Turiner Fiat-Monarchie: "Italiens Kennedys"

Artikel veröffentlicht am 18. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 18. Dezember 2009
Turin befreit sich von der 110-jährigen Herrschaft der Fiat-Monarchie und entdeckt eine kulturelle Seele, von der die Stadt nie wusste, dass sie sie hatte. Ein italienischer Blick auf die Globalisierung.

Turin wird mit Autos, viele von ihnen Fiat-Modelle, überschwemmt. Im Zentrum auf der Via Nizza stoppt eine Baustelle den Verkehr: Die U-Bahn ist im Bau. Erst während der Olympischen Winterspiele, die 2006 in Turin stattfanden, hätten die Menschen begriffen, dass dies für die Stadt erforderlich geworden war, so die Journalistin Anna Masera. „Wenn auch nur für die Touristen“, schränkt sie ein. „Die Agnelli Familie - namentlich die Fiat-Eigentümer - verhinderte ursprünglich den Bau der U-Bahn. Sie wollten, dass jeder ein Auto besaß.“ Die Familie ist in Turin seit über einem Jahrhundert eine dynastische Industriemacht.

Giovanni Agnelli, "Der Rechtsanwalt"Salvatore Tropea hat sein Leben lang als Journalist in Turin gearbeitet. „Fiat ist der letzte der großen, alten italienischen Hersteller“, sagt er. „Auf der ganzen Welt hat es eine so enge Beziehung zwischen einer Stadt und einer Firma wie die zwischen Fiat und Turin nie gegeben. Und es wird sie auch nie geben. Das war einmal ein enges Machtverhältnis, wahr und absolut. Fiat beeinflusste die Politik, ebenso die Gesellschaft, die Kirche, einfach alles. Fiat begleitete einen von der Geburt bis ins Grab. Wenn einem Angestellten ein Sohn geboren wurde, dann bekam er ein Geschenk. Es gab eine Fiat-Kinderkrippe, eine Fiat-Schule, Sommerlager für Fiat-Urlaube. La Stampa und andere große Turiner Tageszeitungen waren jahrelang im Besitz von Fiat. Sonntags ging man aus, um (die zu Fiat gehörende Fußballmannschaft) Juventus zu sehen. Sie begleiteten einen über die gesamte Lebensspanne. Die Monarchie der Savoyer wurde durch die Agnelli-Monarchie ersetzt. Das ist Turins Problem.“

Die Agnellis sind zurzeit an zwei Gerichtsverfahren beteiligt. Anfang 2008 hat der 33-jährige John Elkann, Galionsfigur der Dynastie, einen erbitterten Erbstreit gegen seine Mutter, Margherita Agnelli de Pahlen, entfacht. Die 54-Jährige glaubt, dass sie um ein Vermögen betrogen wurde. „Als die hässliche Geschichte begann, habe ich ein bisschen darüber geschrieben,“ sagt Tropea. „Aber John rief mich an und sagte: Die Mama ist niederträchtig, und sie wird uns vor Gericht bringen. Damals, als der ‚Avvocato‘ (den Spitznamen „Rechtsanwalt“ bekam Giovanni Agnelli auf Grund seines akademischen Grades) der Mythos Turins und Italiens war, wäre diese Beschimpfung ein Problem gewesen. Aber alle Industriefamilien enden so. Das Problem ist der Reichtum.“

Bei dem anderen Gerichtsstreit, in den Fiat verwickelt ist, werden Familienberater Gianluigi Gabetti und Franzo Grande Stevens beschuldigt, Kapitalanleger in die Irre geführt zu haben. 2005 verlor die Agnelli-Familie fast die Mehrheit an den Aktien von Fiat-S.p.A. Die Aktienkurse stiegen in der Erwartung, dass sie zukaufen würden. Der Mehrheitsanteil war aber durch einen geheim gehaltenen Eigenkapital-Swap mit Merrill Lynch gesichert, der die Bank eine saftige Strafe von 250.000 Euro an den italienischen Marktregulator Consob (Commissione Nazionale per le Società e la Borsa ) kostete. Die Ankläger erheben den Vorwurf, dass die fehlende Bekanntgabe den Tatbestand einer Marktmanipulation erfülle; eine Art altertümlichen Manövers, das bei einem italienischen Familienunternehmen nicht sonderlich überrascht. Solche Taktik wirkt auf künftige internationale Kapitalanleger auch nicht besonders motivierend.

