Trend: Gleichberechtigung ist auch in Krisenzeiten gefragt

Artikel veröffentlicht am 4. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 4. Juni 2009
Zum ersten Mal in wirtschaftlichen Krisenzeiten verlieren proportional mehr Männer als Frauen ihren Job. Ein Sieg der Frauen? Freuen wir uns nicht zu früh, der Weg bis zur Geschlechtergleichheit in Europa ist noch weit.

Die Frauen geben sich Mühe zu beweisen, dass sie wie Männer sein können, und verbergen dabei oft eigene Ideen. Trotz dieser Bemühungen sind die Ergebnisse gering, und Widerstand und Machismus sind in der Jobwelt immer noch an der Tagesordnung, wenn sie auch subtiler geworden sind. In Spanien beispielsweise hatte der Druck der Feminist(inn)en nach Francos Tod dazu geführt, dass frauenfreundliche Gesetze eingeführt wurden, die durch die Verfassung von 1978 garantiert werden. Nach jahrelangem Ringen ist der Staat auf die Forderungen der Frauen eingegangen und hat 2007 ein Gleichberechtigungs-Rahmengesetz verabschiedet, das sich im Besonderen mit der Förderung der Gleichstellung von Mann und Frau im Arbeitsumfeld beschäftigt. Dabei wird auch das Konzept der Parität eingeführt, damit spezifisch weiblichen Umständen wie der Mutterschaft Rechnung getragen werden kann. Viele der vorgeschlagenen Maßnahmen sind allerdings „freiwillig“, wohinter sich der Arbeitgeber verstecken kann, um dieses Gesetz nicht umsetzen zu müssen.

Parität oder Gleichberechtigung

Nachdem die moralischen Einschränkungen gegenüber der Geschlechtergleichheit überwunden sind, kann das weniger ‚biologisch’ begründete Konzept der Parität Einzug halten. Die französische Philosophin Sylviane Agacinski definiert Gleichberechtigung als Rechtsgleichheit und rechtliche Nichtdiskriminierung. In Wirklichkeit kann die Gleichberechtigung die Diskriminierung aber nicht unterbinden. In einem Betriebsrat können beispielsweise acht Männer und zwei Frauen einen Posten innehaben - hier herrscht also Gleichberechtigung. Parität gibt es aber keine, denn die Entscheidungsfindung liegt weiterhin in den Händen der männlichen Mehrheit. In größeren Firmen ist die schwache Präsenz von Frauen in gehobener Stellung immer noch sehr offensichtlich, 90 Prozent der Betriebsratsmitglieder der wichtigsten europäischen Unternehmen sind nach wie vor Männer.

„Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit“, lautet einer der Grundsätze der Europäischen Union, festgeschrieben 1957 im EG-Vertrag von Rom. 1975 wurde auf dieser Basis ein europäisches Gesetz erlassen, das jede Art von Diskriminierung in der Entlohnung von Frauen und Männern untersagt. Dieses Prinzip stand auch im Zentrum des diesjährigen Weltfrauentags am 8. März 2009. Denn trotz der Fortschritte der letzten Jahre verdienen Frauen in Europa für die gleiche Arbeit weiterhin 17,4 Prozent weniger als Männer.

Mit der Krise kommt die Trendwende

Laut des Berichts zur Gleichberechtigung 2008-2009 der Europäischen Kommission ist der Anteil der arbeitenden Frauen in den letzten Jahren gestiegen (58,3 Prozent gegenüber 72,5 Prozent für die Männer). Dabei arbeiten Frauen häufiger in prekären Arbeitsverhältnissen (bezahlt nach Stunden) als Männer (31,2 Prozent gegenüber 7,7 Prozent) und sind in Niedriglohnsektoren in der Mehrzahl. Um zum Beispiel Spanien zurückzukommen: Das spanische Statistikamt INE hat in einer Studie zur arbeitenden Bevölkerung festgestellt, dass der Beschäftigungsanteil der spanischen Männer bei 69,11 Prozent und der der Frauen bei 51,51 Prozent liegt, das heißt 20 Prozentpunkte höher bei Ersteren. Im Vergleich zu früheren Wirtschaftskrisen ist der Anteil des Verlusts des Arbeitsplatzes der männlichen Bevölkerung seit dem letzten Sommer dagegen zum ersten Mal proportional höher als der Verlust der Frauenarbeitsplätze. Das gleiche Phänomen kann man in anderen Ländern beobachten, insbesondere in Großbritannien.

Was kann man noch tun, um die Situation zu verbessern? Laut des Jahresberichts 2008-2009 des Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen (UNIFEM) sind die Regierungen dafür verantwortlich, einen Arbeitsmarkt zu garantieren, der auf das soziale Wohl und die Gleichbehandlung der Menschen zielt. Weder der Aktivismus der Frauen noch die Autoregulierung der Firmen reiche dafür aus. Um die Rechte der Frauen zu schützen müssten die Staaten dafür einen Kontrollmechanismus der Arbeitsmarktinstitutionen einrichten.