"tranzyt" - Völkerverständigung durch Fußball und Literatur

Artikel veröffentlicht am 16. April 2012
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Artikel veröffentlicht am 16. April 2012
von Betina Hurtic Polen und Ukraine rücken mit der Austragung der Fußball-Europameisterschaft im Juni 2012 in den Fokus der europäischen Öffentlichkeit. Die diesjährige Leipziger Buchmesse stimmte uns mit dem Programm „tranzyt – Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“ bereits im Vorfeld auf die literarischen Vorzüge der Region ein.
Martin Pollack, Kurator des Programms, erklärt im Interview u.a. den Zusammenhang von Literatur und Fußball.

LBM_LKW_tranzyt_jpg.jpgHerr Pollack, warum ist es wichtig, die Literatur unserer Nachbarländer zu kennen? Die Literatur ist ein wunderbares Mittel, um unsere Nachbarn kennen zu lernen, ihre Kultur, ihr Denken, ihre Geschichte, auch ihren Alltag. Mit Hilfe der Literatur fällt es uns leichter, unsere Nachbarn zu verstehen und uns mit ihnen zu verständigen. Wer die Literatur eines Landes kennt, ist gefeit gegen Vorurteile und ein Denken in billigen Klischees – das ist gerade in der Beziehung zu den Nachbarn sehr wichtig.

Als Publizist, Autor und Übersetzer sind Sie ein Kenner der Region. Was war für Sie persönlich der besondere Reiz an der Gestaltung des Programms „tranzyt“? Wir versuchen drei unterschiedliche Länder, mit unterschiedlichen Literaturen, zu präsentieren. Das ist schwierig, aber reizvoll zugleich. Dazu kommt, dass ich selber Autor und Übersetzer bin und keine Erfahrung als Kurator habe – es ist für mich also ein Sprung ins kalte Wasser. Ich stellte mir anfangs ein wenig bang die Frage, ob es funktionieren würde, ob ich das schaffen würde... Gott sei Dank wurde ich von vielen Seiten großartig unterstützt – das hat es für mich sehr viel leichter gemacht. An dieser Stelle möchte ich allen Mitarbeitern des Programms, den Autoren, aber auch den Organisatoren, meinen Dank aussprechen.

Ein Programmschwerpunkt von „tranzyt“ war das Thema Fußball. Was haben Literatur und Fußball gemeinsam? Es gibt viele Autoren, die sich für Fußball interessieren und selbst begeistert Fußball spielen. Aber darum geht es hier nicht. Fußball ist nicht nur eine populäre Form des Massensports, mit einer ganz eigenen Fankultur, die auch in der Literatur ihren Niederschlag findet, sondern ein wichtiges gesellschaftliches, politisches und auch wirtschaftliches Phänomen. Fußball kann völkerverbindend, aber auch trennend sein; über Fußball werden oft ernste Konflikte ausgetragen, das gilt übrigens auch für die Literatur. Ich erinnere an das Buch „Der Fußballkrieg“ des polnischen Autors Ryszard Kapuściński, das ich vor Jahren übersetzt habe. Es geht um den militärischen Konflikt zwischen Honduras und El Salvador im Jahre 1969, der durch ein Fußballspiel ausgelöst wurde. Aber wir setzen natürlich unsere Hoffnung auf die völkerverbindende Seite des Fußballs, zu der auch die Literatur einen Beitrag liefern kann.

Wie hat sich der Literaturbetrieb in diesen Ländern nach der Osterweiterung der Europäischen Union verändert? Vor welchen Herausforderungen stehen Autoren, Verleger und Übersetzer? Die drei Länder befinden sich in unterschiedlichen Stadien, Polen verfügt über einen Literaturbetrieb, vergleichbar mit unseren Ländern, während die Ukraine oder gar Belarus davon noch weit entfernt sind. Der Buchmarkt wird dort weitgehend vom Staat kontrolliert, was sich natürlich auch auf die Literatur auswirkt. Daneben gibt es kleine unabhängige Verlage, die mit ungeheuren Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Es ist auch unsere Absicht, die interessierten Menschen hierzulande über die Probleme der Autoren und unabhängigen Verleger in diesen Ländern zu informieren, und umgekehrt sollen auch Verleger und Autoren in der Ukraine und Belarus mit Informationen über den Literaturbetrieb bei uns versorgt werden. Tranzyt darf nicht nur in eine Richtung laufen, er darf in keine Einbahnstraße münden.

