Türkische Intellektuelle in Europa

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Europa – für die Türkei ein nicht greifbares Wunschziel, das noch im Dunkeln liegt. Aber wäre es nicht ratsam, Europa erst zu definieren, bevor man sich wünscht, dazu zu gehören?

Die Moderne durchdringt den Erdboden der anatolischen Gesellschaft mit einem dreieckigen Pflug: Vorneweg das Militär, gestützt durch die Achsen der laizistischen Verwaltung und der progressiven Intellektuellen. Ein Pflug, der aber auch Schild und Wappen darstellt.

Auf der vorderen Seite dieses Wappens steht das Symbol des Voluntarismus des Staates, Antrieb und Spitze einer Entwicklung deren klares Ziel Europa ist, national, laizistisch und positivistisch.

Auf der Rückseite steht dagegen der soziale und gesellschaftliche Fortschritt als Garantie für die Unabhängigkeit des Staates gegen Übergriffe der westlichen Imperialisten. Denn bereits seit den 20er Jahren stellt sich die Frage nach der Entwicklung der Türkei immer im Zusammenhang mit der Entkolonisierung und den Nord-Süd-Beziehungen.

Auch wenn die Intellektuellen durch die Vielzahl der Staatsstreiche keine tragende Achse innerhalb des Staates mehr darstellen, bleibt die Grundproblematik dieselbe. Diese geht quer durch die Gesellschaft und äußert sich dann am stärksten, wenn es um Europa geht, dem wahren Fluchtpunkt der politischen und intellektuellen Debatte in der Türkei.

Der Beginn der Gespräche zum EU-Beitritt der Türkei, der für Frühjahr 2005 angestrebt wird, beschließt den großen Schritt Atatürks, des Vaters der türkischen Republik. Man denke nur an die bereits tausend Jahre dauernde Völkerwanderung der türkischen Völker Richtung Westen, die nun eine sehr starke symbolische Bedeutung erhält. „Diese eineinhalb Jahre sind die entscheidensten für die Geschichte der Türkei. Man kann sie mit den Verhandlungen zum Friedensvertrag von Lausanne 1923 vergleichen “, schreibt Ismet Berkan, Chefredakteur der Tageszeitung „Radikal“(15/07/03).

Der heimliche Staatsstreich

An dieser Stelle taucht die Frage nach Imperialismus wieder auf. Die immer näher kommenden Fristen und der Reformdruck aus Brüssel geben einer Denkschule Auftrieb, die in der Globalisierung, von der die EU nur ein Vorläufer ist, eine Gefahr für die Unabhängigkeit des Staates sehen. Vorreiter dieser Bewegung ist Erol Manisali, Professor für Wirtschaftswissenschaft in Istanbul und Chronist der Tageszeitung „Cumhuriyet“. Er verteidigt seine Theorie eines „heimlichen Staatsstreichs“, der seitens der EU seit der Unterzeichnung der Zollunion verfolgt wird. Er schreibt: „Kehren wir zu EU zurück oder nicht? Die Unterzeichnung der Zollunion ist nur ein Schritt im Prozess der Kolonisierung. Die Anerkennung der Türkei als EU-Kandidat 1999 ist nur ein Köder, um unser Land enger an die EU zu binden.“

Einen ähnlichen Ton schlagen Mümtaz Soysal, Berater des zypriotisch-türkischen Präsidenten und Attila Ilhan, Schriftsteller und Journalist an. Er unterscheidet sich bei den Rechten und bei den Linken nur geringfügig, ist aber ganz eindeutig nationalistisch. Die Verschwörungstheorie liegt hier immer nah. Das Ganze wird natürlich unterstützt durch die Verzögerungen und Zweideutigkeiten der Politik Brüssels. Hinzu kommt, dass der EU eine klare Strategie fehlt. Sie sieht die Erweiterung weniger als einen politischen Akt, sondern vielmehr als einen natürlichen Prozess an, der von der Suche nach dem alten Phantom „Identität“ begleitet wird.

„An dem Tag als die Bush-Regierung beschloss, das System der internationalen Sicherheit zu zerstören, dachte die europäische Kommission in Brüssel, sie könne ihre engsten Nachbarn mit den Reizen des freien Marktes und des Wohlstands trösten. Diese Haltung sagt viel über die schwierige Situation der Europäischen Union in der heutigen Zeit aus. Ihr eine Schizophrenie zu diagnostizieren, kommt der Realität durchaus nahe“, schrieb Ahmet Insel am 23. März diesen Jahres als Reaktion auf den von Romano Prodi und Christopher Patten ins Spiel gebrachten Begriff eines „Freundeskreises“ der EU

„Die EU träumt von einer Puffer-Zone bestehend aus einem ‘Freundeskreis’, der sie vor den Barbaren bewahren sollen. Jedoch werden die EU-Länder vielleicht eines Tages erwachen und feststellen, dass sie von anderen scheinbar zivilisierten Barbaren aus dem Westen umzingelt sind.“

Ahmet Insel hat eine Professur in Paris I und in Istanbul/Galatasaray, arbeitet für die Zeitschrift „Birikim“ und leitet den Verlag Iletisim. Indem sie aktuelle ökonomische Erkenntnisse in Frage stellt und die neuen Herrschaftsformen analysiert, stellt dieses Laboratorium einer neuen Linken, die allergisch auf ideologische Argumente reagiert, eine intellektuelle Referenz in der Türkei dar.

