Türkei, ein Land in der Schwebe

Artikel veröffentlicht am 10. September 2008
Artikel veröffentlicht am 10. September 2008

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Die Türkei, Brücke zwischen Orient und Okzident, verwundert immer wieder. Angetrieben von den Interessen am Schwarzen und am Kaspischen Meer richtet Europa alle Blicke auf dieses Land, das jedoch starke Beziehungen zu den USA pflegt.

Nachdem man die Schwelle zur Moschee überschritten hat, siegt die Überraschung über den Verstand. Man überwindet die Grenze zwischen zwei Welten, die nur scheinbar weit voneinander entfernt sind. Weiche Teppiche liebkosen die nackten Füße und der melodische Gesang in antikem Arabisch umsäuselt das Ohr. Einige Leute schlafen auf dem Boden, ausgestreckt vor himmelblauen Majoliken. Istanbul kocht, die Moschee ist der einzige Schutz vor der Nachmittagssonne. Der Koran drängt sich auf, sein Ruf ist stärker als jedes Bild. Dies ist das friedliche, nachdenkliche Gesicht des Islams, das keine Furcht hat, sich in seiner Schlichtheit zu zeigen. An diesem Ort des Gebets gibt es kein Unbehagen. Auch nicht für die Gläubigen, die unbeirrt beten. Hier ist niemand ein Fremder.

©Giacomo Rosso

Die Benjamine Europas

Wenn die Türkei der EU beitreten würde, wäre sie mit einem Durchschnittsalter der Bevölkerung von 26 Jahren das jüngste Land der Union. Die heutige Türkei ist ein dynamisches Land in stetigem Wachstum und mit dem Wunsch, ihre Vergangenheit der Armut und Bäuerlichkeit hinter sich zu lassen. Sinnbild dieses neuen Geistes ist Istanbul mit ihren 20 Millionen Menschen, die die Stadt tagtäglich beleben. Die zwei Ufer des Bosporus schaffen ein organisches Ganzes aus zwei Kontinenten mit dem Hafen als pulsierendes Herz. Seit jeher wurde die Stadt von großen Reichtümern durchströmt: in der Vergangenheit von Karawanen der Händler mit Gewürzen und kostbaren Stoffen, in der Gegenwart von Tankschiffen, die geduldig im Hafen warten. Dies ist das große Glück Istanbuls, das der Stadt im Verlauf der Jahrhunderte Ruhm und Reichtum schenkte. Die Stadt zeigt stolz die blühende Wirtschaft und die Neureichen stellen ihre Luxuslimousinen auf den Straßen des Nobelviertels Galata zur Schau.

©Giacomo Rosso

Durch die Geschichte und die geografische Lage fungiert die Türkei als Brücke zwischen dem Osten und dem Westen. Die Geschichte stellt dieses große Land nun vor einen Scheideweg. Europa steht vor der Tür und wartet auf die Entscheidung der türkischen Regierung. Viele Länder der EU fragen sich, ob es eine konkrete Möglichkeit gibt, dass die Türkei schon bald ein Mitgliedstaat sein könnte, während die türkische Bevölkerung nach dem Nutzen des Beitritts fragt. Hinsichtlich der Verschiebung der “europäischen Grenzen“ nach Osten ist die Türkei nämlich ein Sonderfall.

Istanbul ist nicht Türkei

©Giacomo RossoDie türkische Bevölkerung ist nicht arabisch. Obwohl im ganzen Land der Islam vorherrscht sind ursprüngliche Merkmale erhalten geblieben, die einer bewegten Geschichte entspringen. Das türkische Volk ist sehr heterogen, es gibt Armenier, Kurden, Bulgaren, Griechen, Serben und Iraner, die alle zusammen an dem Ort leben, der einst den Kern des Osmanischen Reiches darstellte, dieses Giganten, der zum Ende des Ersten Weltkrieges unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach. Mustafa Kemal, der mit dem Namen Ataturk in die Geschichte einging, schuf damals ein neues, zugleich weltliches und modernes Gebilde: die Republik Türkei. Wer glaubt, die Türkei zu kennen, weil er in Istanbul war, begeht einen großen Fehler. Die eigentliche Türkei ist Anatolien. Im Westen grenzt die Region an das Balkangebiet und im Osten an Mesopotamien. Der Großteil der Bevölkerung sind über das gesamte Territorium verteilte ethnische Minderheiten. Fährt man nach Osten in das wahre Herz des Landes, weit entfernt von Istanbul, gelangt man nach Diyarbakir, Malatya und Van. Staubige, brodelnde Städte mit Nahost-Flair. Kinder, Händler, Männer und Frauen drängen sich auf den Straßen auf der Suche nach etwas Schatten unter der brennenden Sonne und den aufmerksamen Blicken der Soldaten.

Für die Öffentlichkeit und die internationalen Beziehungen bleibt die Frage der Minderheiten offen und umstritten. Die Kurden verlangen die ethnische Anerkennung ihrer Gemeinschaft und pochen als türkische Bürger auf die Menschenrechte, die von der Verfassung garantiert werden. Auf der anderen Seite fehlt aber auch das offizielle Eingeständnis des Völkermords an den Armeniern. Diese historisch nachgewiesene Tatsache wurde von Ankara bis heute nicht anerkannt.

©Giacomo Rosso

Die europäische Madrasa

"Erste Anzeichen des guten Willens gegenüber der EU hat es bereits gegeben."

Mardin ist die letzte Stadt vor der syrischen Grenze. Wenn man hier ist, erscheint einem Europa meilenweit entfernt. Noch mehr überrascht allerdings eine unerwartete Entdeckung: An diesem gottverlassenen Ort prangt das Symbol der EU, mit einem Hinweis auf die Direktfinanzierung der Restaurierungsarbeiten an der antiken Madrasa. Europa schaut im Moment von draußen zu und spielt mit den Gedanken, seine eigenen Interessen auf die Regionen des Schwarzen und Kaspischen Meeres auszuweiten. Bulgarien und Rumänien sind dem Club schon beigetreten, aber mit der Türkei würde die EU-Politik einen wirklich wichtigen Schritt nach vorn schaffen. Die Türkei, die seit 1952 NATO-Mitglied ist, wäre der erste EU-Mitgliedstaat des Ostens, der nicht aus dem sowjetischen Machtbereich kommt. Ankara scheint die EU zu bevorzugen, ohne aber seine Allianz mit den USA beeinträchtigen zu wollen. Premierminister Erdogan, Leader einer islamisch orientierten Partei, hält sowohl das Militär als die Wächter des Laizismus als auch die EU in Habachtstellung. Dabei will er die Wirtschaftssysteme der zwei benachbarten Blöcke einander annähern, in der Hoffnung, schon bald Teil einer einheitlichen politischen Realität zu werden. Erste Anzeichen des guten Willens gegenüber der EU hat es schon gegeben: Die Todesstrafe wurde abgeschafft, es wurde mehr Respekt für ethnische Minderheiten versprochen und der Druck auf die Massenmedien soll gemindert werden. Diese Zeichen lassen Hoffnung aufkommen, sind aber lediglich der Anfang eines langen Weges, den die Kinder der heutigen Türken noch vor sich haben.