Tourismus und Terrorismus: Ein Kurztrip nach Istanbul

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2017

Nach einem Jahr, das von zerstörerischen Terrorattacken geprägt war, gilt Istanbul als ziemlich gefährliches Pflaster in Europa. Über 140 Menschen wurden in fünf großen Anschlägen getötet; hinzu kommt der Putschversuch des türkischen Militärs. Doch all dies hat so manchen Touristen nicht davon abgehalten, die antike Stadt trotzdem zu entdecken.

Ich bin kein Abenteurer. Meine Flüge habe ich Anfang Juli gebucht, kurz vor dem Putsch. Istanbul stand schon lange auf meiner Liste an Orten, die ich noch besuchen wollte. Und obwohl das Vereinigte Königreich von jeder Reise an die türkisch-syrische Grenze abrät, liegt Istanbul schließlich über 1000 Kilometer westlich davon. Am Abend vor meiner Ankunft in den nüchternen Hallen des Doha Airport in Qatar, hörte ich von der schrecklichen Neuigkeit des Selbstmordattentäters. Er hatte vor der Vodafone Arena in Beşiktaş sich und 44 weitere Menschen in den Tod gerissen.

Beşiktaş ist einer der größten Fußballclubs der Türkei. Das Attentat vom 10. Dezember ähnelt dem in Old Trafford oder im Stade de France. Und doch, in Istanbul war es nicht sofort klar, dass sich ein Anschlag ereignet hatte. Ich hatte keine Probleme durch den verschlafenen Sabiha Gökçen Flughafen zu kommen. Die erste Person, die über die Vorkommnisse sprach, war die Hotelrezeptionistin, sichtlich mitgenommen. Sie sagte, ich solle keien Angst haben, trotzdem die Stadt zu besichtigen. Sie selbst werde an diesem Abend zu einem Fußballspiel gehen. Eine Mitteilung im Hotelaufzug informierte über den staatlich angeordneten Ausnahmezustand, der seit dem Putschversuch im Juli galt und "in keiner Weise die Demokratie oder das alltägliche Leben der Bevölkerung" beeinträchtige.

Die Rezeptionistin hatte Recht: An diesem Tag erstrahlte Istanbul in der Wintersonne. Alles war geöffnet, die Straßen voll mit kauflustigen Menschen. Auf der Galata-Brücke reihten sich die Fischer auf. Die Mitteilung im Aufzug jedoch war nicht ganz korrekt. Bewaffnete Polizisten patroullierten jeden Bazaar, in jedem Museum gab es Taschenkontrollen. Und während ich am Abend im leer gefegten Touristenviertel Sultanahmet herumspazierte, bemerkte ich, dass ich zu den wenigen verbliebenen Touristen in der Stadt gehörte. Ich kam auf dem Weg zum Abendessen an einem leeren Restaurant nach dem anderen vorbei, bevor ich mich schließlich in einem sympathischen Lokal niederließ, in dem die Gäste fast alle mit dem Besitzer verwandt waren. 

Laut des türkischen Ministeriums für Kultur und Tourismus besuchten bis November 2016 zehn Millionen Menschen weniger die Türkei als noch im Vorjahr - ein Rückgang um fast ein Drittel. Abgeschreckt wurden sie durch den IS, den Putsch und durch die TAK (Freiheitsfalken Kurdistans, eine Kurdenorganisation, die sich u.a. zum Vodafone-Arena-Anschlag bekannt hat), welche Ausländer davor gewarnt hat, in die Türkei zu kommen. Das leere Restaurant, in dem ich gegessen habe, spiegelt die wirtschaftliche Tragödie wider, in einem Land, in dem 5% der Wirtschaft und 8% der Arbeitsplätze laut World Tourism Council vom Tourismus abhängen. Das einzige Land, das in diesem Zeitraum einen signifikanten Zuwachs an Tourismus in die Türkei verzeichnete, war Saudi-Arabien.

Istanbuls Weltoffenheit ist gewahrt durch seine besondere geografische Lage: per Fähre kommt man in 10 Minuten von Europa nach Asien. Über Jahrhunderte ist die Offenheit der Metropole gewachsen: 916 Jahre lang war die Hagia Sophia eine Kirche, dann eine Moschee, schließlich ist sie heute ein Museum. 10 Jahe unter der autoritären Regiurung Recep Tayyip Erdogans haben eine Annäherung an Russland und den Nahen Osten zur Folge (mit einer im Januar angekündigten 20 Millionen US-Dollar Investition der Türkei in den Golf-Staaten), die auch Islamisten ermutigt. Die Subventionen des Präsidiums für Religionsangelenheiten wurden 2015 vervierfacht. Am 30. Dezember predigten 84 000 Moscheen die Neujahrsfeier als "unzulässig".

Ortaköy, die Vorstadt in der sich der Club Reina befand, auf den in der Silvesternacht ein Anschlag verübt wurde, ist das Überbleibsel des jungen, kosmopolitischen und jetzt "unzulässigen" Istanbuls. Als ich dort war, sah ich eine typische studentische Vorstadt - Beanie tragende Studenten, Alkohol im Übermaß und einen TV-Reporter, der Fußgänger nach gesunder Ernährung befragte. Was ich nicht sah, waren die Massenkündigungen der Professoren eben dieser Studenten - jeder Dekan des Landes wurde nach dem Putschversuch suspendiert - oder die über 160 Schließungen von Nachrichtenkanälen. Im Gegensatz zu plötzlichen Terroranschlägen ist die Aushöhlung Istanbuls vielseitiger Kultur für einen Besucher während eines 4-Tage-Trips nicht sofort offensichtlich.

Ich habe großartige Erinneringen an Istanbul, vom gewürzten türkischen Kaffee bis zur Blauen Moschee unterm Schnee. Ich werde die zersetzende und aufreibende Spannung, welcher die Einwohner das ganze Jahr über ausgesetzt sind, nicht vermissen. Der andauernde Krieg in Syrien und das Versagen der Friedensverhandlungen mit den Kurden werden die Stadt nicht sicherer machen. Das türkische Parlament ist kurz davor, Erdogan sogar noch mehr präsidiale Macht zu verleihen. Ich fürchte um Orte wie Ortaköy und komme nicht um das Gefühl umhin, dass die Stadt ihrer Existenz beraubt wird.