Die Literaturszene der drei Länder untereinander ist gut vernetzt. Auch die Leipziger Buchmesse fördert den Austausch. Warum ist die weitere Vernetzung der Literaturschaffenden und ihre Förderung so wichtig? Im deutschsprachigen Raum wissen wir viel zu wenig über diese Literaturen und auch über die Netzwerke, die es dort gibt. Da haben wir noch viel zu lernen. Es ist auch wichtig, Autoren aus diesen Ländern einzuladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen und einen offenen Austausch zu pflegen. Vor allem die Literaturszene in Belarus ist weitgehend isoliert, weil das Regime das Land in die Isolierung getrieben hat. Aber das ist nicht die Schuld der Autoren. In dieser Situation erscheint es mir besonders wichtig, die Diskussion mit ihnen zu suchen, sie einzuladen, sie in gemeinsame Projekte einzubinden.

In Deutschland interessiert sich mehr ein Fachpublikum als die breite Öffentlichkeit für Autoren aus Mittelosteuropa. Wie sieht es in anderen europäischen Ländern aus – z.B. in Österreich? In Österreich oder in der Schweiz ist das nicht anders, es braucht viel Zeit und noch mehr Geduld, um das zu ändern. Wer rasche Ergebnisse erwartet, der wird enttäuscht sein. Aber das heißt nicht, dass wir es nicht versuchen sollen. Im Gegenteil, wir dürfen in unseren Bemühungen nicht nachlassen, auch im eigenen Interesse. Man darf die drei Länder nicht in einen Topf werfen, die polnische Literatur ist im deutschen Sprachraum gut verankert, Schriftsteller wie Andrzej Stasiuk, Hanna Krall oder Olga Tokarczuk sind seit vielen Jahren klingende Namen, deren Bücher sich im deutschen Sprachraum gut verkaufen. Aber es geht uns darum, den Autoren aus der Ukraine und Belarus ähnliche Möglichkeiten zu eröffnen, die Neugierde auch für diese Literaturen zu wecken.

Das Literaturprogramm „tranzyt“ der Leipziger Buchmesse ist auf drei Jahre angelegt. Können Sie uns eine Vorstellung geben, was uns in den nächsten zwei Jahren erwartet? Es ist noch zu früh, über das Programm des nächsten Jahres zu sprechen, wir sind gerade dabei, die Erfahrungen der heurigen Buchmesse zu verarbeiten. Da gab es viele Anregungen, auch für uns sehr viel Neues, das macht die Arbeit an „tranzyt“ so spannend. Wir wollen uns bemühen, den Blick zu erweitern, wir wollen neue Themen und natürlich auch Namen präsentieren, aber auch andere Medien einbeziehen, etwa die Fotografie. Fotografie und Literatur, das ist eine reizvolle Kombination. Aber das wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen, der Anfang ist jedenfalls gemacht.

„tranzyt – Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“ ist ein Programmschwerpunkt der Leipziger Buchmesse, der von der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, der Rinat Ahmetov Stiftung, der Allianz Kulturstiftung gefördert und in Zusammenarbeit mit dem Lemberger Verlegerforum und dem Polnischen Institut in Leipzig durchgeführt wird.

Martin Pollack ist Autor und literarischer Übersetzer. Geboren 1944 in Bad Hall/Österreich, Studium der Slawistik und osteuropäische Geschichte. Bis 1998 Redakteur des Spiegel in Wien und Warschau. Seit 1998 ist er freischaffend tätig. 2011 erhielt er den den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.