Troika-Stimmung in Thessaloniki: Bleib, wo du bist

Artikel veröffentlicht am 8. März 2013
Artikel veröffentlicht am 8. März 2013
Ich bin gerade wieder zurück in Belgien, nach einem zweiwöchigen Trip in mein Heimatland Griechenland. Die desaströsen Auswirkungen der Krise versteht man erst so richtig, wenn sie deine Nachbarschaft, deine Familie und deine Freunde betreffen.

An meinem ersten Tag zurück zu hause in Griechenland beschließe ich, die Sonne und das gute Wetter zu genießen und ein bisschen durch mein hübsches Viertel Kalamaria in Thessaloniki, einer Stadt  im Norden Griechenlands, zu schlendern. Früher herrschte in der Fußgängerzone immer ein buntes Durcheinander aus spielenden Kindern, alten Menschen, die sich über den letzten Klatsch und Tratsch austauschten und jungen Menschen, die in einer der zahlreichen Bars Kaffee tranken.

Kalamaria ist kaum wiederzuerkennen

Kalamaria hat sich in einen traurigen, einsamen und unfreundlichen Ort verwandelt.

Das ist das Kalamaria, wie ich es in Erinnerung habe. Die Straßen sind leer und die Bars auch. „Bei Giorgio“, wo ich immer gerne hingegangen bin, heißt jetzt anders. Ich erinnere mich, dass mir der Wirt erst vor einigen Monaten erzählt hatte, er habe zunehmend Schwierigkeiten, die Miete zu zahlen. Eine Straßenecke weiter haben gleich vier Läden nebeneinander zu gemacht. Die Wände sind mit Graffitis und Tags übersät, die ich nicht verstehe. Auf den Fenstern hängen Schilder: „Zu vermieten“. Nur diese zwei Worte.

Ich hebe Geld an einem Geldautomaten ab. Sofort werde ich von kleinen Kindern umringt, die mich anbetteln. „Um ein Stück Brot zu kaufen“, sagen sie. Als sie weg sind, spricht mich eine ältere Frau an: „Ihre Handtasche ist offen, oder? Sie sollten vorsichtig sein!“, warnt sie mich. „Letzte Woche haben die das Portemonnaie meines Enkels geklaut.“ Ich schaue sie überrascht an und weiß nicht so richtig, ob ich ihr nun danken oder sie ignorieren soll. Eins habe ich verstanden: Kalamaria galt früher als eines der besseren und reichsten Viertel von Thessaloniki – jetzt hat es sich in einen traurigen, einsamen und unfreundlichen Ort verwandelt.

Die Mentalitäten haben sich geändert

Zwei Tage später treffe ich meine Cousinen Maria* und Katerina* und meinen Cousin Dimitris* auf einen Kaffee. Wir schwanken zwischen der gemütlichen Bar mit einem tollen Ausblick, und einer, die etwas näher liegt und wo der Kaffee einen Euro billiger ist. Normalerweise ist den Griechen ihr Kaffee heilig; trotzdem sind wir uns alle einig und entscheiden uns für die zweite, billigere Option. Die Mentalitäten haben sich geändert. Meine Cousine Maria ist seit zwei Jahren arbeitslos, obwohl sie einen Universitätsabschluss in Betriebswirtschaftslehre hat. Sie überlegt, nach Belgien zu gehen, wo ihr Vater vor ein paar Monaten eine kleine Firma aufgemacht hat. Dimitris ist in ein paar Wochen mit seinem Studium fertig. Er lernt Französisch, weil er sobald wie möglich in die Schweiz will. „Dort kann ich ungefähr 5 000 Euro im Monat verdienen“, erklärt er. Seine Schwester Katerina ist 29 Jahre alt. Sie lebt noch bei ihrer Mutter. Wie Maria ist auch sie seit zwei Jahren arbeitslos. Katerina ist Kindergärtnerin, aber die griechische Regierung hat seit 2009 keine Erzieherstellen in Kindergärten mehr ausgeschrieben. Sie hat angefangen, Deutsch zu lernen, weil sie gehört hat, dass sie in Deutschland Arbeit finden könnte. Und dabei gehören meine Cousins und Cousinen doch zur Mittelschicht…

