Türkische emotionale Intelligenz

Artikel veröffentlicht am 5. April 2008
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Artikel veröffentlicht am 5. April 2008
Die EU hat der Türkei das Gefühl gegeben, in der EU unerwünscht zu sein, erklärte kürzlich der türkische Außenminister Ali Babacan auf der Wilton-Park-Konferenz in Istanbul, zu der Politiker und Entscheidungsträger verschiedener Länder geladen waren. Die türkische Bevölkerung fühle sich in der Staatengemeinschaft unwillkommen.

Warum muss alles, was mit Europa und der Türkei zu tun hat, immer gleich so gefühlig werden? Auf europäischer Seite sieht das ja kaum anders aus. Da geistert um die Forderungen nach Reformen und diverse Geschichtsanalysen hinsichtlich der Wurzeln Europas eine diffuse Angst vor der Türkei und ihrem osmanischen Erbe.

In Europa gibt es zwei Lager: eines, das die Türkei drin haben will und eines, das die Türkei draußen haben will. Beide finden ihre Gründe. In der Türkei gibt es – neben einer kleinen Gruppe notorischer EU-Gegner – eine große Mehrheit, die eine gespaltene Haltung zur EU pflegt. In dieser Gruppe gespaltener Meinungsträger herrscht neben dem grundsätzlichen Wunsch zum Beitritt in die EU das Gefühl der Enttäuschung. Sie wollen im Grunde nach Europa, sind aber das Warten leid und fühlen sich zurückgestoßen. Die sagen: Ach was, die EU brauchen wir nicht. Wenn die uns nicht will, wollen wir die auch nicht. Sie wollen gewollt werden. Ein Fünkchen Hoffnung ist jedoch noch da und lodert zur Flamme auf, wenn man ihm nur einen Krumen Nahrung gibt. Denn die gleichen Leute, die der EU inzwischen die kalte Schulter zeigen, jubeln immer dann, wenn europäische Politiker sich positiv zum Beitritt der Türkei zur EU äußern. Das fühlt sich dann wieder gut an.

Vor einer Woche erklärte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan vor Studierenden in Sarajevo, sein Land habe „nichts zu verlieren“, wenn die EU sich gegen den Beitritt entscheide. Durch eine Absage an die Türkei würde nur die EU zum Verlierer. Da stellt sich aber doch die Frage, ob und warum die Türkei überhaupt noch einen Grund sieht, sich weiter um eine Aufnahme in den europäischen Staatenbund zu bemühen.

Unterdessen sagte Außenminister Babacan gegenüber der BBC, das erhoffte Zusammenkommen der Türkei einer größtenteils muslimische Nation, mit der Europäischen Union sei das größte Friedensprojekt seit dem Zweiten Weltkrieg. Große Worte mit verwirrender Wirkung. Herrscht etwa Krieg, wenn die Türkei nicht schleunigst in die EU aufgenommen wird? Und werden umgekehrt mit dem Beitritt der Türkei in die EU die terroristischen Bedrohungen aufhören und die militärische Terror-Bekämpfung schlagartig eingestellt? Wird der Irak befriedet?

Wenn die Türkei in die EU will, sollte sie dieses Projekt geschlossen und ehrlich verfolgen, das heißt: auch diesen Wunsch eindeutig zum Ausdruck bringen. Die Inkonsequenz der haut-ab-nehmt-uns-endlich-auf-Haltung ist auf die Dauer wohl kontraproduktiv und strapaziert die Nerven aller Beteiligten. Die Spitzen des Landes konzentrieren einen bemerkenswerten Teil ihrer Energien darauf, sich gegenseitig auf die Füße zu treten, Misstrauen zu säen, einander die Hände zu fesseln, Gefühle statt Vernunft regieren zu lassen, und zwar nicht erst seit dem Verbotsantrag gegen die regierende AKP.

Jenes Chaos, in dem sich die Türkei aufgrund einer akuten innenpolitischen Gefühlslage befindet ist das größere Problem – nicht nur, aber auch – auf dem Weg zur EU. Ein Staatsanwalt und mehrere einflussreiche Bewohner des Landes fühlen sich bedroht. Und ignorieren einfach kurzerhand die Stimme des Volkes.

Für diese Entwicklungen sind die Spitzenvertreter der Türkei nicht nur dem Präsidenten der EU-Kommission Jose Manuel Barroso und dem EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn, die am 10. April zu Gesprächen nach Ankara kommen, eine sachliche Erklärung schuldig.

Dorte HUNEKE