... und aus dem Netz entsprang das Volk

Artikel veröffentlicht am 12. Juli 2004
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 12. Juli 2004

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Wird die Begegnung zwischen einem institutionellen Europa, das unter einem enormem Demokratiedefizit leidet, und dem Internet als Instrument des Austauschs stattfinden?

In Anbetracht der Abwesenheit einer auf wahrlich europäischer Ebene stattfindenden öffentlichen Debatte und eines europäischen Medienlebens stellt sich das Internet als virtuelle Stätte aller Experimente dar, als privilegierter Ort, an dem eine Demokratie mithilfe europäischer Netzwerke erfunden wird: Netzwerke von Initiativen, von Information, von Austausch und von Zusammenarbeit. Aus der Vielfalt der möglichen Instrumente sticht das Weblog als eine Oberfläche hervor, die den Austausch persönlicher Auffassungen ermöglicht und dabei von einem Reichtum an Quellen profitiert, der sich auf den Gebrauch der besten Suchmaschinen gründet. Ein weiterer Vorteil liegt darin, auf einem bereits bestehenden Netzwerk aufzubauen, das lediglich einiger Anpassungen bedarf.

Unendliche Grenze

Gerade beginnt die Vorherrschaft eines rein Computergestützten Dialogs.

Die Instrumente der Datenverarbeitung ermöglichen in Bezug auf Informationsaustausch, Schnelligkeit und Reichweite Unerhörtes: bezeichnend ist das Beispiels des (relativen) Erfolgs, den Howard Dean in den USA bei den letzten Vorwahlen der Demokraten dank seines Internetgeführten Wahlkampfs erzielte.

Das Internet geht über die reine Bereitstellung von Mitteln hinaus, sein wahrer Vorteil in der Unterstützung von Netzwerken liegt in seinem Einfallsreichtum und in seiner Begabung, Neues zu schaffen.

Zwischen Ausweitung und Kreativität des Netzes liegt die "Erdös"-Zahl, die minimale Anzahl an Relais, die für eine weltweite Verbreitung notwendig ist. Diese Theorie soll im folgenden als „fraktale Beziehung“ ausgelegt werden. Zur Erinnerung:

Eines der berühmtesten Beispiele der von Benoit Mandelbrot entdeckten fraktalen Gegenstände ist das der bretonischen Küstenlinie. Es ist einleuchtend, dass sich diese Küstenlinie aus Sicht eines Satellits anders darstellt als aus der Position, die eine Schnecke hat, die jeden Stein des Strandes einzeln überwinden muss. Der Gegenstand ist der gleiche, sein Äußeres objektiv gesehen begrenzt, in seiner Ausdehnung jedoch ist er unendlich.

Gleiches gilt für das Zellgewebe der Lungen, das auf begrenztem Volumen eine größtmögliche Oberfläche erreicht. Gerade dies ist die wichtigste Eigenschaft fraktaler Gegenstände.

Angewendet auf die Politik, gleicht dieses fraktale Bild eines wohldefinierten und begrenzten Handlungsorts, der an seinen Rändern auf unbegrenzte Produktivität, Kreativität und Einfallsreichtum trifft, dem, das Antonio Negri nach Spinoza als „absolute Demokratie“ bezeichnet – die Demokratie, in der sich die Menschheit durch die doppelte Wirkung von Erfindung und Zusammenarbeit selbst erschafft und wiedererschafft, das heißt die volle Entfaltung des Netzes.

Während noch die konservative Denkweise eine europäische Grenze als unumgängliche Vorbedingung jeder Vertiefung der Demokratie proklamiert, wird hier Demokratie mit einer „unendlichen Grenze“ verbunden.

Der Ort der Erfindung und des Experimentierens selbst ist nicht mehr Randerscheinung, sondern durchkreuzt das politische Leben.

Eine solche Sichtweise des Internets impliziert zweierlei für das zukünftige demokratische Europa:

a. In einer nicht mehr linearen, sondern vielschichtigen Welt kann die europäische Demokratie nicht mehr als bloße Summe der nationalen politischen Bühnen bestehen. Ihre Grenze ist auch nicht mit der der gebildeten Gruppe gleichzusetzen. Sie muss etwas radikal Neues, Zusätzliches sein.

b. Sie ist daher nicht mehr nur europäisch, sondern bereits jetzt global – was auch diejenigen davon halten mögen, die mit Wehmut an das Römische Reich denken. Der virtuelle „Limes“ ist die Schwelle einer waagerecht verlaufenden Entwicklung, die der Grenzenlosigkeit in der Tragweite des politischen Handelns Rechnung trägt.

"Netzokratie"

Perfekt: Alles läuft gut in der besten aller Welten. Hier stehen wir, zurückgefallen in das Zeitalter der großen Utopien. Aber – leistet das Internet mit seiner technischen Macht, in den Dienst der Entwicklung von Netzwerken gestellt, tatsächlich die Verwirklichung dieser „absoluten Demokratie“?

Ganz offensichtlich nein – denn die Notwendigkeit eines derartigen Hilfsmittels bedeutet an sich eine Verneinung von Demokratie. Alles hängt von der politischen Entscheidung ab, die in unseren Gesellschaften über die Verwendung des Internets getroffen wird.

Womit sich diese neuen interaktiven Technologien nicht als Meilenstein der Demokratie etablieren werden. Paul Virilio lehnt sich gegen die „Diktatur des Augenblicklichen“ auf, die diese Technologien errichten, und die in hohem Grade der demokratischen Besonnenheit und dem Urteilsvermögen schaden. Alexander Bard stellt den Klassenkampf im Zeitalter der interaktiven Information folgendermaßen dar: es stünden sich Netzokraten und Konsumenten gegenüber – erstere Herren der eigenen Identität(en), letztere Sklaven dessen, das man ihnen verkauft.

Der Schauplatz Internet an sich garantiert auch nicht die volle Entfaltung der Möglichkeiten eines Netzes: er schützt in keiner Weise vor der Aufrechterhaltung der sprachlichen, kulturellen, psycholgischen und nationalen Barrieren. Es stellt sich hier eine Reihe von Fragen: die der Übersetzungsphilosophie, die des Sprachen-Lernens, die des allgemeinen Zugangs zum Medium...

Die Antworten auf diese Fragen können nur auf der europäischen öffentlichen Ebene gefunden werden – denn ebenso wie der neoliberale Markt reglementiert das Internet selbst nichts. Im Gegenteil macht es menschliche Handlungen und Entscheidungen noch drängender.

Das demokratische Europa muss lernen, aus diesen zwei Unsicherheitsfaktoren Nutzen zu ziehen – in der Hoffnung, sich eines Tages, wie es Jacques Derrida ausdrückt, gemäß der „Struktur des Versprechens“ zu errichten.