Das Geld reicht gerade mal für Zigaretten

Den offiziellen Statistiken zufolge lag die Arbeitslosenrate in der Region Thessaloniki im November 2012 bei 27,2%. Trotz der Sparmaßnahmen, die der griechischen Nation auferlegt wurden, sagt die Europäische Kommission auch für 2013 eine Arbeitslosenrate von 27% vorher. Die Schlagzeilen der Zeitungen erinnern immer wieder an die ausweglose Situation: „Troika übt Druck aus“, „Rentner aus Thessaloniki: Wir enden als Bettler“, „Das Gesundheitsministerium legt Sparplan vor“, „Gemeindeverwaltung Thessaloniki fordert 2,2 Millionen Euro zusätzlich", und so weiter.

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Am Donnerstag besuche ich meinen Onkel Yannis*. Ich nehme ein Taxi, um nach Touba zu kommen. Das Auto vor uns fährt sehr langsam. Es hat ein albanisches Nummernschild. Plötzlich kurbelt der Taxifahrer die Scheibe herunter und beleidigt den Fahrer des Autos: „Scheiß Albaner! Geh zurück in dein Land!“ „Was hast du denn für ein Problem?“, antwortet der und steigt aus seinem Auto aus. „Du bist unzivilisiert! Was erlaubst du dir, so mit mir zu sprechen? Und da willst du anständig behandelt werden? Pass auf, ich hole meine Kollegen, die schlagen dich zusammen!”, endet der Disput. Dann braust mein Taxifahrer davon, fluchend und mit quietschenden Reifen. Ich sitze still und ungläubig auf der Rückbank. Ich würde dem Fahrer gern sagen, dass er der Unzivilisierte ist, aber ich traue mich nicht. Mein Onkel meint später, dass es gut war, nichts zu sagen: „Kann sein, dass er ein Chrisavgitis [ein Mitglied der rechtsextremistischen Partei der Morgenröte, A.d.R.] war.“

Dafni hat nur noch fünf Euro. Davon will sie sich Zigaretten kaufen

„Bleib lieber, wo du bist, Ioanna“, lautet die einhellige Empfehlung aller Gespräche. „Hier gibt es keine Perspektive.“ An meinem letzten Tag möchte ich nochmal alle meine Freunde sehen. Wir gehen in ein nettes kretisches Restaurant in der Innenstadt. Als die Rechnung kommt, haben wir alle gut gegessen – aber wir sind uns einig, dass der Pries von 14 Euro pro Person über unserem Budget liegt. Wir hätten in einem billigeren Restaurant essen sollen. Nefeli* verabschiedet sich, als auch Evi* geht. „Wenn ich länger bleibe, muss ich ein Taxi nehmen und das kann ich mir nicht leisten”, sagt sie. Dafni* ist gar nicht erst mitgekommen. Sie hat mir eine Sms geschickt, um mir abzusagen und scherzhaft gedroht, ich müsste ihr sonst ihr Bier ausgeben. Sie hat nur noch fünf Euro übrig und will sich davon lieber Zigaretten kaufen.

Das sind nur ein paar Eindrücke meiner Zeit in Griechenland. Die Krise, die mein schönes Land gerade den Bach runtergehen lässt, besteht nicht nur aus Zahlen oder politischen Reden – das habe ich begriffen. Die Medien verstehen da doch irgendwas falsch. Die Krise betrifft Menschen, echte Menschen. Meine Cousins, meine Onkel, meine Freunde… die Krise hat ein menschliches Gesicht, und das dürfen wir nicht vergessen.

*Alle Namen wurden geändert, da die im Artikel zitierten Personen anonym bleiben möchten. Die Autorin hat in Spanien und Belgien studiert und lebt in Spanien.

Fotos: Teaser (cc)Georgios Karamanis/flickr; im Text: ©IG