Tripolis: Libysche Rebellen wollen Gaddafi an den Kragen

Artikel veröffentlicht am 22. August 2011
Artikel veröffentlicht am 22. August 2011
Die libyschen Rebellen haben die Hauptstadt Tripolis nach eigenen Angaben fast vollständig eingenommen. Drei Söhne des Machthabers Muammar al-Gaddafi sind in der Hand der Aufständischen, er selbst ist offenbar auf der Flucht. Kommentatoren bezweifeln die demokratischen Absichten der Rebellen und diskutieren die Aufgaben Europas für die Zeit nach dem Machtwechsel.

Lidové noviny: "Das ägyptische Beispiel ist eine Mahnung"; Tschechien

Über die Sieger der libyschen Revolution ist wenig bekannt, konstatiert die konservative Tageszeitung Lidové noviny und argwöhnt, dass man von ihnen ähnlich überrascht werden könnte wie von den Revolutionären in Ägypten: "Noch wissen wir nicht, welche Ideen und Werte ihnen wichtig sind, ob sie mögliche Partner der Demokraten im Westen und in der arabischen Welt werden. [...] Das ägyptische Beispiel ist eine Mahnung. Die revolutionäre Regierung dort bestätigt gerade die Skeptiker: Wie ist es möglich, dass die Terroristen aus Gaza über den ägyptischen Sinai in den Süden Israels vordringen konnten? Wieso trugen sie ägyptische Armeeuniformen? Wieso beruft Ägypten nach der israelischen Antwort seinen Botschafter aus Tel Aviv ab, protestiert aber nicht gegen das blutige Regime in Syrien? Für die Ägypter scheint ihr eigener Sieg wichtiger zu sein als der Frieden mit Israel, der 30 Jahre gehalten hat." (Artikel vom 22.08.2011)

De Morgen: Rebellengruppen gegen Gaddafi werden von Stammes-Loyalität angetrieben; Belgien

Selbst wenn der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi stürzt, ist das noch kein Grund zur Euphorie, mahnt die linksliberale Tageszeitung De Morgen: "Vor allem weil die Situation in Libyen nicht mit den demokratischen Volksaufständen in Tunesien oder Ägypten zu vergleichen ist. Die Rebellengruppen gegen Gaddafi bestehen nicht aus jungen Menschen, die sich nach Freiheit und Demokratie sehnen, sondern viel mehr aus rivalisierenden politischen Gruppen, die nicht selten eher von Stammes-Loyalität angetrieben werden als von einer großen Sympathie für Demokratie und Menschenrechte. [...] Es wäre ein fataler Fehler zu glauben, dass die Demokratie sich in Tripolis von selbst zu voller Pracht entwickeln wird, sobald Gaddafi weggebombt ist. Im Gegenteil. Dafür muss sich im Land erst noch viel verändern." (Artikel vom 22.08.2011)

Le Figaro: "Die Aufgabe Europas endet nicht mit dem Krieg"; Frankreich

Das Gaddafi-Regime steht vor dem Zusammenbruch, doch die Aufgabe Europas endet nicht mit dem Krieg, meint die konservative Tageszeitung Le Figaro: "Der Nato fällt eine wichtige Rolle zu in den Bereichen Koordination, Aufklärung und militärischer Unterstützung, um die Begleitschäden so gering wie möglich zu halten. Für Europa sind die Ereignisse in Tripolis essenziell. Der Sturz des Tyrannen kann, wenn er bestätigt wird, unsere Beziehungen mit der sich im Umbruch befindenden arabischen Welt neu definieren. Dann müssen die Anstrengungen fortgesetzt werden, die es bisher gekostet hat, um die Skeptiker zu überzeugen und die Diktatur militärisch zu bezwingen. Wirtschaftliche und humanitäre Hilfe werden von Nöten sein, um ein Land zu stabilisieren, das von Islamismus und Bürgerkrieg bedroht ist." (Artikel vom 22.08.2011)

Der Standard: "Für Libyen auch eine Chance bei null beginnen zu können"; Österreich

Für die Zeit des Übergangs in Libyen muss der Westen sich auf die Rolle des Beobachters und Unterstützers beschränken, meint die linksliberale Tageszeitung Der Standard: "Es wird sehr wichtig sein, dass sich der Westen sofort militärisch aus diesem Konflikt zurückzieht, sobald er politisch entschieden ist. Aufräumen müssen die Rebellen - dann Exrebellen - alleine. Allerdings sollte man sie das nicht ohne Beobachtung von außen tun lassen. Das Thema Menschenrechtsverletzungen wird auch für die Sieger auf den Tisch kommen müssen. Vertrauen ist nicht angebracht. Nun geht es darum, die Post-Gaddafi-Ära mit einer Transitionszeit zu beginnen, die in ein möglichst demokratisches System führen soll. Analysten halten Libyen für schwer benachteiligt im Vergleich mit den beiden anderen Umsturzländern, Ägypten und Tunesien: In beiden Staaten gab es Strukturen und Institutionen, die zwar nur einer politischen Scheinpartizipation dienten, aber immerhin, sie sind da und können mit Leben gefüllt werden. [...] Vielleicht ist es für Libyen ja auch eine Chance, bei null beginnen zu können." (Artikel vom 22.08.2011)

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Illustrationen: (cc)pasukaru76/flickr, Video: youtube/AlJazeeraEnglish