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„Einerseits sind Familienunternehmen verantwortungsbewusst; bei Geschäften auf familiärer Basis zieht man sich nicht gegenseitig über den Tisch“, sagt Anna Masera. „Aber Aktionäre vertrauen ihnen nicht. Sie glauben, dass die Familie alles daran setzt, soviel wie möglich für sich zu retten.“

„Wir wollen das Chrysler Paket“

Die symbolische Mirafiori-Fabrik wurde an der Stelle errichtet und 1936 vollendet, an der das Savoyen-Schloss einmal stand, dessen Namen sie trägt. Hier werden ältere Modelle wie der Punto gebaut, Beispiele eines Designs, das nicht mehr dem neusten Stand entspricht. Die modernsten und dynamischsten Modelle, der Fiat 500 und der Panda, werden in Polen gebaut. Italiens Gewerkschaften machen sich Sorgen wegen der Auswirkungen des Fiat-Vorstoßes in die Vereinigten Staaten. Im Januar 2009 ging Fiat eine Allianz mit Chrysler ein und übernahm einen Anteil von 35% an dem kränkelnden Riesen im Tausch gegen Technologie und Vertriebskanäle. Der Deal: Chrysler soll kleinere Autos herstellen - Fiat will dafür auf dem amerikanischen Markt Fuß fassen. Giorgio Airaudo ist der Turiner Sekretär von FIOM, eine der ältesten und mächtigsten Gewerkschaften Italiens. Sie vertritt die Metallarbeiter, von denen viele zur Fiat-Belegschaft gehören. „Wir wollen, dass neuere Produkte in italienischen Fabriken hergestellt werden. Wir wollen das Paket, das Chrysler angeboten wurde, hier in Italien. Wir brauchen eine Regierung, die - wie alle anderen Länder mit einer Autoindustrie - eine Strategie für diesen Industriezweig definiert. Wir brauchen eine Industriepolitik. Fiat muss Elektro-Autos in Italien entwickeln, um sie auf dem europäischen Markt zu verkaufen.“

Fiats Vorstandsvorsitzender Sergio Marchionne sorgte jüngst für Schlagzeilen mit seiner Anmerkung, dass - anders als die Bertone-Fabrik mit Sitz in Turin, die kürzlich zusammen mit 1200 Jobs gerettet wurde - „ nicht alle Fiat-Fabriken gerettet werden können.“ - „Eine schwerwiegende Aussage“, kommentiert Airaudo. „Das Gleichgewicht, das wir bisher bewahren konnten, um Fiat zu stützen, ist in Gefahr.“

Wende

©il Vanzo - tiny little piecesFiat machte noch vor der Weltwirtschaftskrise von 2002 eine eigene Krise durch, als die Gesellschaft schwere Verluste hinnehmen musste. „Marchionne holte sie aus der Hölle“, sagt der Journalist Tropea. „Niemand glaubte, dass Fiat sich erholen würde. Dann kamen die Olympischen Winterspiele. Turin entdeckte diese kulturelle, touristische und vielschichtige Seele in sich selbst. Die Stadt begriff plötzlich, dass sie in der Lage war, andere Sachen zu machen.“

Evelina Christillin teilt diese Ansicht. Die damalige Vizepräsidentin des olympischen Organisationskomitees - sie bekam den Spitznamen „Signora Delle Olimpiadi“ (Lady Olympia) - wird ironisch, als ich frage, was die Wirkung der Olympischen Spiele auf Turin war. „Welche Frage! Grob gesagt war die Wirkung zweifach. Das erste war die physische Wirklichkeit: Straßen, Wohnhäuser, Infrastruktur im Allgemeinen. Die zweite Wirkung war psychologisch: die Stadt wurde ein kultureller Schmelztiegel. Die Turiner Geisteshaltung öffnete sich der Außenwelt. Man merkte, dass wir vertrauenswürdig waren; wir haben uns und den anderen bewiesen, wozu wir fähig sind. Die Turiner schauen jetzt mit großer Begeisterung in die Zukunft statt in die Vergangenheit.“

Ob andere Städte mit industrieller Vergangenheit etwas von der Turiner Strategie lernen können? „Ich habe Manchester besucht und war sehr beeindruckt,“ zieht Christillin ihr Fazit. „Die Industrie bewegt sich jetzt zu anderen Teilen des Erdballs, nach Indien und Brasilien. Es muss weitergehen, aber auf eine Weise, die dafür sorgt, dass wir unsere industriellen Wurzeln nicht aufgeben, auf die wir so stolz sind. Wir müssen unsere Geschichte und unser Erbe mit der Zukunft zusammenführen.“