Toni und Tonino: Kiezkino des Vertrauens

Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2016

Berlinale-Time! Bevor das Berliner Team wieder vom roten Teppich, aufstrebenden Jungschauspielern und über einige der 400 Filme im Programm berichtet, haben wir der Filmkunst in den Berliner Bezirken nachgespürt. Lest mehr über unsere Kiezkinos des Vertrauens. Heute: Kino Toni & Tonino.

In Weißensee sind die Häuser flacher als anderswo in Berlin. In Weißensee gibt es einen See, auf dem Familien im Sommer um die Fontäne herum rudern können. Soweit, so bekannt. In Weißensee lag das Studio, in dem der Film Das Cabinett des Dr. Caligari gedreht wurde. Ach so? In Weißensee gab es Anfang des Jahrhunderts 15 Kinos in Kneipen, Tanzsälen und Hinterhöfen. Wirklich? Allein am Antonplatz waren es sieben; das Kino Toni hatte sein eigenes Haus. Bis heute.

Die Geschichte des Hauses ist zum Teil auch die Geschichte von Frau Miethe. Seit 31 Jahren arbeitet sie im Kino Toni. Seit 1992 zusammen mit Filmregisseur Michael Verhoeven, der das Kino nach der Wende kaufte. Den beiden Filmliebhabern ist es zu verdanken, dass aktuelle europäische Filme, Kinderfilme und der ND-Filmclub mit DEFA-Filmen munter für die verschiedenen Zielgruppen im Bezirk, von jungen zugezogenen Familien zu alteingesessenen Rentnern, gezeigt werden können.

Das Geheimnis: Man kennt sich. Man spricht miteinander. "Lohnt sich der Film?", "Was empfehlst Du?". Frau Miethe bantwortet Fragen, überzeugt zögernde Kinogänger und vor allem: Sie hält den Kontakt. Mit Schulen und Kitas, die ihre Kinder in das monatliche Spatzenkino schicken; mit der Buchhandlung um die Ecke, die Karten für die Lesung von Wladimir Kaminer verkauft, mit den lokalen Bezirkszeitungen, die auch die Menschen ohne Internetanschluss erreicht, mit den umliegenden Geschäften, die Plakate für Sonderveranstaltungen aushängen.

Frau Miethe greift in die Trickkiste

Sonderveranstaltungen? Eine langjährige Strategie des Hauses lautet: Nicht nur Filmspiel- sondern auch Kulturhaus soll das Toni sein. Reisenden mit ihren Vorträgen, Puppenspielern und Kabarettisten gibt das Toni eine Bühne - und das Publikum kommt, auch als Ende der neunziger Jahre die Multiplexe wie Pilze aus dem Boden schossen und mit technischen Innovationen - 3D, Dolby Surround - lockten. Das Kino hatte mit Verlusten zu kämpfen. Frau Miethe griff in die Trickkiste: Ein befreundeter Augenarzt erzählte den Eltern vor einer Vorstellung, wie anstrengend 3D-Vorführungen für Kleinkinder sein können. Die Blue-Ray-Technik in bester Qualität sei völlig ausreichend. Die Familien machten wieder mehr Gebrauch von der entspannten Atmosphäre des Kinos in ihrem Kiez.

Und was ist anders zur Berlinale? Der rote Teppich wird ausgerollt, der Chef kommt mit seiner Frau (Senta Berger) aus München angereist, die Karten sind innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Letztes Jahr lief der Wettbewerbsfilm Victoria, krachend volles Haus. Dieses Jahr wird am 14. Februar Rara von Pepa San Martín zu sehen sein. Die einzige Sorge: Nur die Hälfte des Kartenkontingents darf vom Kino selbst verkauft werden. Die andere Hälfte geht über den normalen Verkauf an Besucher, die unter Umständen nicht wiederkommen. Auch wenn das Kino Toni das einzige Kino ist, dass jedes Jahr Kiezkino sein darf.

Ob es so weitergeht? Michael Verhoeven möchte das Haus verkaufen, Frau Miethe verabschiedet sich in die wohlverdiente Rente, das Auswahlverfahren für einen neuen Besitzer läuft. Frau Miethe blickt gelassen in die Zukunft: "Alles hat seine Zeit." Der neue Besitzer wird so ausgesucht, dass sie auch später noch mit einem guten Gefühl ins Kino Toni gehen kann.

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Ich bin ein Berliner - dieser Artikel stammt von unserem cafébabel Berlin-Team.