Ukraine grüßt Italien: Femen-Mädels barbusig an der Front

Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2011
Zunächst war es der florierende Markt des Sextourismus in der Ukraine, der die 300 Mitglieder des feministischen Kollektivs Femen aufgebracht hatte. 12.000 Prostituierte, zunehmend mehr „Sexpats“ - und das Ganze unter dem wohlwollenden Auge der Autoritäten. Seit drei Jahren organisieren die Mädels von Femen - barbusig - öffentlichkeitswirksame Aktionen in den Straßen von Kiew. Ihr Motto?
Der Körper als politische Waffe! Gerade zurück von der italienischen Botschaft von Kiew, wo das Kollektiv die Frauenbewegung in Italien unterstützte, liefert Femen-Mitglied Inna Shevchenko (20) cafebabel.com ihre Vision.

cafebabel.com: Wann und warum erblickte das feministische Kollektiv das Licht der Welt in Kiew?

Inna Schevchenko: Das war vor 3 Jahren. Die Idee war es, Frauen zu ermöglichen sich zu schützen. In der Ukraine schützt uns keiner oder setzt sich für Frauenrechte ein: Prostitution und Sextourismus sind omnipräsente Phänomene und im Gegensatz dazu gibt es keine Frauen in der Politik oder den Vorständen großer Unternehmen (ausgenommen Julia Timoschenko, Politik-Ikone der Orangenen Revolution von 2004; A.d.R.).

cafebabel.com: Ist die Prostitution in der Ukraine legal?

Inna Schevchenko: Nein, Prostitution in der Ukraine ist illegal und trotzdem gibt es überall Bordelle, vom Stadtzentrum von Kiew bis in die abgelegensten Dörfer unseres Landes. Die Polizei schweigt und tut nicht das Geringste, um das zu verhindern, da es sich um große Geldgeschäfte handelt. Viele Touristen kommen, um hier vom Sextourismus zu profitieren. In der Ukraine kann man ein Mädchen auf der Straße ansprechen und ihr sagen "Ich bin ein Tourist aus den Vereinigten Staaten, kommst Du mit?".

cafebabel.com: Und die Mädchen akzeptieren das anstandslos?

Inna Schevchenko: Manchmal schon, ja. Du musst wissen, dass die Ukraine ein wirklich armes Land ist. Wenn dich ein Mann anspricht und dir eine ordentliche Stange Geld anbietet, damit Du anschaffen gehst, dann lassen sich junge Frauen, besonders aus Kleinstädten oder vom Lande, mangels Alternativen oft einwickeln. Es gibt keine Arbeit. Wenn ich in einer Bank arbeiten möchte, dann wird man mir nein sagen, da ich eine Frau bin und das Bankwesen den Männern reserviert ist…

Der ukrainische Präsident hatte Investoren mit der Message angelockt, im Frühjahr in die Ukraine zu kommen, „wenn die Frauen damit beginnen, sich leichter zu bekleiden“…

cafebabel.com: Und ihr, um die Masche umzudrehen, macht einen auf topless?

Inna Schevchenko: Im Großen und Ganzen haben wir verstanden, dass wir hier, wenn wir die Dinge ändern wollen, nur unseren Körper und Verstand einsetzen können. Ich pfeife auf die Regierung, auf polizeilichen Druck etc. Das einzige Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist die Schock-Variante - und unsere Körper zur Schau zu stellen ist eine gute Methode, um das zu erreichen.

cafebabel.com: Wie reagiert die Öffentlichkeit auf Eure Performances?

Inna Schevchenko: Das ist schwierig. Manche Journalisten schrecken nicht davor zurück uns als Prostituierte zu bezeichnen. Im Allgemeinen verstehen die Leute nicht wirklich, aber mit der Zeit werden sie ihre Meinung ändern. Sie werden sich darüber bewusst werden, dass wir die wirklichen Probleme unserer Gesellschaft thematisieren.

cafebabel.com: Und die Beziehungen zu den Autoritäten sind herzlich?

Inna Schevchenko: Sobald wir eine Performance organisieren, haben wir ständigen Polizeischutz. Erst heute morgen hat man mich im Rahmen unseres Flashmobs festgenommen. Und das, obwohl wir nichts Illegales machen! Sie wollen uns zum Schweigen bringen, weil wir Dinge ansprechen, die wahr sind, weil wir mutig und stark sind. Einer der Polizisten hat sogar vor mir zugegeben, dass er gar nicht so genau wüsste, warum er mich gerade verhaftet. Er meinte nur, das komme von ganz oben... Viele aus der Politik wollten uns zudem kaufen. Sie interessieren sich für die Öffentlichkeitswirksamkeit von Femen. Doch wenn wir das nur einmal akzeptieren würden, wäre unsere ganze Philosophie der ersten Stunde im Eimer. Deshalb versuchen wir lieber selbst ein bisschen Geld aufzutreiben, indem wir T-Shirts, Poster oder Kunst verkaufen. Aber wir sind der festen Überzeugung, dass irgendjemand da draußen in Europa an uns glaubt und uns unterstützen wird.

cafebabel.com: Wofür habt ihr heute morgen protestiert?

Inna Schevchenko: Wir waren vor der italienischen Botschaft, um den italienischen Frauen zu zeigen, dass wir sie unterstützen. Wir sind absolut gegen das von Silvio Berlusconi vermittelte Frauenbild in Italien - das eines coolen Opas, der alle Frauen der Welt vögeln kann. Und wenn er so weiter macht, haben wir auch kein Problem damit bald nach Italien zu kommen, um ihm persönlich zu sagen, was wir von ihm halten…!

Fotos und Video: Mit freundlicher Genehmigung von ©Femen/www.femen.org/