Joghurtsoße wie es hier in Deutschland üblich ist? „Frühstücke wie ein König und esse zu Abend wie ein Bettler“ oder morgens „Cappuccino und Brioche“ und abends eine komplette Mahlzeit? „Am Ende lassen wir Italiener uns Tee und Rührei zum Frühstück schmecken, während der deutsche Nachbar mit seiner neu erworbenen Espressomaschine herumhantiert…“ schließt Giovanni.

Für Irina, eine junge Russin, die in Düsseldorf Medizin studiert und seit nunmehr zwei Jahren mit einem Italiener zusammenlebt, „resultiert aus der Vermischung zweier Küchen immer ein einzigartiger und interessanter Mix. Wenn man dann aber in sein Land zurückkehrt und eine Kostprobe der heimischen Küche bekommt, denkt man entweder, dass man selbst nicht richtig kochen kann, oder man weiß Mamas Kochkünste nicht mehr zu schätzen.“

Und die Kinder? Einmal Ausländer – immer Ausländer?

Letzten Endes sind all das Kleinigkeiten: Man liebt sich, heiratet und gründet eine Familie. Die Kinder tragen Namen, die fremd klingen und werden auch an dem Ort, wo sie geboren sind und seit jeher leben, oftmals als Ausländer betrachtet. Auch wenn sie einen Pass haben, auch wenn ein Elternteil gar nicht ausländisch ist. Gewöhnlich sind sie stolz auf ihre „Andersartigkeit“, die sie exotisch und interessant erscheinen lässt. Zudem genießen sie den Vorteil, zwei- oder gar dreisprachig aufgewachsen zu sein, „die Eltern müssen mit ihren Kindern von Anfang an in ihrer eigenen Muttersprache sprechen und keine Angst haben, die Kleinen zu verwirren, das ist alles“ empfiehlt Irina.

Pilar arbeitet als Übersetzerin bei einem großen deutschen Unternehmen. Sie ist Spanierin und hat einen Albaner geheiratet. Der kleine Alvaro ist hier in Deutschland geboren: „Normalerweise spreche ich spanisch mit ihm. Oft antwortet er auf Deutsch. Spanisch spricht er vor allem, wenn wir zu meinen Eltern nach Andalusien fahren. Aber du müsstest sehen, in welchem Ton er mich berichtigt, wenn ich eine deutsche Präposition verwechselt habe! Nach all den Studienjahren muss ich mich von einem Dreijährigen korrigieren lassen!“

Für binationale Paare bleibt eine Frage häufig offen: Wo fühlt man sich „zu Hause“? In einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft wie dieser kann man sich wahnsinnig anstrengen, sich zu integrieren, und doch bleibt man immer „der Italiener“, „die Deutsche“, „der Spanier“, „die Russin“ usw. „Angesichts der vielfältigen Erfahrungen werden die eigenen Wurzeln mehr oder weniger wichtig, aber die Heimat ist letztendlich da, wo man sich am wohlsten fühlt“ schließt Giovanni.

Wer weiß, ob wir eines Tages behaupten können, dass wir uns „in Europa zu Hause“ fühlen…