Tony Canto: „Vor allem Sizilianer“

Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2011
Tony Canto ist vieles: Autor, Komponist, Sänger und Musiker. Doch eins ist er vor allem: Sizilianer. Eine gemischte Persönlichkeit, ein bisschen Odysseus und ein bisschen Don Quijote, die mit beiden Beinen fest auf dem Erdboden steht.  Cantos neues Album Italiano Federale ist eine Art revolutionäres Manifest für Kopf und Ohr.

Der Titel seines letzten, gleichnamigen Albums Die römische Piazza Caprera ist abends ein Ort des Friedens, auf dem man lediglich das Gelächter zweier, sich gegenseitig anschnauzender Freunde hört, das Knattern einer alten Vespa und das Klirren von Kaffeetassen oder Weingläsern. Von den Gärten nebenan weht der süßliche Duft blühender Orangenbäume. Man muss nur die Augen schließen und schon könnte man sich ebensogut auf dem Platz eines Städtchens mitten in Sizilien wiederfinden. Die Baskenmütze schräg auf dem Kopf kommt Tony Canto direkt aus der sizilianischen Stadt Messina zu mir auf die Caféterrasse, im Gaukler-Look, mit Leinenhose, Baumwollhemd und Hosenträgern. Der junge Mann, der sich selbst als „Kabarettist“ beschreibt, legt auf seiner Reise durch „das föderale Italien“ einen Zwischenstopp in Rom ein.

Ein föderales Italien, das ist wie kochendes Eis

Italiano Federale („Föderales Italien“), der Titel von Tonys letztem Album, sei Ausdruck eines Widerspruchs, eines "Oxymorons". Spricht man von einem föderalen Italien, sei das, als spreche man von „kochendem Eis“. „Es ist eine ironische Art, um die politische Absurdität zu verdeutlichen, die man uns glauben machen will“, präzisiert der Sänger mit ruhiger und bedächtiger Stimme, die mit einem herrlich sizilianischem Tonfall gefärbt ist. Der Föderalismusbegriff ist im heutigen Italien das Anhängsel des politischen Programms der Lega Nord – der Partei, die regionale Unabhängigkeit in einem Land rühmt, das in Nord und Süd geteilt ist. „Seit mittlerweile zwanzig Jahren erzählt man uns nun schon diese Geschichten, keiner glaubt mehr an sie“, merkt Canto scharfsinnig und gleichzeitig ein wenig desillusioniert an. Es ist diese Absurdität, dieser Widerspruch, von dem er auf seiner CD erzählt.

Im gleichen Moment, in dem wir uns unterhalten, erreichen in Lampedusa, dem abgelegenen Zipfel Siziliens, Hunderte von Migranten die europäischen Küsten, voller Hoffnung, da sie den Fuß endlich auf das versprochene Land setzen – wie die Italiener, die während der großen Auswanderungswelle alles hinter sich ließen, um in die Neue Welt aufzubrechen. „Ich wollte diese Figur nachbilden“, sagt Tony Canto, während er mir das Albumcover zeigt. „Schau, er sitzt auf einer Kiste, genau wie die Auswanderer damals auf den Docks, während sie auf die Abfahrt der Schiffe warteten. Aber statt nach Amerika, geht diese Figur nach Brescia, in das Königreich Lombardo-Venetien… Und dann habe ich das Konzept noch ein bisschen weiter getrieben.“ Mit einem verschmitzten Lächeln zieht er das CD-Booklet hervor, das ein violettes Deckblatt und den goldenen Schriftzug „Passport Italiano Federale“ („Italienisch-föderaler Reisepass“) trägt. „Schau, es ist, als ob man heute einen Pass bräuchte, um von einer italienischen Region in die andere zu reisen.“ Gleichzeitig nörgelt Europa an der Gültigkeit von Aufenthaltsgenehmigungen innerhalb des Schengenraums herum.

„Der Sizilianer im Ausland ist ein Odysseus, der nach Ithaka zurückkehren will“

Frei reisen, ja. Aber seine Heimat verlassen, niemals! Tony Canto bleibt unbeirrbar: „Nun mi ni vaju“ singt er auf Sizilianisch in einem der Lieder seines Albums Italiano Federale. „Ich werde nicht weggehen“, beharrt er. Die Erklärung findet sich im Text eines anderen Songs der CD, Il Superstite. „Die Sizilianer beschweren sich gern und oft. Sie sagen immer, dass in Sizilien nichts funktioniere, dass alles schwierig sei. Im Ausland tun die Sizilianer so, als sei alles in Ordnung, aber die meisten sagen immer wieder, dass sie im Alter zurückkehren, um in ihrer Heimat – Sizilien – zu sterben.“ Cantos Blick verliert sich daraufhin im Ungewissen, doch mit glänzenden Augen fährt er fort: „Der Sizilianer im Ausland ist ein Odysseus, der nach Ithaka zurückkehren will, er ist ein Don Quijote. Der superstite, der Überlebende, das ist der, der die ironische Seite des Lebens entdeckt hat, der über Schwierigkeiten des Alltags lachen kann. In diesem Sinn bin ich ein superstite.“

Tony Canto ist gleichzeitig Musiker und Liedermacher. Für ihn ist das ein bisschen, wie ein carbonari zu sein, ein Mitglied jener neapolitanischen Geheimgesellschaft des 19. Jahrhunderts, die zur Einigung Italiens beitrug. „Im Grunde ist meine CD sehr garibaldisch“, bekennt er – auch wenn er versichert, es sei reiner Zufall, dass sein Album ausgerechnet ein paar Tage nach dem Beginn der Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag der italienischen Einheit veröffentlicht wurde. Ein bisschen carbonarisch, ein bisschen global siculo („vollkommen sizilianisch“): Tony Canto ist ein Revolutionär im Schatten der italienischen Musiklandschaft. An der Gitarre, am Klavier, mit einer Schreibfeder in der Hand, hat er als Musiker, Autor, Arrangeur und Produzent mit Toto Cutugno, Joe Barbieri, Mario Venuti, Patrizia Laquidara oder auch Alessandro Mannarino zusammengearbeitet. Bisher zurückhaltend, wirkt dieses dritte Album plötzlich explosiver, sowohl in der Wortwahl als auch den Melodien. Italiano Federale schließt mit dem Titel Ti amo Italia, „einer Ode an den Widerspruch dieses Landes“. „In dem Lied mache ich darauf aufmerksam, dass Italien einerseits seine Soldaten auf Friedensmissionen schickt und sich damit brüstet, Demokratie zu exportieren, und dann anschließend im Landesinneren Hass und Intoleranz predigt.“ Canto rückt seine Baskenmütze zurecht und fährt fort: „Italien ist ein Land voller Widersprüche, aber in Wirklichkeit wurden diese Widersprüche durch mediale Botschaften kreiert, denn die Italiener sind im Grunde gar nicht so.“ Die Nacht ist angebrochen auf der Piazza Caprera. Tony Canto, Spielmann des 21. Jahrhunderts, muss weiter. Die Gitarre über der Schulter geht er fort, um in einem kleinen Saal der Hauptstadt zu singen, über seine große Liebe für dieses Italien, das gleichzeitig so schön und so widersprüchlich ist.

Italiano Federale, das von dem rumänischen Independentlabel Leave produziert wurde, ist das dritte Album von Tony Canto, nach Il Visionario und La Strada.

Fotos: ©Mit freundlicher Genehmigung von Tony Canto