Trumps Unberechenbarkeit: Europas Trumpf?

Artikel veröffentlicht am 14. November 2016
Artikel veröffentlicht am 14. November 2016

Die EU-Außenminister haben am Wochenende beraten, wie sie auf den Wahlsieg Trumps reagieren sollen. Sie kündigten eine verstärkte Zusammenarbeit in der Außen- und Verteidigungspolitik an. Einige Kommentatoren fürchten eine neue Allianz zwischen Washington und Moskau mit verheerenden Folgen für Europa. Andere halten diese Gefahr für überschätzt.

De Morgen: EU könnte nackt und hilflos dastehen; Belgien

Eine künftige enge Allianz der USA mit Russland würde für Europa dramatische Folgen haben, warnt De Morgen: „Was der künftige Präsident seit seiner Wahl zu Syrien sagt, bestätigt, dass Trump die Nähe zu Putin sucht. Was Assad seinem eigenen Volk antut, ist Trump egal. [...] Das ist genau die Position von Putin, aber auch von allen mit Moskau sympathisierenden rechtsextremen Parteien in Europa. Wenn sich die Allianz mit Russland durchsetzt, stehen wir vor einer dramatischen Verschiebung des Mächtegleichgewichts. Merkt Putin, dass er freie Bahn hat, wird er in der Ukraine weitermachen und den 'Ukraine-Trick' vielleicht auch in Estland und Lettland wiederholen, wo auch eine fünfte Kolonne ethnischer Russen bereit steht. Wenn Trump tut, was er angekündigt hat - nämlich nichts - dann steht die fragile EU plötzlich nackt auf der Bühne der Weltpolitik.“ (Artikel vom 14. November 2016)

Jutarnji list: Es ist Zeit für die Verteidigungsunion; Kroatien 

Jetzt ist es an der Zeit, dass die EU sich selbst stark macht für die Zukunft, fordert Jutarnji list: „Trump ist nun, nach den Wahlen, eine noch größere Unbekannte als er es zuvor war. Sein gefährlichster Aspekt ist seine Unberechenbarkeit. So wird erst die Praxis zeigen, ob 'The Donald' sich wirklich militärisch aus der Welt zurückziehen will und überhaupt kann. Denn die amerikanische Rüstungsindustrie hat bisher jeden US-Präsidenten um den Finger gewickelt! Aber für die Europäische Union dürfte die Frage eigentlich relativ klar sein: Trumps Desinteresse an Europa, Putins Annexion der Krim, Erdoğan, der uns mit Migranten erpresst, Frankreich, das in Lybien das Böse entfacht hat, so wie die Amerikaner und Briten in Syrien und Irak - wollen wir angesichts all dessen, dass jeder weiterhin sein eigenes Süppchen kocht? Oder sollten wir nicht die Union ökonomisch stärken und endlich die militärische Sicherheits- und Verteidigungsunion gründen - unsere Europäische Union?“ (Artikel vom 14. November 2016)

Postimees: Trumps Unberechenbarkeit ist ein Trumpf; Estland

Trump hatte im Wahlkampf offen gelassen, ob er die baltischen Staaten gegen einen russischen Angriff verteidigen würde. Die Angst vor Russland nach Trumps Wahl hält der Kommentator Taavi Minnik in Postimees dennoch für unbegründet: „Bis jetzt gibt es nichts, das bestätigen würde, dass Trump und sein Umfeld konkrete Schritte unternommen hätten, um sich Russland anzunähern. Spricht man von der strategischen Unberechenbarkeit Trumps, oder besser gesagt, seiner fehlenden Strategie, so ist genau das eine Eigenschaft, die Putin in den vergangenen Jahren angewendet hat, um sich Vorteile gegenüber Obama und Kerry zu verschaffen. Damit sind diese nicht klargekommen. Von nun an hält Washington den Trumpf des unberechenbaren Verhaltens in der Hand, denn für den Kreml wird es nicht klar sein, welche Schritte von dem neuen Mann und seiner Mannschaft zu erwarten sind.“ (Artikel vom 14. November 2016)

Gazeta.ru: Putins Lager freut sich zu früh; Russland

Das konservative Lager in Russland freut sich über den Sieg Trumps, doch Gazeta.ru findet das fragwürdig: „Die Kehrseite der Untergangsstimmung unter Russlands Liberalen bezüglich Trump ist die unverständliche Euphorie des konservativ-patriotischen Flügels. Unter Trump, so heißt es, werde die russisch-amerikanische Freundschaft beginnen. Zumindest werde Putin privat mit der amerikanischen Neuauflage seines Freundes Silvio Berlusconi besser auskommen. Das letztere mag zwar zutreffen. Dennoch wird es für Moskau schwer sein mit dem Weißen Haus, in das der wunderbare Trump einzieht, auszukommen. Er selbst und sein Umfeld, das für die politische Komponente seines Wahlkampfes zuständig gewesen ist, sind Menschen mit der rechtskonservativen Reaganschen Denkart. [...] Trump hat im übrigen, ganz im Einklang mit dem Reaganschen Verständnis von Frieden durch Stärke, bereits versprochen, Obamas Programm zur Kürzung von Militärausgaben im Umfang von 500 Milliarden US-Dollar zu streichen.“ (Artikel vom 14. November 2016)

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