Überlebende des Norwegen-Attentats bloggt 'schlimmsten Tag ihres Lebens'

Artikel veröffentlicht am 26. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 26. Juli 2011

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Khamshajiny Gunaratnam, Mitglied der Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei, hat cafebabel.com erlaubt, ihren nach der Tragödie vom 22. Juli verfassten Augenzeugenbericht zu veröffentlichen.
Bei dem Bombenanschlag im Regierungsviertel von Oslo und der Mordserie in einem Sommer- Camp auf der Insel Utoya, die von dem 32 Jahre alten, rechtskonservativen Fundamentalisten, Anders Behring Breivik, begangen wurden, kamen mindestens 76 Menschen ums Leben.

Ich bin noch immer geschockt. Gerade zuhause angekommen. Prableens Vater hat uns gerade vom Sundvollen Hotel abgeholt. Ich kann noch immer keine einzige Träne vergießen. Ich kann es nicht glauben: heute wurde ich beinahe getötet. Gejagt und getötet. Der letzte normale Gedanke in meinem Kopf war der an die Studentenorganisation der norwegischen Arbeiterjugend (AUF). Ich war doch nur auf einem politischen Workshop – das ist es was wir auf Utøya gemacht haben – und  auf dem Weg hinauf zum AUF– Shop, um meinen Dienst anzutreten.

Ein guter Freund kam herüber und erzählte mir von der Explosion in Oslo. Krank! Das Regierungsviertel und Youngstorget [ein bekannter Marktplatz in Oslo; A.d.R.]?! Ich habe einen Kloß im Hals. Den größten, den ich je hatte. Wir sind hinauf zu einem Infotreffen der Leiter gegangen, damit alle die gleiche und richtige Information bekommen. Die meisten haben ihre Familienmitglieder in Oslo angerufen, um sicher zu gehen, dass sie noch leben. Ich habe schließlich erfahren, dass sich 3 meiner Familienmitglieder nicht in der Stadt befinden und dass einer auf der Arbeit sei, weit ab von der Stadt. Ich konnte durchatmen.

Dann hörten wir Schüsse, die von unten hochschallten

Wer macht denn jetzt so ein Scheiß, dachten wir. Wer dachte nicht, dass es nur ein Scherz sei? Alle Sicherheitsmänner rannten hinunter und sagten uns, wir sollten uns 'verstecken', 'ins Hauptgebäude rennen'. Ich rannte zu den Klos, direkt beim AUF-Shop. Die Schüsse kamen näher. Die Sekunden in diesem Klo waren schrecklich. Langsam aber sicher habe ich es geschafft mein Handy auf lautlos zu stellen und steckte es in meinen BH, sodass ich es nicht verlieren würde. Als ich endlich eine vertraute Stimme hörte, kam ich heraus. Wir sollten hinter das NATO-Klo (so wie wir es nennen) rennen und hinunter in die Ecke, rechts von der Anlegestelle.

Lest die estländischen, österreichischen, tschechischen, schwedischen und niederländischen Reaktionen der Presse zum Attentat in Norwegen.

Wir fielen und stolperten über viele Büsche und riesige Felsen. Ich habe mir die Beine an vielen Stellen aufgeschnitten. Dort waren schätzungsweise 15-20 Personen, vielleicht? Wir rannten und rannten. Das Schlimmste war, als wir erfuhren, dass der Täter als Polizist gekleidet sei. Wem konnten wir trauen? Dennoch versuchten wir die Polizei zu rufen. Ich gab Munir mein Handy und sagte ihm, dass er auf Facebook updaten sollte, dass alle, die mit einem Boot in der Nähe seien, zu Hilfe kommen sollten. Wir rannten hin und her als die Schüsse näher kamen. Matti sagte, wir sollen schwimmen. Plötzlich erschien der Generalsekretär Trond Agnar. Er sagte, dass mehrere versucht hätten zu schwimmen, jedoch zurückgekehrt seien, da es zu kalt war, zu weit, einfach zu schwer.

