Tschechoslowakei 1989: Gute und schlechte Kommunisten

Artikel veröffentlicht am 24. September 2014
Artikel veröffentlicht am 24. September 2014

Heute weiß ich, wie wichtig das Jahr 1989 für mich und für die Weltgeschichte war. Doch damals hatte ich noch keine Idee davon, welche folgenreichen Veränderungen dieses Jahr mit sich bringen sollte. 

Natürlich war ich als neunjähriger Junge noch nicht an Politik interessiert. Niemand in unserem Haushalt war das. Als ich das erste Mal dachte, es würde etwas passieren, war ich bei einer Familienfeier (in meiner Familie gibt es drei aufeinanderfolgende Geburtstage Ende November und Anfang Dezember). Unser schwarz-weiß Fernseher zeigte eine Massenkundgebung. Aber ich erinnere mich, dass niemand wirklich zusah. Die Reden waren lang und die Redner schlecht gekleidet - also wieso sich damit quälen? 

Gute Kommunisten gegen schlechte Kommunisten

Die Wende folgte, als das Porträt des tschechoslowakischen Präsidenten Gustáv Husák von der Wand unseres Klassenzimmers entfernt wurde. Sein Gesicht war fast Teil des Inventars geworden. Er war bereits seit 14 Jahren im Amt und die meisten Leute dachten, er würde dort für den Rest seines Lebens bleiben.  

Die folgenden Wochen waren sehr turbulent. Einige Lehrer warnten uns vor der Anti-Kommunismus- Hysterie, indem sie uns beibrachten, dass es „gute Kommunisten“ und „schlechte Kommunisten“ gäbe und wir andere Kinder, deren Eltern Kommunisten waren, nicht ausschließen oder verbal attakieren sollten. Doch das war nicht das wichtigste Thema. 

Am besten erinnere ich mich daran, dass ich in diesen Tagen an dem zu zweifeln anfing, was die Erwachsenen taten oder sagten. Lehrer mussten zugeben, dass sie uns einige Wochen zuvor nicht die Wahrheit über einige Themen oder Vorfälle unserer Geschichte erzählt hatten. Beziehungsweise nicht die ganze Wahrheit. 

Václav Havel for president!

Es war nicht ganz einfachm das alles als neunjähriger Junge zu begreifen. Wem sollte ich glauben, wenn ich nicht einmal mehr meinen Lehrern glauben konnte. Später lernte ich, dass es nicht allein ihre Schuld war. Viele von ihnen waren im kommunistischen Regime aufgewachsen, das mit einer Geschwindigkeit zusammenstürzt war, diefür die meisten Menschen unvorstellbar war. Glücklicherweise musste kein Mensch sein Leben lassen, auch wenn die Wochen zwischen Mitte November bis Ende 1989 hektisch waren, als der ehemalige Regimekritiker Václav Havel zum Präsidenten gewählt wurde. Ganz anders in Rumänien, wo die Straßen blutgetränkt waren und Nicolae Ceaușescu für seine Taten hingerichtet wurde (nach einem recht kurzen Prozess, wie wir zugeben müssen). 

Beyond the Curtain: 25 Jahre offene Grenzen

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Vor zehn Jahren traten acht postkommunistische Staaten der EU bei. Aber was wissen wir wirklich über unsere Nachbarn jenseits der Grenze? Schreibt an berlin(at)cafebabel.com, um Teil des Reporterteams zu werden!