Tirana: Auf der Suche nach der verlorenen Revolution

Artikel veröffentlicht am 6. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 6. Juni 2011
Am späten Nachmittag im Sitz der Zentralen Wahlkommission von Tirana. Eine Gruppe Aktivisten der albanischen Sozialistischen Partei, größtenteils männlich, wartet auf die Ergebnisse der Kommunalwahlen von vor 10 Tagen. Ihnen gegenüber beschützt eine beachtliche Polizeifront das Gebäude, in dem zum x-ten Mal die Stimmzettel immer und immer wieder ausgezählt werden.
Die Situation scheint aussichtslos.

„Im besten Fall setzt die Polizei nur Tränengas ein“

Edi Rama, der aktuelle sozialistische Bürgermeister Tiranas, ging als  Sieger aus den Kommunalwahlen vom 8. Mai hervor. Doch der Wahlerfolg wackelt. Denn nach der Entscheidung der zentralen Wahlkommission von Tirana, die Stimmen neu auszuzählen, könnte auch Konkurrent Lulzim Basha als Sieger hervorgehen. Denn dieser gehört - genau wie der aktuelle Premierminister Sali Berisha - zur demokratischen Partei, dessen Repräsentanten mehrheitlich in der Wahlkommission vertreten sind. Die Opposition wirft den Verantwortlichen Betrug vor und ruft das Volk zum Protest auf. Es gibt Gerüchte, dass Busse voll mit Anhängern von Edi Rama auf dem Weg nach Tirana seien und dass sich die blutigen Ereignisse vom 21. Januar, als die Polizei in die Menschenmenge schoss, wiederholen könnten.

José Manuel Barroso hat seinen Besuch in Tirana bereits aus Sicherheitsgründen abgesagt. „Im besten Fall setzt die Polizei nur Tränengas ein. Hier sind wir mehr oder weniger geschützt“, redet sich ein junger Mann auf einer Café-Terrasse ein. Hier versammeln sich diejenigen, die eine erneute Unterdrückung befürchten. Die Aktivisten sind ruhig, sie rufen zwar gemeinschaftliche Parolen wie „Diktatur, Diktatur“, gehen der Polizei aber grundsätzlich lieber aus dem Weg. Ein winzig kleiner Schauer genügt, um alle diese Menschen, die sich unter die Sonnenschirme der Cafés flüchten, auseinander zu treiben.

Korruption + Unterdrückung = Unzufriedenheit

Die Ereignisse, die Albanien in eine echte politische Krise stürzten, sind nicht erst von gestern. Seit den Parlamentswahlen im Jahre 2009, ficht die sozialistische Partei den Sieg der demokratischen Partei des Premierministers Sali Berisha an. Die Situation wurde komplizierter, als die Albaner in einem Video entdeckten, dass ihr Vize-Premierminister - Ilir Meta - den Wirtschaftsminister darum gebeten hatte, schon vorher den Sieger eines Auswahlverfahrens zu benennen. Trotz seines Rücktritts gingen die Anhänger der Opposition auf die Straße, um vorgezogene Neuwahlen zu fordern. Die Polizei eröffnete das Feuer. Es gab 4 Tote und mehrere Verletzte. Alle Albaner, an die ich herantrete, scheinen müde und unzufrieden mit der politischen Lage zu sein, die es auch 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus nicht schafft sich zu normalisieren.

Evrona Lena gibt Kurse zum Thema Menschenrechte an der privaten Universität Marin Berleti in Tirana. Ihre Studenten des dritten Semesters verstehen das ständige Misstrauen gegen die Regierung nicht. Auf jede Frage über die momentane politische Situation des Landes, ernte ich nur ein Schulterzucken. Nach und nach öffnen sie sich, geben aber dennoch nur sehr generelle und zufällige Antworten. Ihrer Meinung nach seien die politischen Eliten zwar unreif, die aktuelle Situation komme ihnen jedoch normal vor, denn Albanien sei eine Gesellschaft im Übergang. „Wir lehnen uns jedes Mal gegen die Wahlergebnisse auf. Auch dieses Mal! Es handelt sich also weder um eine Ausnahme noch um etwas Besonderes“, betont einer der Studenten, der einer italienischen Boutique entsprungen scheint.

