Turbostudenten & Diplomhandel: Europas Uni-Abschlüsse im Ausverkauf

Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2009

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Der Diplombetrug an Universitäten ist kein neues Phänomen. In den letzen Monaten häuften sich jedoch die europaweiten Skandale: Auf der Anklagebank - Frankreich, Deutschland, die Slowakei und die Tschechische Republik. Wie kann man die Inflation dieses Phänomens erklären?

Copy-paste - nichts einfacher als das: Diplomfälschung ist in Zeiten des World Wide Web ein verbreiteter Ritus geworden. Neu scheinen jedoch das Ausmaß der Betrügereien und zeitgleiche Vorfälle in mehreren EU-Ländern. Mehrere Hypothesen sind plausibel. Wegen des höheren Drucks auf dem Arbeitsmarkt wird ein Uni-Abschluss immer wichtiger. Es lohnt sich also für Studenten in die eigene Zukunft ‚zu investieren‘. Zweitens scheinen die Arbeitsbedingungen einiger Professoren so zu wünschen übrig zu lassen, dass sie offen für (teilweise illegale) Angebote sind. Europas Unis werden zunehmend privatisiert, auch das könnte ein Grund sein. Skrupellose Händler sehen im Handeln mit Diplomen einen neuen Markt, mit dem man sich jedoch viel Ärger einhandeln kann. Panorama.

Auf der Spur der V.I.P.-Fische

Bereits seit zwei Monaten muss sich beispielsweise das tschechische Hochschulwesen mit dem größten Skandal seit der Wende im Jahre 1989 auseinandersetzen: Titel-Betrüge, gefälschte oder abgeschriebene Diplomarbeiten, Studium in Rekordzeit unter Politikern, Businessmännern, Polizeibeamten oder Familienangehörigen von Hochschullehrern - insgesamt sollen hunderte, oft einflussreiche Leute ihren Hochschultitel auf unlautere Weise erlangt haben.

Was der durchschnittliche Studierende in fünf Jahren bewältigt, haben die „Turbostudenten“ an der juristischen Fakultät im tschechischen Pilsen in mehreren Monaten geschafft.

Was der durchschnittliche Studierende in fünf Jahren bewältigt, haben die „Turbostudenten“ an der juristischen Fakultät im tschechischen Pilsen in mehreren Monaten geschafft. Inzwischen besitzen sie hochrangige Ämter im Staatsdienst, verteilen oder bekommen staatliche Aufträge in Milliardenhöhen. Die Chefin der ermittelnden Akkreditierungskommission, Miroslava Dvořáková, hat in der Öffentlichkeit geäußert, es handele sich um eine „Hochschulmafia“, ein „Sicherheitsrisiko für den Staat“.

Mehrere V.I.P.-Fische sind inzwischen ins Netz gegangen, so etwa der Abgeordnete und Vorsitzende des Verfassungsrechtlichen Ausschusses im Parlament Marek Benda: In Pilsen erhielt er den Doktor-Titel „JUDr.“ für eine nur 57 Seiten lange Abschlussarbeit, die, so berichtet zumindest die tschechische Wirtschaftzeitung Hospodářské noviny, die wissenschaftlichen Kriterien nicht erfüllte. An der privaten Universität für Verwaltung und Finanzwesen in Prag füllte sich das Studienbuch von Miss World 2006, Taťána Kuchařová, in Blitzgeschwindigkeit mit Scheinen. Die Skandale provozierten inzwischen den Rücktritt des Führungstrios der Jurafakultät an der Pilsner Universität (Dekan und zwei Prodekane). Der Fakultät wurde zunächst verboten, Doktorprüfungen abzunehmen und neue Doktorandenstudenten aufzunehmen. Nun wird geprüft, ob den „Schnellstudenten“ oder Plagiatoren ihre Titel aberkannt werden können.

Ingenieursdiplom in neun Monaten

Auch in der Slowakei gibt es den ein oder anderen Uni-Superman/ ©Xurble/flickrEinen ähnlichen „Expressstudenten“-Skandal gibt es inzwischen auch in der Slowakei. Etwa hundert Studenten der Alexandr-Dubček-Universität in Trenčín haben ihr Studium in ungewöhnlich kurzer Zeit absolviert. Manche haben ihre Prüfungen sogar nachweislich während ihrer Studienaufenthalte im Ausland abgelegt. Unter den Schnellstudenten ist u.a. auch die Tochter des Dekans der Fakultät der Sozialökonomischen Beziehungen Daniel Bánoci. Sie hielt ihr Ingenieur-Diplom bereits nach 9 Monaten (!) in der Hand. Ihre Diplomarbeit wurde in großen Passagen abgeschrieben, so die slowakische Tageszeitung SME.

Gegen die Universität wird wegen Korruptionsverdacht ermittelt. Bis der Fall geklärt ist, darf die Universität in manchen Studiengängen keine Hochschultitel mehr erteilen oder neue Studenten aufnehmen. Der Sohn des bekannten Anführers der Reformbewegung in der Tschechoslowakei im Jahre 1968, Alexandr Dubček Jr., äußerte, er werde verlangen, dass die Universität den Namen seines Vaters nicht mehr tragen darf, falls das Problem nicht schnell gelöst werde.

Wanted: Doktorvater (Finderlohn!)

Von Schnellstudium und Titelbetrügereien sind aber nicht nur die ehemaligen Ostblockländer betroffen. Auch deutsche Unis mussten sich im Sommer mit diesem Problem auseinandersetzen. Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen rund 100 Hochschullehrer aus ganz Deutschland. Grund: Das so genannte „Institut für Wissenschaftsberatung“ in Bergisch Gladbach soll Professoren Schmiergelder in Höhe von bis zu 4000 Euro gezahlt haben, damit sie Studenten für eine Promotion betreuen, obwohl diese jungen Leute dafür ungeeignet waren. Verletzung der Dienstpflicht, lautet in diesem Fall die Anklage.

Betroffen sein sollen unter anderem Fachbereiche der Hochschulen in Frankfurt am Main, Tübingen, Leipzig oder auch der Freien Universität Berlin. Der Skandal kristallisiert sich in einer Zeit heraus, in der Doktortitel wegen der zunehmenden Promovenden-Inflation immer mehr an Wert verlieren. Im Jahr 2008 haben mehr als 25.000 Studenten in Deutschland promoviert. J.Schloeman unterstreicht in der Süddeutschen Zeitung, dass der Doktortitel für viele nicht nur ein Weg sei, mehr Geld zu verdienen, sondern auch eine „Trophäe für Klingelschilder und Visitenkarten“.

Made in China

Auch Nachbar Frankreich lässt sich beim Diplome-Feilschen nicht lumpen. Im April dieses Jahres erregte eine Diplomschmuggel-Affäre im südfranzösischen Toulon Aufmerksamkeit. Mehr als hundert chinesische Studenten sollen für ihre Abschlüsse große Summen bezahlt haben, obwohl manche kaum Französisch sprechen konnten. Der Vorsitzende der Universität, Laroussi Oueslati, wurde im Oktober von der französischen Forschungsministerin Valérie Pécresse suspendiert - „Behinderung des Ermittlungsverfahrens“ lautete die Begründung. Oueslati sowie zwei Vize-Vorsitzende der Universität sind Anfang November zurückgetreten.

Fotos: The Wolf/Michiel Jelijs: Flickr.