Brüssel bedeutet Wohlstand, Washington Sicherheit

Oral Calislar, Schriftsteller und Chronist der Zeitschrift „Cumhuriyet“ und ein enger Freund von Yasar Kemal, verteidigt unterschiedliche Positionen: „Die Führungselite der Türkei hat sich die Kluft zwischen der EU und den USA ausschließlich im Rahmen kurzfristiger politischer Kalküls zunutze gemacht. Sie hatten niemals gedacht, dass die EU so zu einem strategischen Konfliktpunkt werden könne. Und deswegen lief der EU-Beitritt der Türkei schon immer unglücklich. Aufgrund der Mentalität, die die Geschicke des Landes lenkt, konnten die europäischen Werte der Demokratie nie integriert werden“; schrieb er März diesen Jahres.

Über dieses unfähige Europa ohne klare Umrisse, ohne eine klare Vorstellung davon was eine Erweiterung mit sich bringt, herrscht eine einstimmige Meinung vor: „Brüssel bedeutet Wohlstand und Washington Sicherheit“ (Ahmet Insel). Dies ist der Konsens, der durch die Finanzwelt, die Liberalen und die gemäßigten Islamisten, deren politische Heimat die momentan regierende AKP ist, gestützt wird. Die Unbeweglichkeit Europas, die Ahmet Insel beschreibt und der undurchsichtige Konsens der Türkei in Bezug auf Europa von Oral Calislar sind nur zwei Gesichter ein und desselben Zustands. Diese Meinung herrscht genauso in Europa wie in der Türkei vor.

Und die Türkei wird die Herausforderung nur dann annehmen wenn sie Europa mit formen darf: strategisch, politisch und gesellschaftlich.

Europa ist eine Chance für die Türkei; aber umgekehrt kann man das genauso sehen. Der Beitritt der Türkei zur EU sollte nicht nur als eine Erweiterung des Binnenmarktes gesehen werden. Sonst könnte es weder eine Chance für die Türkei sein, da es dort als „heimlicher Staatsstreich“ verurteilt werden würde, noch für die EU, der von Seiten Washingtons, dem größten Befürworter des Türkei-Beitritts, das Scheitern vorausgesagt wird.

Die Frage des Orients

Die linken Intellektuellen, die für eine starke Integration in die EU kämpfen, treffen schließlich wieder auf die zu Anfang gestellte Frage des Imperialismus. Aber anstatt dass sie sich den Konsequenzen stellen und für die Unabhängigkeit kämpfen, beklagen sie die Begleitumstände: den „Orientalismus“ und ein gemeinsames nationalistisches und fortschrittliches Denken

„Die Stellungnahme des früheren französischen Staatspräsidenten Valery Giscard d'Estaing gegen den EU-Beitritt der Türkei aus Gründen der sozio-kulturellen Identität, hat die EU-Befürworter, deren Vorstellungen auch zu starken Bezug auf die eigene Kultur aufweisen, dazu gezwungen, sich für die Türkei einzusetzen“, so Ahmet Insel.

„Der Orientalismus ist eine kräftige Weltanschauung“, behauptet Edward Said. Eine Weltanschauung, die Meinungen unterdrückt. „Diese Art von Aussagen – Ihr gehört zur dritten Welt und zum Islam, euer politisches System ist nicht das beste, aber ihr könnt auch nicht mehr erwarten – hört man nur noch von wenigen Intellektuellen, zeigt aber immer noch eine Sichtweise der dominierenden Welt.

Wenn uns die EU nun bittet unser demokratisches System neu zu überdenken, es an allgemeine Kriterien anzupassen, ist das ein Zeichen dafür, dass man uns ernst nimmt, und somit das Ende der Geringschätzung des Orients“, schreibt Murat Belge, Journalist und Essayist im „Iletisim“.

Das Vorhaben der türkischen Linken ist es, die Macht der Orientalisten zu brechen. Aber nicht kämpferisch gegen imperialistische Streitkräfte, sondern indem man sie in der politischen Debatte schlägt. Mit Themen wie dem zu starkem Bezug auf die eigene Kultur und die Weiterentwicklung um jeden Preis. Indem sie die Mythen der Linken und der Rechten zerstört, schafft sie einen dritten Weg zwischen der Rückbesinnung auf die eigene Identität und der globalen Uniformität der unweigerlich nach Europa führt.

Damit folgt sie dem Beispiel Atatürks, der einen Mittelweg zwischen Kommunismus und Kapitalismus fand.