UKRAINE: WER GEHT K.O.?

Artikel veröffentlicht am 10. Dezember 2013
Artikel veröffentlicht am 10. Dezember 2013

Nach dem Scheitern eines Handelsabkommens mit der EU protestieren Hunderttausende gegen die Regierung der Ukraine. Dabei geht es um mehr als die Annäherung an Europa. Die Demonstranten wollen Selbstbestimmung. 

Die ukrai­ni­sche Re­gie­rung des am­tie­ren­den Prä­si­den­ten Wik­tor Ja­nu­ko­witsch hat sich ent­schlos­sen, ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit der EU nicht zu un­ter­schrei­ben. Nur we­ni­ge Stun­den nach der Ver­zichts­er­klä­rung, haben sich die ers­ten 1500 Ukrai­ner über So­ci­al Net­works or­ga­ni­siert, um den be­rühm­ten Mai­dan-Platz in Kiew zu be­set­zen. In den dar­auf­fol­gen­den Tagen gin­gen auf­ge­brach­te Bür­ger in Kiew, ge­führt vom am­tie­ren­den Box­welt­meis­ter Vi­ta­li Klitsch­ko zu Hun­dert­tau­sen­den auf die Stra­ße und for­dern den Rück­tritt der Re­gie­rung. Wer­den die De­mons­tran­ten es schaf­fen, eine eben­so große Kraft zu ent­fal­ten, wie vor neun Jah­ren wäh­rend der Oran­ge­nen Re­vo­lu­ti­on? 

Ukrai­ni­scher Ro­sen­krieg

Das Land ist ge­teilt in Russ­land­be­für­wor­ter und die­je­ni­gen, die einen EU-Bei­tritt an­stre­ben. Um­fra­gen sehen al­ler­dings EU-Be­ken­ner der­zeit in der Mehr­heit. Einen ge­mein­sa­men Kurs zu fin­den, scheint der­zeit eine un­lös­ba­re Auf­ga­be zu sein. Die par­la­men­ta­ri­sche Op­po­si­ti­on, be­ste­hend aus den Par­tei­en der ehe­ma­li­gen Pre­mier­mi­nis­te­rin Julia Ti­mo­schen­ko und Klitsch­kos Par­tei Udar (dt. „Schlag“), hat eine Un­ter­schrif­ten­samm­lung mit dem Ziel ge­star­tet, Ja­nu­ko­witsch wegen Amts­miss­brauchs an­zu­kla­gen. Die Op­po­si­ti­on hält die Ent­schei­dung gegen das Frei­han­dels­ab­kom­men für ver­fas­sungs­wid­rig.

Erst we­ni­ge Tage vor der Un­ter­zeich­nung des Ab­kom­mens zwi­schen der Ukrai­ne und der EU hat­ten der ukrai­ni­sche Pre­mier­mi­nis­ter My­ko­la Asa­row und der am­tie­ren­de Prä­si­dent Ja­nu­ko­witsch of­fi­zi­ell einen Kurs­wech­sel an­ge­kün­digt. Die Re­gie­rung lehnt den Ver­trag mit der Be­grün­dung ab, den wirt­schaft­li­chen Kurs des Lan­des nicht ge­fähr­den zu wol­len und sich auf die Zu­sam­men­ar­beit mit dem wich­tigs­ten Han­dels­part­ner Russ­land zu kon­zen­trie­ren. Der­weil zeigt sich al­ler­dings, dass der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Putin und Ja­nu­ko­witsch einen öf­fent­li­chen Streit über Gas­prei­se aus­tra­gen. Of­fen­bar hält Mos­kau die Hoff­nung auf­recht, den Trans­port von ukrai­ni­schem Gas und an­de­ren En­er­gie­quel­len kon­trol­lie­ren zu kön­nen.

Mos­kaus Hoff­nun­gen auf Ja­nu­ko­witsch

Denn mit der neuen Re­gie­rung unter Prä­si­dent Ja­nu­ko­witsch konn­te Russ­land viele sei­ner Ziele in der Ukrai­ne er­rei­chen. Dies zeigt die An­we­sen­heit der rus­si­schen Schwarz­meer­flot­te im ukrai­ni­schen Hafen Se­was­to­pol und die Ent­schei­dung des ukrai­ni­schen Par­la­ments, von einer NA­TO-Mit­glied­schaft ab­zu­rü­cken.  Die Eu­ro­päi­sche Union indes re­agier­te auf Kiews Ent­schei­dung über­rascht. Der ehemalige pol­ni­sche Prä­si­dent Aleksan­der Kwaśniew­ski, einst Be­für­wor­ter des EU-Bei­tritts der Ukrai­ne, kom­men­tier­te die Ent­schei­dung der Re­gie­rung nicht. Zuvor war er oft in das Land ge­reist, um zu über­prü­fen, ob die Re­gie­rung ihre „Haus­auf­ga­ben“ ge­macht hatte.  

Die ukrainischen De­mons­tran­ten zer­stör­ten im Zuge ihrer Pro­tes­te eine Le­nin-Sta­tur, die für Viele sinn­bild­lich das „alte Re­gime“ dar­stellt. Darin er­ken­nen zu wol­len, dass es die Ukrai­ne gen Wes­ten zieht, wäre ein vor­ei­li­ger Schluß. Nach lan­gen Jah­ren der Fremd­herr­schaft wol­len die Men­schen vor allem eins: Selbst­be­stim­mung. Auch die Haus­auf­ga­ben­hil­fe der EU ist hier­bei keine große Hilfe.  „Die Ukrai­ne hat zwei See­len“, schreibt der Italiener Mas­si­mo Di Pas­qua­le in sei­nem Buch, „ver­eint, aber un­ab­hän­gig Teil eines Eu­ro­pas sein wol­len.“