Trans-Journalistin in der Türkei: „Diese Gesellschaft ist heuchlerisch“ 

Artikel veröffentlicht am 13. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 13. Mai 2016

Michelle Demishevich wurde als „Frau in einem Männerkörper geboren“. Für die Medien ist sie zur ersten „Trans-Journalistin der Türkei“ geworden - ein Etikett, das an ihr klebt. Ob Außenseitertum, verbale und körperliche Angriffe oder Heuchelei von Medien und Gesellschaft: Michelles Geschichte ist eine Geschichte vom Kämpfen.

Auf der Terrasse eines Cafés, nur wenige Meter vom Taksim-Platz entfernt, erklärt Michelle, die als „Frau in einem Männerkörper geboren“ wurde, dass sie ihren Vornamen nach dem Beatles-Song ausgesucht hat, den sie in ihrer Kindheit oft hörte. Ursprünglich stammt sie aus einer mazedonischen Familie und hat beschlossen, sich ihren alten Familiennamen wieder anzueignen. Der türkische Staat hatte diesen verändert, als die Familie vor dem Zweiten Weltkrieg floh und in der Türkei ankam. „Es war wichtig, mir diesen Familiennamen wieder anzueignen, denn er ist ein Teil dessen, was ich bin.“ Michelle erklärt, sie sei 1999 geboren, dem Tag ihrer geschlechtsangleichenden Operation.

Grundsätzlich sei sie stolz, eine „Trans-Journalistin“ zu sein, nur über die immer wieder gleiche Wotwahl macht sie sich lustig: „Diese Formulierungen sind Schwachsinn, ich bin doch vor allem ein menschliches Wesen. Erst danach bin ich eine Journalistin, eine Frau, eine Trans, ich bin Michelle, die die besten Carrot Cakes der Welt macht, die Blumen mag, die Tiere füttert.“

„Eine Pistole, die auf meine Stirn gerichtet ist”

Die Zigarette in der Hand, spricht diese schöne Frau mit langen blonden Haaren über die Stigmatisierung, die verbalen und körperlichen Angriffe, denen sie regelmäßig ausgesetzt ist: „Als Transfrau fühle ich mich jeden Tag bedroht, als würde eine Pistole auf meine Stirn gerichtet“. Dieses Gefühl der Unsicherheit schränkt Michelle in ihrer persönlichen Freiheit ein: „Bei uns, wenn wir mit Trans-Freunden zusammen sind, verhalten wir uns unauffällig, wir machen nachts die Lichter aus, unsere Handys sind auf lautlos gestellt, wir sprechen leise aus Angst, angegriffen zu werden.“ 

Gekleidet in ein langes grünes Kleid und eine Jeansjacke ergänzt Michelle: „Ich tue alles was ich kann, um auf der Straße nicht bemerkt zu werden, im Bus, wenn ich draußen bin.“ Sie präzisiert: „Ich trage keinen Lippenstift, ziehe weite Kleidung an, dabei würde ich mich gerne schminken, meine Beine zeigen, Absätze tragen, mich sexy, weiblich fühlen.“

Michelle erwähnt die alltäglichen Bemerkungen, die Blicke der Menschen. Als sie vor kurzem zwei Katzen in der Nähe ihrer Wohnung fütterte, spuckte ihr ein Kind ins Gesicht. „Ich bin weinend zu mir nach Hause gegangen, habe mir das Gesicht gewaschen und bin zurückgekehrt, um die Tiere zu füttern. Ich will nicht, dass solche Dinge mich davon abhalten, die Dinge zu tun, die ich wichtig finde.“

In der Türkei sind verbale und körperliche Angriffe auf Transfrauen an der Tagesordnung. 2006 erlebte Michelle ein Martyrium, als die Polizei bei ihr auftauchte und sie ohne offensichtlichen Grund mit aufs Revier nahm. Dort wurde sie gefoltert und vergewaltigt, bevor man sie auf den Bürgersteig warf. Diese Gewalt geht manchmal bis zum Tod. Das erste Treffen, das mit Michelle verabredet war, wurde abgesagt, weil eine ihrer Freundinnen umgebracht wurde. Ein Verdächtiger wurde festgenommen, aber Michelle wartet noch auf ein Urteil – denn auch in den Gerichten ist die Diskriminierung von Transmenschen nichts Ungewöhnliches. Es kann passieren, dass die Richter den strafmildernden Umstand der „starken Provokation“ auf die Verbrechen oder Angriffe auf Transmenschen anwenden und so die Strafe der Angeklagten mindern.

