Trumps blasser Schimmer von Europa

Artikel veröffentlicht am 17. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 17. Januar 2017

Verwundert bis verstört: So reagierte Europa auf das Interview Donald Trumps mit Bild und The Times. Demnach hält der künftige US-Präsident die Nato für obsolet, den Brexit für klug und Merkels Flüchtlingspolitik für einen katastrophalen Fehler. Kommentatoren hoffen, dass sich Europa von diesen Tönen nicht beirren lässt und eine neue Strategie der Einheit entwickelt.

Corriere della Sera: Wir haben unser Schicksal selbst in der Hand; Italien

Angela Merkel hat in ihrer Reaktion auf das Interview die EU-Staaten angemahnt, sich von der Kritik Trumps nicht verunsichern zu lassen. Das ist die richtige Antwort, pflichtet Corriere della Sera bei: „Wird die Vereidigung am Freitag in Washington für Europa zum Trauertag? Zum Beginn eines politischen, wirtschaftlichen und sozialen Albtraums für eine Gemeinschaft, die bereits schwach und nun dem Gnadenstoß ausgesetzt ist? Wir Europäer würden einen großen Fehler begehen, wenn wir, statt unsere gemeinsamen Interessen zu vertreten, uns um ungelegte Eier kümmern und darüber jammern würden, dass uns Amerika zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vernachlässige oder gar bekämpfe. Europa hat viel zu verlieren, aber auch viel zu gewinnen. Statt es seinem langsamen Todeskampf zu überlassen, hat Trump Alarmstufe Rot für sein Überleben ausgerufen. Jetzt sind die Europäer an der Reihe, um, wie Merkel sagt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie sind es, die entscheiden, nicht Trump.“ (17. Januar 2017)

Sme: Keinen blassen Schimmer von Europa; Slowakei

Donald Trump hat nicht verstanden, was Europa ist, urteilt Sme fassungslos: „Wenige Tage vor Beginn seiner Präsidentschaft liegt Trump mit seiner Europaanalyse heftig daneben. Wenn er wirklich glaubt, dass Deutschland ein Instrument ist, um die USA im Welthandel auszubooten, kennt er nicht einmal die ökonomischen Gesetze, was bei einem supererfolgreichen Geschäftsmann verwundert. In der EU geht es nicht nur um Handel, sondern um Dinge wie offene Grenzen, Reisefreiheit und Zusammenarbeit auf vielen Gebieten. Um Dinge, die Europa eine Ära des Friedens und des Wohlstands wie nie zuvor gebracht haben. Wenn es dem Präsidenten gleich ist, was aus der EU wird - den Europäern ist es das nicht. Ein weiterer Beleg dafür, dass er nicht begreift, was in unserer Region vorgeht, sind seine Aussagen, dass er Merkel und Putin gleichermaßen traut und die Nato sich überlebt hat. Und all dies kommt vom künftigen Präsidenten der stärksten Macht der freien Welt.“ (17. Januar 2017)

De Standaard: Dem Weltgeschehen machtlos ausgeliefert; Belgien

Europa wird seine Ohnmacht durch das Interview erneut brutal vor Augen geführt, findet De Standaard: „Jeden Tag wird deutlicher, wie machtlos Europa gegenüber dieser Umkehrung aller Werte ist. Angela Merkel sagte gestern als Reaktion, dass Europa sein Schicksal in den eigenen Händen hält. Das stimmt, aber genau das ist das Problem. Die Union steht total gespalten vor der Herausforderung, zum ersten Mal in 70 Jahren selbst für ihre Sicherheit und Stabilität sorgen zu müssen. Und das ausgerechnet in einem Moment, in dem die Risiken an Europas Grenzen zunehmen: Putin und der israelische Premier Netanyahu strahlen voll Selbstvertrauen. In der Türkei setzt sich die Machtergreifung von Erdoğan fort. Möglicherweise gönnt das neue Weiße Haus Russland und dem Iran Syrien, und bleibt der Schlächter Baschar al-Assad einfach im Sattel sitzen. Gegenüber dieser beunruhigenden Realität muss Europa eine schärfere Antwort formulieren.“ (17. Januar 2017)

L'Express: EU könnte sehr wohl Weltmacht sein; Frankreich

Die inneren und äußeren Feinde stellen für die EU eine unheilvolle Kombination dar, der die Gemeinschaft 2017 standhalten muss, analysiert Jacques Attali in L’Express: „Für die drei anderen Supermächte [USA, Russland, China] ist es das ideale Jahr, um einen potentiellen Rivalen loszuwerden. Dazu werden sie ihre Kräfte mit denjenigen zusammenschließen, die in Europa selbst die Union auflösen wollen. Denn nur in Europa gibt es Leute, die glauben, dass die Europäische Union im 21. Jahrhundert nicht die stärkste Weltmacht sein kann. Nur in Europa gibt es Leute, die zum Provinzialismus kleiner Gebiete zurückkehren wollen, obwohl sie die Chance haben, eine große demokratische und souveräne Nation zu errichten, die so groß wäre wie ihre stärksten Rivalen. Für die Europäer lautet die Herausforderung für 2017: die Angriffe von außen und von innen abwehren, die - ohne es zu wissen oder zu wollen - sich gegenseitig stärken.“

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