Tomas Šileika: "Wir singen über das, was weh tut in Litauen" 

Artikel veröffentlicht am 9. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 9. Juli 2013

Nach Jahren der sowjetischen Planwirtschaft herrscht in Litauen nun der Turbokapitalismus. Aber nicht alle sind mit den neoliberalen Verhältnissen einverstanden. Vor allem viele junge Litauer prangern Armut, Auswanderung und die Ignoranz der Mächtigen an. Eine ihrer wichtigsten Stimmen im Interview: Die Rockband Skyders.

Für kritisch denkende Künstler ist der kreative Ausdruck des Protests jedoch nicht leicht, sagt der Sänger der ersten linksgerichteten Rockband Litauens, Skyders.
Die Gruppe wurde in Juodšiliai gegründet, einem Vorort der Hauptstadt Vilnius. In ihren Anfängen als Schulband coverte Skyders zunächst Songs von Nirvana, Oasis oder R.E.M.. Auch die ersten eigenen Songs wurden noch in der Garage der Eltern geprobt. Der Ruhm kam aber erst in ihrer Studentenzeit. Nach Experimenten mit mehreren Bandnamen, landete die Gruppe schließlich bei Skyders, als ein Mitglied zufällig ein ähnlich klingendes litauisches Wort hörte, wahrscheinlich skaidrs – das soviel bedeutet wie "klar". Sie tauschten -ai mit -y aus, um das Wort englisch klingen zu lassen und machten sich dann auf, die Herzen der Studenten zu erobern. Die Band erhielt zweimal die Auszeichnung „Beste Studentenband“, von der Studentenvertretung der Universität Vilnius und der Technischen Universität Kaunas.

Für kritisch denkende Künstler ist der kreative Ausdruck des Protests jedoch nicht leicht, sagt der Sänger der ersten linksgerichteten Rockband Litauens, Skyders.

Die Gruppe wurde in Juodšiliai gegründet, einem Vorort der Hauptstadt Vilnius. In ihren Anfängen als Schulband coverte Skyders zunächst Songs von Nirvana, Oasis oder R.E.M.. Auch die ersten eigenen Songs wurden noch in der Garage der Eltern geprobt. Der Ruhm kam aber erst in ihrer Studentenzeit. Nach Experimenten mit mehreren Bandnamen, landete die Gruppe schließlich bei Skyders, als ein Mitglied zufällig ein ähnlich klingendes litauisches Wort hörte, wahrscheinlich skaidrs – das soviel bedeutet wie "klar". Sie tauschten -ai mit -y aus, um das Wort englisch klingen zu lassen und machten sich dann auf, die Herzen der Studenten zu erobern. Die Band erhielt zweimal die Auszeichnung „Beste Studentenband“, von der Studentenvertretung der Universität Vilnius und der Technischen Universität Kaunas.

"Wir haben schon alles erlebt; ausverkaufte aber auch halbleere Konzerthallen", erzählt Tomas, während er sich an die Hoch- und Tiefpunkte der Band erinnert. Tomas ist Präsidiumsmitglied der Sozialdemokratischen Jugendorganisation Litauens. Er möchte sein Berufsleben abwechslungsreich gestalten und einfach das machen, was er persönlich mag. "Ich versuche, Musik und Politik nicht zu vermischen. Aber wenn wir über meine Meinung und Wertvorstellungen reden, ergänzen sich Musik und Politik.“

CAFEBABEL.COM: TOMAS, ALS SKYDERS ALS STUDENTENBAND ANGEFANGEN HAT, WAR KEINE SPUR VON POLITIK IN DEN SONGTEXTEN ZU FINDEN. WAS HAT SICH SEITHER VERÄNDERT?

Tomas Šileika: Damals hatten wir eine Menge Spaß, Partys und Aufmerksamkeit, aber dann wurden neoliberale Reformen in Litauen durchgeführt, auch im Bildungssektor. Unsere Kreativität ist mit unserem Wissen gewachsen. Wir wollten Ungerechtigkeiten nicht einfach so hinnehmen, deswegen ist der Protest in unsere Musik eingezogen. Wir machen Musik nicht des Geschäfts wegen, deswegen können wir uns erlauben, auch unbequeme Themen anzusprechen.

Im Jahr 2010 haben wir unser Debüt-Album The Spare Lithuania veröffentlicht., das sich dem Problem der Auswanderung widmet. Viele meiner Freunde (auch ehemalige Mitglieder dieser Band) sind aus Litauen fortgegangen sobald sie die Schule beendet hatten, weil unsere politische Elite hier keine offen denkenden und kritische Menschen will, der Westen aber günstige, hochqualifizierte Arbeiter braucht.

