Tour de France: Etappensiege der europäischen Integration

Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2017
Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2017

Die diesjährige Tour de France startete in Düsseldorf, 52 Jahre nach dem ersten Startschuss in Deutschland. Dank der Tour ist der Radsport in Deutschland gesellschaftsfähig geworden. In guten wie in schlechten Zeiten. 104 Jahre deutsch-französische Freundschaft auf dem Rennweg.  

Die Tour de France findet dieses Jahr bereits zum 104. Mal statt. Außerdem startet sie bereits zum vierten Mal von Deutschland aus. Denn trotz ihres Namens, sind die Starts im Ausland seit 1950 eher häufig. Die Städte reißen sich darum, Ausgangsort für die Tour zu sein. „Die Tour de France steht für eine moderne, populäre und wirtschaftlich interessante Feierlichkeit“, sagt Sandrine Viollet, Historikerin, die sich auf das Radsportevent spezialisiert hat.

2017 ist die Radtour, die man in Frankreich auch die Grande Boucle nennt (die große Kurve), in Düsseldorf am 1. Juli an den Start gegangen. Logisch, laut Sandrine Viollet, denn die Hauptstadt von Nordrhein-Westphalen möchte sich im Radsport weiter profilieren. „Das Ziel von Düsseldorf ist es, die Fahrradhauptstadt Deutschlands zu werden und das Fahrrad als alltägliches Transportmittel in der Stadt durchzusetzen“, so die Historikerin weiter.

Krieg und Frieden

Dass die Wahl für den Startschuss auf Deutschland fiel, war natürlich kein Zufall. Auch wenn die Farben der Tour de France diesmal drei verschiedene Grenzregionen – Deutschland, Belgien und Luxemburg - streifen, wollten die Organisatoren doch die Symbolik des Ortes betonen. Und sie wollten vielleicht auch ein neues Kapitel im Buch der holprigen Radgeschichte aufschlagen, welche die Beziehungen zwischen den beiden Ländern lange Zeit auf die Probe gestellt hatte.

1903, im Gründungsjahr der Tour de France, war der deutsche Nachbar bereits im Visier. Das Ziel der französischen Organisatoren? Frankreich aufbauen und den Nachbarn im Osten beeindrucken. „Eines der Ziele der Tour de France war es, zum physischen aber auch moralischen Erstarken Frankreichs gegenüber Deutschland beizutragen“, sagt der Historiker Jean-François Mignot, Autor von Histoire du Tour de France (La Découverte, Paris, 2014). „Man wollte das französische Nationalgefühl neu bestärken.“ Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bleiben die Geister weiterhin ziemlich auf Revanche ausgerichtet, vor allem im Angesicht der Angliederung von Elsass-Lothringen. Auch die beiden Weltkriege werden 30 Jahre lang nicht spurlos an dem Radsport-Wettbewerb vorbeigehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fährt die Radwelt den gleichen Rhythmus wie die Nationen. Der Tenor lautet Öffnung. Die Deutschen sind seit 1955 auch wieder dabei und die Tour wird zu einem pazifistischen Sportereignis. Die europäische Konstruktion zeigt sich über den Startschuss, der von nun an auch hin und wieder einmal im Ausland gegeben wird. Deutschland wird zum ersten mal 1965 gefeiert: mit einem Startschuss in Köln. Die Beweggründe waren in dieser Zeit vor allem sportlicher und diplomatischer Natur. Man wollte deutschen Sportklubs danken, dass sie Talente wie Rudi Altig hervorgebracht haben (Straßenweltmeister und Gewinner von acht Etappen bei der Tour de France), aber auch eine „wahrhaftige Aussöhnung Deutschlands und Frankreichs erreichen, die für den europäischen Wiederaufbau so wichtig war“, unterstreicht Sandrine Viollet.

Der deutsche Radsport konnte von dieser europäischen Dynamik profitieren. Die Ausgabe von 1966 wurde die berühmteste in der deutschen Geschichte der Tour de France, mit zwei Etappensiegen und 15 Etappen, während denen Rudi Altig und Karl-Heinz Kunde durchgehend den Maillot Jaune trugen. „Ich bin ein Kletterspezialist und in Frankreich gibt es die meisten Berge. Und sehen Sie, mir gefällt es hier, die Leute sind nett“, erklärte Karl-Heinz Kunde, der in Frankreich während seiner Erfolgssaison der 'gelbe Zwerg' genannt wurde.

Champions in der Zwickmühle

„1994, zur 50-Jahres-Gedenkfeier zum Débarquement der Alliierten und während der Etappe, die an Utah Beach vorbeiführte, war es erneut ein deutscher Radfahrer, Olaf Ludwig, der prämiert wurde“, erzählt Jean-François Mignot, als wollte er daran erinnern, dass die deutsch-französische Aussöhnung so ihren Lauf genommen hat. „Diese führte zu zwei großen Radsport-Stars wie Jan Ulrich und Erik Zabel“, erklärt Benoît Vittek, Journalist, der sich auf den Radsport spezialisiert hat.

Ulrich holte den Titel 1997 nach Deutschland und Zabel holte sechs Mal das Grüne Trikot für den besten Sprinter. Diese beiden Ereignisse stellen, so Vittek „die große Phase des deutschen Radsports der Tour dar“. Die Tour de France wird auch auf deutscher Seite beliebter und „nicht ganz grundlos verläuft sie im Jahr 2000 auch durch Deutschland, weil es zahlreiche Fans von Erik Zabel gab“, erinnert sich Jean-François Mignot. „Deutschland und seine Champions haben die Geschichte der Tour de France unwiderruflich geprägt“, bestätigt auch Sandrine Viollet. Aber am Ende des Jahrzehnts wird der Radrennsport von einer Tücke heimgesucht, die niemandem erspart bleibt - die Doping-Skandale.

Der deutsche Star Jan Ulrich befindet sich inmitten mehrerer Affären wie dem Dopingskandal Fuentes und findet sich zur Tour de France 1998 auf der Black List der mit EPO positiv getesteten Fahrer wieder. Ganz Deutschland steht unter Schock. „Das war wirklich ein herber Schlag für den deutschen Radsport. Daraufhin stoppten die öffentlich-rechtlichen Sender sogar, die Tour de France zu übertragen“, erklärt Benoît Vittek.

Doch der deutsche Nachwuchs hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen. „Der deutsche Radsport war nicht tot, er war sogar äußerst lebendig, was zu großer Popularität und Euphorie führte“, holt Vittek aus. Hauptsächlich Erik Zabel verfügte über eine stabile Fanbase, bis heute bleibt er Vorbild für den Radfahrer-Nachwuchs in Deutschland. „Wir stellen fest, dass die Deutschen gut im Sprinten sind. Sie haben auch heute die besten Sprinter wie Marcel Kittel oder André Greipel“, führt der Journalist aus. Zu diesen beiden Stars gesellt sich außerdem Tony Martin, „einer der besten Fahrer des 21. Jahrhunderts“. Dank dieser drei Köpfe hat sich Deutschland mit der Tour de France versöhnen können.

Die Tour de France ist unwiderruflich ein Meilenstein der deutsch-französischen Verständigung - darunter Gipfel und Täler, Erinnerungen und Savoir-Faire. Düsseldorf zeigt einmal mehr, dass der deutsche Radsport vor allem auch in Frankreich Weltklasse erreicht hat.