Das geringe öffentliche Engagement der Studenten stamme noch aus der kommunistischen Ära, so die Professorin

Keiner dieser Jugendlichen hat politische Ambitionen, außeruniversitäre Aktivitäten oder einen Nebenjob für die Finanzierung des Studiums. Ihr einziges Ziel ist es, das Abschlusszeugnis einzusacken, einen Job zu finden und, ja warum nicht, nach Europa zu gehen. „Aber nur um einen Master zu machen und danach nach Albanien zurückzukehren“, sagt einer von ihnen. Ein wenig später kommt die Dozentin aus sich heraus: „Meine Studenten sind brillante und intelligente Jugendliche voller Ideen. Sie sind sich der politischen und wirtschaftlichen Lage durchaus bewusst, sie sprechen allerdings nicht darüber, denn das kommunistische Regime hat uns das Gefühl von Angst vererbt. Nicht nur die Angst zu reden, sondern auch das selbstständige und freie Denken. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass eine Revolution wie in Tunesien und Ägypten in Albanien überhaupt möglich ist.“ Die meisten ihrer Studenten sind allerdings erst nach dem Ende des Kommunismus geboren...

„Genug“

„Es ist nur verständlich, dass die Jugendlichen politisch keinen Finger rühren. Schon als sie noch ganz klein waren, wurden sie dazu erzogen zuzuhören. Zunächst den Älteren, dann den Lehrern und schließlich ihren Chefs. Hier wird sich nicht aufgelehnt und das Gelernte wird daher gebetet, ohne sich Fragen zu stellen“, erklärt Aldo Merkoci von der Bewegung MJAFT! („Genug!“). Zu Mjaft gehören Aktivisten, die das Volk auf Albaniens politische und soziale Probleme aufmerksam machen wollen. Seiner Meinung nach hätten die Albaner das politische Schachspiel satt, handelten jedoch nicht, um etwas zu ändern.

Aber nicht alle sind dieser Apathie verfallen. Im Jahre 2008 gründeten Aktivisten der Mjaft und Studenten die politische Partei G99. Fest entschlossen die Gegebenheiten zu ändern, mussten sie auf Grund der schlechten Medien und der Intrigen bei den Parlamentswahlen im Jahre 2009 allerdings eine heftige Niederlage einstecken. „Sie haben nicht einmal einen Abgeordneten im Parlament. Das Ergebnis war so enttäuschend, das sie am Ende alles aufgaben."

„20 Jahre zurück in die Vergangenheit“

„Versucht lieber das Zentrum zu meiden, ich habe Informationen darüber, dass die Demonstrationen gewalttätig enden können.“ Es ist der dritte Tag, an dem auf die Wahlergebnisse gewartet wird. Die Situation vor der zentralen Wahlorganisation in Tirana ist weiterhin angespannt. Die Polizisten laufen Streife, Demonstranten kommen und gehen und die Informationen, die ich von meinen Kontakten bekam, bevor ich Monika Stafa, Journalistin beim Fernsehsender Top Channel, treffe, klingen besorgniserregend. Die Journalistin ist müde, bestellt einen Energiedrink und packt dann aus: „Nach dem Ende des Kommunismus hätte ich nach Europa gehen können, aber ich war jung und dachte eine bessere Zukunft warte auf mich. Heute haben wir einen Schritt um 20 Jahre zurück gemacht. Mehr als je zuvor möchte ich das Land verlassen. Nicht für mich, denn mir haben sie schon einen großen Teil meinen Lebens gestohlen. Aber für meinen Sohn, der in dieser Gesellschaft keine Möglichkeiten hat zu bestehen“, vervollständigt sie. Enttäuschung und Abgeschlagenheit sind in Tirana heute an der Tagesordnung. Wie lange noch?

Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 2010/2011 Orient Express Reporter.

Foto: (cc)minifig/flickr; Im Text: ©Sladjana Perkovic