CAFEBABEL.COM:WER ODER WAS INSPIRIERT DICH?

Tomas Šileika: Das Leben an sich und all seine Farben und Facetten inspirieren mich. Allerdings sind die Farben um mich herum eher düster und die Gemütslagen meiner Freunde, Nachbarn sowie meine eigene fließen in die Songs ein. Unsere Region ist zum Spielplatz des Neo-Liberalismus geworden. Die ehemaligen Wächter des Sowjetischen Regimes entwickelten sich zu Aposteln des Kapitalismus und mächtiger Oligarchen, aber ihre Einstellung zu Demokratie, Verantwortung und Menschenrechten hat sich nicht verändert. Sie preisen Workaholism und die Liberalisierung des Arbeitsmarktes an. Aber letztendlich sind sie nur an ihrem eigenen Profit interessiert, ungeachtet der enormen Armut, Auswanderung und hohen Selbstmordraten. Während der Sowjetzeiten waren die Menschen wenigstens kritisch und rebellierten gegen Ideologie, die ihnen aufgezwungen wurde – jetzt glauben sie diesen Predigern des Kapitalismus. Wir singen über das, was weh tut.

Ich höre eine Menge Musik, meine Lieblingsgruppen sind zum Beispiel Snow Patrol (UK), Goo Goo Dolls (US), Kent (Sweden), Myslovitz (Poland), um nur einige zu nennen. Ich weiß, dass die Menschen zu unseren Konzerten kommen, um sich zu entspannen, deswegen wollen wir sie nicht überfordern. Aber unser letztes Album haben wir How Much Do You Cost? Genannt. Es soll ein Manifest des Anti-Kapitalismus und Anti-Neoliberalismus sein.

CAFEBABEL.COM: HAT DIR DEINE DIREKTE ART SCHONMAL NACHTEILE GEBRACHT? BIST DU JE VON VERANSTALTUNGEN AUSGESCHLOSSEN ODER VON ANDEREN ABGELEHNT WORDEN?

Tomas Šileika: Als wir unser erstes eigenes Album veröffentlicht haben, wurden unsere Songs von einigen Radiosendern aktiv gemieden. Zu Festivals in Litauen werden wir nicht eingeladen die Organisatoren befürchten, einer ihrer Sponsoren könnte etwas dagegen haben. Viele Menschen fragen, ob wir nicht Angst hätten, gewisse Themen in unseren Liedern anzusprechen, ob wir nicht doch lieber noch einmal darüber nachdenken sollten, was wir da machen... Deswegen war ich nicht überrascht, dass die inländischen Medien die Veröffentlichung unseres letzten Albums vollkommen ignoriert haben. Unsere einzige Hoffnung, Menschen zu erreichen, sind das Internet und die Sozialen Netzwerke. Ich bin glücklich, dass unsere Musik attraktiv für viele unterschiedliche Generationen, soziale Klassen und ethnische Gruppen ist. Und wir mögen es, mit ihnen allen online in Kontakt zu bleiben.

CAFEBABEL.COM: WAS IST ZUERST DA; DAS POLITISCHE ENGAGEMENT ODER DIE MUSIK?

Tomas Šileika: Ich vermute, es ist beides. Ein bestimmter Gedanke; den ich einmal gelesen hab; gefällt mir gut: dass jeder sich entscheiden muss, zwischen Aristokratie und Demokratie. Ich habe mich entschieden, meine Musik ist Teil meines Engagements für Demokratie. 

CAFEBABEL.COM: WAS MUSS PASSIEREN, BEVOR DU SAGEN KANNST, DIE BAND SKYDERS HAT ALLES ERREICHT, WAS IHR EUCH VORGENOMMEN HABT?

Tomas Šileika: Ich habe jetzt eine kleine Tochter und ich möchte, dass sie und ihre Altersgenossen in einer besseren und freieren Welt aufwachsen können. Ich möchte Gleichgewicht und innere Zufriedenheit in verschiedenen Bereichen finden und eine harmonische Beziehung zu meiner Umwelt schaffen. Das ist mein größtes Ziel.

Lies hier die Eindrücke der Autorin von einem Auftritt der Band Skyders auf dem May Day celebrations in Vilnius in 2013, and follow her on facebook and twitter

Bilder: © Skyders official facebook page/ videos (cc)