Über den eigenen Schatten gesprungen

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
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Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
Die überraschenden Gründung eines ‚Koordinierungsrates der Muslime’ Anfang April in Deutschland stößt bei Parteien und Kirchen auf Zustimmung. Zugleich wird jedoch Kritik an der Forderung des neu begründeten Dachverbands laut, mit den Kirchen rechtlich gleichgestellt zu werden. Nun ist er da – der Koordinierungsrat der Muslime (KRM).
Seit langem hat die Politik von den deutschen Muslimen den Zusammenschluss zu einem Verband gefordert, der fähig wäre, im Namen der muslimischen Gemeinschaft zu sprechen. Solange es einen solchen gemeinsamen Ansprechpartner nicht gebe, argumentierten Vertreter aller Parteien, sei es unmöglich, Projekte wie etwa den islamischen Religionsunterricht umzusetzen. Doch so alt die Forderung nach der Gründung eines Dachverbands ist, so überraschend war die Einigung der vier größten islamischen Gruppen Deutschlands – Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB), Islamrat, Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und Zentralrat der Muslime (ZMD).

Noch bis vor kurzem war unklar, wie eine solche Vertretung überhaupt möglich sein sollte. Denn die Muslime in Deutschland sind - ähnlich wie die Christen - in verschiedene Glaubensrichtungen aufgespalten. Sie haben zudem aufgrund ihrer unterschiedlichen geographischen und kulturellen Herkunft höchst unterschiedliche Vorstellung vom Islam und seiner Rolle in der Gesellschaft. Hinzu kommt, dass der Islam traditionell eine hierarchische Organisation wie die Kirche nicht kennt. Selbst im Schiismus, in dem die Institutionalisierung der Geistlichkeit noch am weitesten fortgeschritten ist, gibt es keine feste Hierarchie.

Als wollte er den Überraschungsmoment ausnutzen, stellte der Sprecher des neuen Koordinierungsrates, Ayyub Axel Köhler, wenige Tage nach seiner Gründung am 11. April 2007 die ersten Forderungen. Da der KRM 85 Prozent aller muslimischen Gemeinden vertrete, erklärte er, seien die Bedingungen erfüllt, um als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt zu werden. Er forderte daher, an den Schulen umgehend die Einrichtung eines islamischen Religionsunterrichts anzugehen. Auch der Generalsekretär des Rates Aiman A. Mazyek forderte, die Muslime den christlichen Kirchen gleichzustellen.

Gemäß dem Grundgesetz komme dem Rat – ähnlich wie den Kirchen – ein Sitz in den Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu, argumentierte seinerseits der Dialogbeauftragte der Rates, Bekir Alboga. „Wir wollen nichts mehr und nichts weniger als das, was die deutsche Verfassung vorschreibt: Die Gleichberechtigung aller Religionsgemeinschaften“, sagte Alboga.

Vertreter beider Kirchen und aller großen Parteien begrüßten die Gründung des KRM als wichtigen Schritt zur Integration der Muslime. Zugleich äußerten verschiedene Politiker jedoch Kritik an der Forderung nach Gleichstellung mit den Kirchen. Der innenpolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, sagte, der Rat vertrete lediglich 15 Prozent aller Muslime. Bedeutende Gruppen wie die Aleviten, die in Deutschland rund 20 Prozent der Muslime ausmachen, seien darin überhaupt nicht vertreten.

Die Islambeauftragte der SPD, Lale Akgün, befürchtete ihrerseits die Verdrängung liberaler Positionen, da der Rat von konservativen Verbänden beherrscht werde, liberale Gruppierungen hingegen nicht vertreten seien. Am schärfsten reagierte die Union. Der innenpolitische Sprecher der christdemokratischen Bundestagsfraktion, Hans Peter Uhl, sagte, dem Rat „fehle die Legitimation“, da die meisten Muslime ihn nicht anerkennen würden. Seine rechtliche Gleichstellung mit den Kirchen komme daher nicht in Frage.

Tatsächlich scheinen die Forderungen des Rates vorschnell. Auch wenn die Behauptung, er vertrete nur 15 Prozent der Muslime, einer gesicherten Grundlage entbehrt, so wäre es doch wünschenswert, dass er weitere Gruppen aufnimmt, ehe er als vollwertige Vertretung der Muslime anerkannt wird. Auch die Kritik, dass in ihm Vertreter einer konservativen Auslegung des Islams vorherrschen, ist nicht von der Hand zu weisen. Dennoch sollte man eine vorschnelle Verurteilung vermeiden und erst einmal abwarten, wie er sich verhält.