Traum oder Alptraum? Filmkritiker auf der Berlinale sein

Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2010
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Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2010
Logo BerlinaleNicht-Akkreditierte sind oft neidisch auf sie: Die Pressemenschen, die mit ihren roten Anhängern wedeln und ohne Schlange stehen in die meisten Vorstellungen gehen dürfen. Als Journalist ist man eher genervt von seinen Kollegen, trifft man doch mit der Zeit immer auf die gleichen Leute. Eine Anthropologie der Berlinale-Berichterstatter.

Der Vorbereitet-Disziplinierte

Er kennt das Programm schon zwei Wochen vor der Pressekonferenz und macht seine Interviewtermine in Abstimmung mit seinem Filmstundenplan, den er immer in einer Plastikhülle dabei hat. Denn um als ambitionierter Hobbyjournalist sein Pensum an Filmen wirklich zu schaffen, benötigt er vor allem eines: Disziplin! Im Kino schreibt er meistens mit einer speziellen Leselampe, um die ihn alle anderen Journalisten beneiden, die dafür ihr Handy-Display benutzen müssen und erboste Zwischenrufe der anderen ernten. Die zahlreichen Berlinale-Partys beendet er gegen 21 Uhr, um am nächsten Tag für die Pressevorführung 9 Uhr wieder fit zu sein.

Die Intellektuell-Versnobbte

Mit extravagantem Kragen, hohen Stiefeln und großer Tasche schreitet sie über den Potsdamer Platz. Meist kommt sie aus Frankreich und versteht nicht, wieso sie im eiskalten Berlin sein muss, wo doch in Cannes immer Sommer ist. Trotz der riesigen Eisflächen findet sie immer einen Weg, elegant auszusehen, während sie läuft. Ihr Presse-Anhänger ist dunkelrot und steht für „ganz wichtige Tagespresse“, ihre Kollegen mit den hellroten Badges nimmt sie nicht zur Kenntnis. Daher kommt sie auch immer als Letzte und darf sich auf den reservierten Platz neben dem/der nervösen Filmemacher/in niederlassen. Ihre Kritiken sind meist zerstörend.

Der Nerd

Er erfüllt jedes Klischee, ist meist männlich, übergewichtig und Brillenträger. Er betreibt seinen eigenen Filmblog und berichtet über alle 400 Filme der Berlinale. Themenschwerpunkte? Ach was, Hauptsache bewegte Bilder, wie früher im Fernsehen, als er nächtelang amerikanische Sitcoms gesehen hat, total verrückt! In seiner Berlinale-Umhängetasche befindet sich stets die überlebensnötige Verpflegungsration: Schokoriegel, Cola, Chips, um die langen Tage und Nächte zu überstehen. Seine Kritiken sind meistens Ratings, Daumen hoch oder Daumen runter.

Der Ausländer

Er besitzt eine extra Winter-Daunen-Jacke, die er ausschließlich für die Berlinale in seiner südamerikanischen Metropole gekauft hat. Selbst Urstein-Berliner besitzen eine solche Jacke nicht, trotzdem friert er immer. Er ist ein großer Fan vom europäischen Autorenkino und stellt auf den Pressekonferenzen unverständliche Fragen, sowohl im Inhalt als auch der Aussprache. Manchmal wird einer von ihnen noch Wochen nach der Berlinale verwirrt in den U-Bahn-Schächten Berlins aufgegriffen. Zwischen Cinemaxx am Potsdamer Platz, den Kiezkinos in Neukölln, Zehlendorf, Schöneberg und dem Zoo-Palast ist er einfach verloren gegangen.

(Text von Christiane Lötsch)

Lest weitere Texte von der 60. Berlinale 2010 im Magazinteil.