Türkische Schulen ganz deutsch

Artikel veröffentlicht am 5. November 2007
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Artikel veröffentlicht am 5. November 2007
An staatlichen deutschen Schulen schneiden Migrantenkinder oft schlechter ab als ihre deutschen Kameraden. In den vergangenen Jahren haben deutsch-türkische Eltern daher die Dinge in die Hand genommen und eigene Privatgymnasien gegründet. Doch ist umstritten, ob diese Schulen tatsächlich der Integration dienen.

Ganz gewöhnliche Gymnasien wollen sie sein - nur ein wenig besser als die staatlichen Schulen. Seit einigen Jahren werden überall in Deutschland von deutsch-türkischen Eltern, die mit dem öffentlichen Bildungssystem unzufrieden sind, Privatgymnasien gegründet. Dazu gehört auch die Bil-Privatschule in Bad Cannstatt. Seit drei Jahren wird in dem ehemaligen Bürogebäude im Schatten des Neckarviadukts ein Gymnasial- und ein Realschulzug angeboten. Mittlerweile besuchen 160 Kinder in dem blau-gelb gestrichenen Haus die Stufen fünf bis acht - bei nur zwanzig Schülern pro Klasse. "Zu Beginn konnten wir nicht wählerisch sein", erklärt der Schulleiter Muammer Akin. "Aber inzwischen sind wir so bekannt, dass wir einige Bewerber ablehnen müssen."

Zwar stammen noch immer rund 80 Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien und auf dem kleinen Schulhof sieht man in der Pause viele Mädchen mit Kopftuch. Doch die Schule will ausdrücklich keine Türkenschule sein. Akin ist vorsichtig, wenn er auf den ethnischen Hintergrund der Schüler angesprochen wird. Man dürfe die Kinder nicht ständig ausgrenzen, sagt er und zieht es vor, von der anderen Sozialisation der Schüler zu sprechen. Seine Vorsicht hat ihren Grund, denn zu Anfang war die Schule nicht unumstritten. Viele sahen es mit Skepsis, dass sich Deutschtürken aus dem öffentlichen Bildungssystem zurückziehen, und befürchteten die Etablierung einer Parallelgesellschaft.

Angesichts wachsender Schülerzahlen suchen die Schulen nach größen Räumen

"Unser Ziel war von Anbeginn, eine soziale und ethnische Durchmischung zu erreichen", betont Akin. "Zu Anfang gab es schon einige Diskussionen in der Gemeinde, aber inzwischen sind wir akzeptiert. Im Sommer hat der Gemeinderat beschlossen, uns ein städtisches Grundstück für einen Neubau zur Verfügung zu stellen." Denn der frühere Industriebau im Cannstatter Norden wird in wenigen Jahren für die Schule zu klein sein. Noch reichen die Räumlichkeiten in dem mit Hilfe der Eltern renovierten Gebäude. Doch die Nachhilfekurse des Bildungshauses, aus dem die Schule hervorgegangen ist, haben sich bereits eine neue Bleibe suchen müssen.

Auch die Sema-Privatschule in Mannheim denkt langfristig über einen Umzug nach, denn die 2004 gegründete Einrichtung mit heute drei Klassenstufen wächst beständig. "Wir bieten eine ganztägige Betreuung mit zahlreichen Förderangeboten", erklärt der stellvertretende Geschäftsführer Nuh Daran die Attraktivität der Schule. Ähnlich wie die Cannstatter Bil-Schule ist auch die Sema aus Nachhilfekursen hervorgegangen, die ein deutsch-türkischer Elternverein als Hilfe für Migrantenkinder angeboten hat. Zu den Besonderheiten der Sema gehört auch die Schuluniform, die "ein Zeichen gegen Markenfetischismus" setzen und "einen Hauch von Gruppengefühl" vermitteln soll.

Nur zehn Prozent türkische Kinder schaffen es auf das Gymnasium

An der Sema gibt es weder islamischen Religions- noch türkischen Sprachunterricht - schließlich steht beides in Baden-Württemberg nicht auf dem Lehrplan. Für Nuh Daran hat das keine Priorität und auch an der Bil-Schule geht Deutsch vor. Beide Schulen wollen ganz bewusst nicht zur Abgrenzung beitragen, sondern im Gegenteil die Integration fördern, indem sie die Bildungschancen der Kinder verbessern. Dies ist auch notwendig, denn während knapp 40 Prozent aller Deutschen aufs Gymnasium kommen, schaffen nur zehn Prozent der Kinder mit türkischem Pass den Sprung. An den öffentlichen Schulen werden Migrantenkinder nicht ausreichend gefördert und für die Eltern ist Bildung lange keine Priorität gewesen. Doch die zweiten Generation nimmt die Dinge nun stärker selbst in die Hand, sagt Daran.

Auch in Köln hat ein Elternverein die Initiative ergriffen und das Privatgymnasium Dialog gegründet. Mit Beginn dieses Schuljahrs werden dort zwei fünfte Klassen unterrichtet. Der Geschäftsführer Seyitahmed Tokmak lehnt das Etikett "türkisch" ebenso ab wie die anderen Schulen. Auch hier wirbt man um nicht-türkische Kinder - mit Freizeit-, Betreuungs- und Nachhilfeangeboten. Auch wenn der Schulträger sich Türkisch-Deutscher Akademischer Bund nennt, sind die Eltern keineswegs nur Akademiker, sondern stammen aus allen sozialen Schichten.

Der Boom türkischer Privatschule steht im Kontext der Individualisierung

Auch in Hannover hat mit dem Schuljahr 2007/2008 ein Privatgymnasium seine Türen geöffnet, das vom Verein für Integration und Bildung getragen wird. Dort lernen bis jetzt 35 Kinder in der fünften und sechsten Klasse. Bereits weiter fortgeschritten ist das Privatgymnasium Eringerfeld in der Nähe von Paderborn. In dem im August 2006 eröffneten Internat gibt es schon vier Jahrgangsstufen. Während an den anderen Schulen noch unter etwas provisorischen Verhältnissen unterrichtet wird, entspricht die idyllisch gelegene Schule von Eringerfeld mit ihren zahlreichen Freizeitangeboten bis hin zu Reitkursen am ehesten dem Bild einer Privatschule.

Die Gründungswelle solcher deutsch-türkischer Schulen sieht Mathias Hörnisch im Kontext des allgemeinen Booms im Privatschulsektor. Der Sprecher des Verbands Deutscher Privatschulen Baden-Württemberg verweist auf den Trend zur Individualisierung im Bildungsbereich, der sich nicht zuletzt aus der Enttäuschung über das öffentliche Bildungssystem erklärt. Auch in der Cannstatter Bil-Schule war dies mit eine Ursache. Manfred Ehringer, der das pädagogische Konzept der Schule mit ausgearbeitet hat, will die Freiräume, die das Schulsystem bietet, besser nutzen. "Es kommt darauf an, was die Lehrkräfte aus den ihnen gebotenen Möglichkeiten machen", ist Ehringer überzeugt. An den neuen Privatschulen soll eben nicht alles anders sein - nur ein wenig besser.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung. Erschienen am 01.10.2007. Alle Rechte vorbehalten.