Tschechische Emanzipation: Schluss mit Merkelová

Artikel veröffentlicht am 19. September 2012
Artikel veröffentlicht am 19. September 2012
Eine der markantesten Merkmale der tschechischen Sprache steht auf dem Prüfstand: die automatische Endung –ová bei weiblichen Nachnamen. Weil sie streng genommen ein Besitzverhältnis zum Ehemann anzeigt, halten viele die Form nicht mehr für zeitgemäß. Im Präsidentschaftswahlkampf wird das Thema jetzt zum Politikum.

Bei den ersten direkten Präsidentschaftswahlen in Tschechien 2013 soll es Angela Merkelová und Steffi Grafová an den Kragen gehen: Im Wahlkampf macht sich der Kandidat der konservativen Koalitionspartei ODS, Přemysl Sobotka, stark für die Abschaffung der weiblichen Endung –ová. Die wird im Tschechischen automatisch an alle Nachnamen von Frauen angehängt – im Sprachgebrauch auch dann, wenn von Ausländerinnen die Rede ist.

Sobotka war bislang vor allem für seine antikommunistische Haltung und den Drang zur Aufarbeitung der Geschichte bekannt. Nun hat er mit seiner Forderung eine neue Wählergruppe im Visier: Immerhin ein Viertel der Wahlberechtigten ist dafür, die Endung abzuschaffen.

Auch Lucie Gross gehört dazu. Die 33-jährige Tschechin hätte nie gedacht, dass sie einen Deutschen heiraten wird, denn das brachte Probleme. „Mein deutscher Mann hat nicht verstanden, warum ich zwar seinen Namen angenommen habe, dieser aber nach der Hochzeit anders klingen sollte als seiner“, sagt die Juristin. Denn nach tschechischem Recht müssen Frauen an ihren Nachnamen die weibliche Endung –ová anhängen – damit hätte sie „Grossová“ geheißen.

„Ich kenne viele tschechische Paare, die wegen der unterschiedlichen Endungen im Nachnamen bei den deutschen Behörden nicht als Familie wahrgenommen werden“, sagt Lucie Gross. Deshalb machte sie von einer Ausnahmeregelung Gebrauch: Sie verzichtete auf das –ová am Ende ihres Namens und heißt nun wie ihr Mann Gross. Das geht in Tschechien erst seit zehn Jahren und nur bei der Heirat mit einem Ausländer.

Was in Deutschland ganz normal ist, bereitet ihr aber in ihrer Heimat Probleme. „Anrufer sind verwirrt, denken, ich bin ein Mann“, sagt sie. Deshalb meldet sie sich am Telefon inzwischen als „Grossová“. Die Anwältin überlegt sogar, aus Rücksicht auf die Gewohnheiten ihrer Mandanten das –ová auch auf ihre Visitenkarte zu schreiben.

Emanzipation ohne -ova

Viele tschechische Frauen stören sich mittlerweile an der Namenstradition. Allerdings nicht nur aus praktischen, sondern auch aus emanzipatorischen Gründen. Die weibliche Endung deutet nämlich ein Besitzverhältnis zum Mann an – zuerst zum Vater, später zum Ehemann.

Nun hat die Politik das tschechische –ová als Wahlkampfthema entdeckt. Der Konservative Sobotka führt dabei allerdings weniger emanzipatorische Argumente ins Feld: „Als Sportfan“, so sagt er, „finde ich es merkwürdig, dass ich im Fernsehen ständig von Serena Williamsová höre.“ Ginge es nach ihm, sollen sich Frauen künftig freiwillig für oder gegen die Endung entscheiden können.

Jeder zweite Tscheche ist allerdings für die Beibehaltung der Tradition. Grund dafür ist auch die Grammatik:„Im Gegensatz zum Deutschen deklinieren die Tschechen die Namen. Dabei verändert sich die Endung. Wenn dort keine wäre, wäre der natürliche Redefluss unterbrochen, es würde zu Missverständnissen kommen“, erklärt Pavel Štěpán vom Institut für die tschechische Sprache in Prag.

Momentan würde Sobotka nach Umfragen rund fünf Prozent der Stimmen bekommen. Damit bleibt er erstmals hinter den Spitzenkandidaten – den beiden Ex-Premierministern Jan Fischer und Miloš Zeman – zurück.

Auf lange Sicht kämpfen die Sprachschützer sowieso gegen die Zeit: „Viele Traditionen verschwinden. Es gibt keinen Grund, warum gerade diese bleiben sollte“, sagt Jana Valdrová, Professorin für Germanistik an der Universität im südböhmischen Budweis. Auch Angela Merkelová und Steffi Grafová bekämen dann wieder ihre richtigen Namen.

Die Autorin dieses Artikels, Bára Procházková, ist Mitglied des Netzwerks für Osteuropa-Berichterstattung n-ost.

Illustrationen: Teaserbild (cc)David Dittrich/flickr