Ich wäre noch lieber ertrunken als erschossen zu werden

Ich zog mein T-Shirt aus. Ich würde zu schwer sein, also zog ich auch meine Hose aus. Sooo kalt. Matti rettete mich. Er feuerte mich an, sodass ich SO weit kam. ‘Kamzy, schau nicht zurück. Schau auf das Land auf der anderen Seite und denk', es sei dein Ziel.‘ Wir hörten die ganze Zeit Schüsse. Ich hörte später, dass er [der Attentäter Anders Behring Breivik; A.d.R.] dort stand. Deswegen sagte Matti mir geradeaus zu schauen. Er stand direkt dort, wo wir uns kurz zuvor getroffen hatten. Ein Boot schmiss uns Rettungswesten zu und musste dann weiter fahren. Selbst als wir endlich auf dem nächsten Boot waren, konnte ich nicht durchatmen. Er könnte uns noch immer mit seinem Maschinengewehr töten! Ich blieb so nah am Boden des Bootes wie möglich. Ich fühlte mich nicht sicher. Menschen vor Ort halfen uns als wir ankamen. Sie gaben uns Handtücher und fuhren uns zur nächsten Tankstelle, wo Polizisten und Krankenwagen auf uns warteten. Suganthan kam mit meinem Handy zu mir rüber und entschuldigte sich, dass es nicht mehr funktionierte. Lieber Suganthan, ich freue mich nur, dass du lebst! Ein echt nettes Mädchen, welches dort arbeitete, gab uns Kleidung und warme Getränke. Ich konnte meinen Vater anrufen. Ich freue mich so, dass er alles in Ruhe gehandhabt hat – auch wenn er krank war vor Sorge. Einer nach dem Anderen kam, weinend und schreiend beim Sundvollen Hotel an. Ich verstehe sie so gut. Ich konnte und kann es nur immer noch nicht verstehen, warum ich keine Träne vergießen konnte. Ich möchte nur raus aus diesem Schockzustand, in dem ich mich befinde. Ich fuhr mit Prableen mit, in Richtung zuhause, da Papa auf mich wartete.

Wir wollen die Welt zu einem besseren Ort machen – ich habe den Moment nicht mitbekommen in dem wir zu bösen Menschen wurden.

Wer tut so etwas? Wichtige Gebäude in Oslo wegblasen und die zukünftigen Politiker der Arbeiterpartei (AP) töten, die ein Sommercamp in Utøya abhalten. Was haben wir falsch gemacht? Diejenigen, die solche Gewalt anwenden, können keine Argumente mehr haben. Es scheint so surrealistisch. Ich empfehle jedem, Jens Stoltenbergs [norwegischer Ministerpräsident und AP-Politiker; A.d.R.] und Knut Storbergets [norwegischer Justizminister und AP Politiker; A.d.R.] Pressekonferenz anzuhören: 'Niemand sollte uns mit Bomben zum Schweigen bringen. Niemand soll uns zum Schweigen erschießen.' Es ist an der Zeit, dass jeder auf den anderen aufpassen sollte. Tragt dazu bei und schaut es euch ab. Ermutigt jeden. Zeigt die wärmste Seite, die Menschen haben können. Ich kann nicht anders als die Geschichte immer und immer wieder zu erzählen. Es war eine kurze Version von dem, was da tatsächlich geschah. Aber die Angst war die ganze Zeit dabei... Ich glaube ich kann es nicht wirklich beschreiben. Wir waren auch die ganze Zeit darüber informiert, wer die 68 Personen waren, die erschossen wurden. Das habe ich aber an dieser Stelle ausgelassen. Es ist rücksichtslos gegenüber den Angehörigen und Freunden. Wir verdienen es nicht zu sterben. Wir sind normale Jugendliche. Wir nehmen am politischen Geschehen teil. Wir wollen die Welt zu einem besseren Ort machen – ich habe den Moment nicht mitbekommen, in dem wir zu bösen Menschen wurden. In Gedenken an jeden Einzelnen von Euch, der heute in Utøya war. Ich hoffe wirklich, dass alle Verletzten überleben. Wir verdienen Besseres. Es war wichtig für mich dies zu teilen. Es ist wichtig.

Lies mehr auf dem Blog der Autorin auf Norwegisch und Englisch

Fotos: Homepage (cc) *MDN+SDS*/ Doddy Shinta/ flickr/ mdnsds.tumblr.com/Video (cc) RussiaToday/ Youtube