Trauer nach Amoklauf in München

Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2016

Der Amoklauf in einem Einkaufszentrum in München hat weltweit die mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil stundenlang unklar war, ob es sich um einen Terroranschlag handelt. Kommentatoren zeigen Verständnis dafür, dass die Nerven der Menschen blank liegen und blicken auch auf die Biographie des Täters.

Právo: Beklommenheit macht sich breit; Tschechische Republik

Die Massaker der letzten Zeit folgen einander in einem solchen Tempo, dass man sich über die extrem angespannte Atmosphäre in der Gesellschaft nicht wundern muss, meint Právo: „In immer kürzeren Abständen wird das Gefühl der Sicherheit auf unserem bislang relativ ruhigen Kontinent erschüttert. Die Menschen sind beunruhigt und es ist ihnen gleich, in welcher Form die Verbrechen in die Kriminalstatistik eingehen, als Amoklauf oder als Terroranschlag. Zumal IS-Anhänger das Münchner Attentat bejubelten. [...] Die häufigste Frage in den sozialen Netzen ist, was noch alles geschehen müsse, damit sich die Politik zu entschiedenen Maßnahmen durchringt, um die Sicherheit der Bürger zu garantieren. [...] Worte, wonach auch wir uns leider an solche Ereignisse gewöhnen müssen, bringen die Toten nicht wieder zurück. Sie verstärken nur die Angst, die sich in unsere Köpfe eingenistet hat.“ (25. Juli 2016)

Nrc Handelsblad: Die wichtigen Fragen werden ausgeklammert; Niederlande

Deutschland vermeidet es nach dem Amoklauf in München, sich mit der realen Terror-Bedrohung auseinanderzusetzen, kritisiert das NRC Handelsblad: „Die wichtigen Fragen werden nicht gestellt - oder noch nicht. Auch die nach der Effektivität der Polizei. Die Polizei wurde am Wochenende breit gelobt für ihre Arbeit, auch wenn sie am Freitagabend total verwirrt war. [...] Die schmerzhafte Frage bleibt, was die Polizei hätte tun können, wenn es doch ein Anschlag von einem gut trainierten Terrorkommando gewesen wäre. [...] Stundenlang lebte Deutschland in der Angst, dass das Land nun einen Terroranschlag erlebt, so wie Frankreich und Belgien zuvor. Als deutlich wurde, dass das nicht der Fall war, wich die politische Spannung sofort. Es blieb bei einer Tragödie, aber Kanzlerin Merkel musste sich nicht mehr verteidigen. Sie konnte sich als tröstende Mutter des Vaterlandes präsentieren. Doch der 'Elefant bleibt im Raum'. [...] Die positive Stimmung, mit der vor einem Jahr Flüchtlinge in München empfangen wurden, ist seit den massiven sexuellen Übergriffen der Silvesternacht verflogen.“ (25. Juli 2016)

Kurier: Vorschnelle Verurteilungen und Hetze; Österreich

Der Täter war ein 18-jähriger Münchner, er selbst in Deutschland geboren, seine Eltern Iraner. Er befand sich in psychatrischer Behandlung. Erschüttert über die Hetze in den sozialen Netzwerken zeigt sich der Kurier: „Was nachdenklich stimmen muss, sind die Schuldzuweisungen, die in den sozialen Medien umgingen als es noch keinen einzigen Hinweis auf den Täter gab, außer, dass er 'Deutsch-Iraner' sei. […] 'Danke, Angela!' […] war noch eine der harmloseren Varianten, die auf deutschen und heimischen Accounts gepostet wurden. Die Polizei legte noch in der Massaker-Nacht demonstrativ Wert darauf, dass der Deutsch-Iraner 'bereits länger als zwei Jahre' im Land lebte. Die Botschaft, die hier unausgesprochen deutlich gemacht werden sollte: Was immer hinter dieser Wahnsinnstat steckt, der Täter kam nicht als Flüchtling nach Deutschland - und schon gar nicht mit der großen Welle im Vorjahr.“ (25. Juli 2016)

Zeit Online: Ein gescheiterter, trauriger Mensch; Deutschland

Eine Auseinandersetzung auch mit der Biographie des Täters empfiehlt nach der Bluttat Zeit Online: „Auch die besten Präventionsmaßnahmen - machen wir uns nichts vor - werden nicht alle Jugendlichen und noch weniger die Erwachsenen erreichen. Trotzdem sind sie das Richtige: Sie zielen darauf ab, das Leben für alle besser zu machen: ein Bewusstsein für Mobbing schaffen, Hilfe anbieten, wenn jemand in einer Krise feststeckt, die Krise überhaupt zu sehen und eventuell die Drohungen, die ein potentieller Amokläufer vorher schon durchsickern lässt, zu hören. Mitgefühl? Haben wir natürlich vor allem für die Opfer, ihre Freunde und Familien und all jene, die das Massaker mit ansehen mussten. Es lohnt sich aber trotz der Monstrosität einer solchen Tat, auch den Täter zu bemitleiden. Weil ihm niemand helfen konnte einerseits. Andererseits aber auch um allen potentiellen Nachahmern zu zeigen: Hier ist ein gescheiterter, trauriger Mensch, kein Superheld, kein cooler Rächer in eigener Sache. Sondern einer, der vielleicht ein gutes Leben hätte haben können. “ (25. Juli 2016)

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