Tomas Halik, zwischen Kirche und Staat

Artikel veröffentlicht am 31. März 2006
Artikel veröffentlicht am 31. März 2006

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Tomáš Halík ist katholischer Priester in der vorwiegend agnostischen Tschechischen Republik. Den Kommunisten galt der ehemalige Berater Vaclav Havels als „Feind des Regimes“.

Der Tod von Jan Palach 1969 war einer der Faktoren, warum sich Tomáš Halík zum Priester weihen ließ. Jan war ein Schulkamerad, der sich aus Protest gegen die sowjetische Besatzung der Tschechoslowakei verbrannte. Damals verstand Tomáš Halík, dass er Priester werden musste, um näher an die Menschen heranzukommen. Tomáš Halík studierte und wurde heimlich zum Priester geweiht. Da ihm das Lehren an der Universität verboten wurde, arbeitete er als Psychotherapeut mit Drogensüchtigen.

Nun, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, drückt er seine Enttäuschung darüber aus, wie die kommunistische Vergangenheit in Tschechien behandelt wird. Er sagt, dass es einen Bedarf für eine gründliche Auseinandersetzung mit der Geschichte gebe, dass die Menschen diesen Bedarf jedoch ignorierten, und stattdessen zu vergessen versuchten.

Wir treffen uns im Café Krásný ztráty in der Prager Altstadt. Es ist Mittwochmittag, aber hier ist vom Trubel der Stadt nichts zu spüren. Wir haben einen kleinen Bereich ganz für uns allein. Halík kommt lächelnd herein, hängt seine schwarze Jacke und seinen Hut auf und setzt sich mir gegenüber. Er ist Professor an der Karls-Universität, steht einer Studentengemeinde in Prag vor und bereist die Welt, um zwischen Religionen und Kulturen zu vermitteln. Der erste tschechische Präsident nach der Teilung der Tschechoslowakei, Václav Havel, nannte ihn einst einen geeigneten Nachfolger.

Europäer oder Tscheche?

Fühlt er sich eher als Tscheche oder als Europäer? Halík antwortet, er sehe keinen Widerspruch darin, beides zu sein. Die Tatsache, dass er Tscheche sei, mache nur Sinn, wenn er Europäer sei. „Europa ist ein Konzert verschiedener Musikinstrumente und Stimmen. Alle müssen mitspielen.“ Verbreitete Ängste vor Identitätsverlust wischt er beiseite und verkündet, Nationalismus sei „die gefährlichste Theorie von Gruppenegoismus“, die von einem Verantwortungsgefühl für das Vaterland ersetzt werden müsse.

Halík wurde als möglicher Nachfolger für das Präsidentenamt nominiert, aber auf Nachfrage äußert er sich ganz klar über seine politischen Ambitionen: Er hat keine. Er war noch nie Mitglied einer Partei, aber als prominentes Mitglied der tschechischen Gesellschaft wird er oft um Kommentare zu politischen Fragen gebeten. Er hat an vielen internationalen Debatten über die EU-Erweiterung und den Prozess der europäischen Integration teilgenommen. „Europäische Integration kann nicht weiterhin nur in Verwaltung und Wirtschaft stattfinden, weil das das europäische Haus sehr kalt und abweisend machen würde. Wir müssen unser gemeinsames kulturelles und religiöses Erbe erkennen. Das bietet große Chancen, sowohl für Universitäten als auch für die Kirchen.“

Die EU und das Christentum

„Das Projekt von Europa als einer Familie der Nationen war schon immer ein christliches Projekt. Jedoch würde ich vor nostalgischen Erinnerungen an das mittelalterliche katholische Europa und vor Bestrebungen, dorthin zurückzukehren, warnen. Wir müssen auch die Vorzüge der Aufklärung und der Neuzeit schätzen.“ Für Halík sind Religion und Säkularisierung nicht unbedingt Gegensätze, die sich gegenseitig verteufeln müssen, sondern ergänzen sich. Die Formulierung über „christliche Wurzeln“ in der Europäischen Verfassung gehöre dahin, weil es eine historische Wahrheit sei. Jedoch solle sie andere nicht beschränken oder dazu führen, dass sich Nicht-Christen weniger als Europäer fühlen. Halík glaubt, dass die Verfassung selber christliche Werte wie Solidarität und Achtung vor anderen Menschen widerspiegele. Deshalb unterstützt er sie, obwohl sie derzeit auf Eis liegt.

Halík lässt sich Zeit, um alle Fragen zu beantworten. Seine Stimme klingt geduldig und angenehm. Er kennt sich nicht nur mit Politik und Religion, sondern auch mit der Kunst aus. Wir sprechen über Mel Gibsons Darstellung der letzten Stunde Christi, Halík zieht Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ vor. Aber selbst wenn wir über Kunst reden, immer kommen wir auf die Religion und ihre Rolle in der heutigen Welt zurück.

Halík sieht, dass „sich nicht nur das Christentum in einer tiefen Krise befindet, sondern alle Arten organisierter Religion. Jedoch gibt es noch Hoffnung. Das habe ich beim Tod von Johannes Paul II gemerkt. Das ist der Weg: der Welt Persönlichkeiten wie den verstorbenen Papst, Frère Roger von Taizé oder Mutter Theresa zu bieten. Diese Welt dürstet nach einem ehrlichen, persönlichen Zeugnis.“ Er fährt fort: „Die säkularisierte Welt ist nur eine Insel; sie umfasst Europa und einige andere Gesellschaften, in Europa ausgebildete Oberschichten. Aber unsere Welt ist nicht auf dem Weg zu einer säkularen Gesellschaft. Ganz im Gegenteil, in vielen Ländern erlebt die Religion ein regelrechtes Comeback. Wenn die Zivilisation nicht auf Sand gebaut werden soll, brauchen wir einen wirklichen Dialog zwischen den Religionen.“ Er glaubt, dass der Katholizismus die einzige Macht dieser Welt ist, die sowohl das religiöse als auch das weltliche Leben verstehen und auf Dauer miteinander versöhnen kann.