„Diese Gesellschaft ist heuchlerisch“, erklärt Michelle. So würden Trans-Sexarbeiterinnen zwar von der Gesellschaft verteufelt, seien gleichzeitig aber sehr gefragt: „Wir leben in einer Gesellschaft, die Transfrauen ablehnt.“ Dabei seien diese ja vor allem Frauen, argumentiert Michelle. In der Türkei würden Transfrauen wie gesellschaftlicher Müll wahrgenommen, wie perverse, nicht-respektable Personen. Die Gesellschaft sehe in ihrer Existenz eine Ablehnung der männlichen Identität. Und dieses männliche Geschlecht abzulehnen, um eine Frau zu werden, würde als Verrat an der Männlichkeit empfunden, so Michelle. Ihrer Meinung nach beschreibt der James Brown-Song „It’s A Man’s World“ gut das in der Türkei vorherrschende patriarchale System: „In der Türkei ist der Staat ein Mann, die Justiz ist ein Mann und die Medien sind Männer. Die Identität des Mannes ist zu einer heiligen Institution geworden.“ 

Eine Reportage von Michelle für ihren alten Arbeitgeber, IMC TV

„Ich habe in meinem Leben alles geändert, außer meinen Beruf“

In ihrem „vergangenen Leben”, wie Michelle selbst sagt, war sie bereits Journalistin: „Ich habe in meinem Leben alles geändert, außer meinem Beruf“. Sie präzisiert: „Ich habe meine Seele mit meinem Körper in Einklang gebracht, meine journalistischen Fähigkeiten sind immer noch da.“ Trotzdem, als sie ihre Geburtsstadt Izmir verließ und 1999 in Istanbul ankam, war sie in den Redaktionen alles andere als willkommen. Sieben Jahre lang arbeitete Michelle deshalb als künstlerische Assistentin in Nachtclubs, als Managerin, als Verwaltungs-Angestellte.

Nachdem sie fast zwei Jahre lang für den türkischen Kanal IMC TV gearbeitet hatte, wurde sie im Zuge eines Führungswechsels entlassen. Die Gründe für die Kündigung blieben unklar. Heute ist Michelle freie Journalistin. Auf Facebook und Twitter teilt sie regelmäßig Artikel, die über die Gewalt gegenüber Transfrauen, LGBT und Kurden berichten. Sie kämpft für die Rechte aller marginalisierten und bedrohten Identitäten. Sie kritisiert das große Gewicht der Männer in den Medien: „In der Türkei gehören die Medien den Männern. Habt ihr in den großen Medien mal eine Frau als Leiterin gesehen? Sowas gibt es nicht.“ Auch wenn die Situation in der Türkei sich ein wenig entwickelt hat, werden Journalistinnen trotzdem allzu oft auf „Frauenrubriken“ reduziert oder arbeiten für Zeitungen von schlechter Qualität.

In dem für sie charakteristischen direkten Ton zeichnet Michelle das Bild eines türkischen Journalismus, der nationalistisch, rassistisch, transphob und sexistisch sei. Ihrer Meinung nach sprechen die türkischen Journalisten sehr wenig und oft schlecht über die Tode von Transfrauen. Oft liest sie Artikel, in denen die Journalisten die Namen und Geburts-Vornamen der ermordeten Transfrauen erwähnen - und betonen, die von diesen Frauen gewählten Vornamen seien Pseudonyme. Indem sie dies tun, sprechen sie ihnen die Identität als Frau ab und töten sie ein zweites Mal, sagt Michelle.

Michelle versucht auf ihre Weise, die männliche Sprache der Medien zu verändern. Sie zögert nicht, türkische Medien zu kontaktieren, wenn sie in Zeitungen transphobe Nachrichten liest. Meistens bleiben ihre Briefe aber unerwartet.

Heute hat Michelle keinen Traum mehr, oder vielmehr wünscht sie sich, ihr Leben leben zu können, ohne Opfer verbaler Übergriffe zu werden oder auf der Straße ohne Furcht und Scham mit ihrem Freund Händchen halten zu können. Ihre Bereitschaft, gegen die Heuchelei der Gesellschaft zu kämpfen, kennt keine Grenzen. Sie erklärt: „Ich kann sterben, zum Opfer eines Hass-Verbrechens werden, es gibt in meinem Leben diese Möglichkeit.“ Und fügt hinzu: „Ich tue das, was ich tue, um den Weg frei zu machen für andere Michelles.“

Übersetzung des Gesprächs mit Michelle Demishevich von Doğu Yüceil.

---

Mind the Gap präsentiert #Sheroes, eine Porträtserie über junge Menschen in Europa, die sich für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung stark machen.