Tim Luscombe: britischer Dramatiker, ganz europäisch

Artikel veröffentlicht am 18. Februar 2006
Artikel veröffentlicht am 18. Februar 2006

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Die Briten sind für ihren Euroskeptizismus bekannt. Tim Luscombe macht da eine Ausnahme. Er sprach mit cafebabel.com über sein Stück „Der Schuman Plan“ und die Rolle Großbritanniens in der EU.

Tim Luscombe ist britischer Dramatiker und Regiesseur. Er feierte nicht nur im Londoner West End und ganz Großbritannien Erfolge, sondern auch in den Niederlanden, in Schweden und Japan. Ausgbildet wurde er an der Bristol Old Vic Theatre School und arbeitete später als Intendant an der London Gay Theatre Company. Zusammen mit Adam Magnani hatte er das Theater 1991 gegründet. Sein zweites Stück „The one you love“ wurde zusammen mit dem Deutschen Theater in Berlin produziert. „The Schuman Plan“- sein neuestes Stück - wird vom Verlag Nick Hern Books herausgegeben. Drei von Luscombes Stücken wurden für den Lawrence Olivier Award nominiert.

„Ich schäme mich für meine britische Herkunft“, sagt Tim Luscombe. „In gewisser Hinsicht soll das Stück eine Erklärung dafür liefern, warum die Briten so sind, wie sie sind.“ In „The Schuman Plan“ schildert Tim die Entwicklung der Europäischen Union anhand der Geschichte der Hauptperson Bill, der sich von einem visionären Beamten in einen desillusionierten Eurokraten verwandelt. Der Zuschauer erhält einen unbeschwerten Einblick in die britische Sichtweise auf die Europäische Union – dargestellt von siebzehn verschiedenen Charakteren.

“Ich hoffe, das Stück kommt auch in anderen europäischen Ländern an“, sagt Luscombe zu mir, während er eine Tasse Schokolade schlürft. „Ich finde, die Europäer wissen nicht so recht, was sie von den Briten halten sollen. Oft fragen sie: ‚Warum seid ihr so, wie ihr seid, ihr Inselbewohner?’“ Mit Luscombes neuem Stück kommt man der Antwort ein Stück näher.

Europa: Eine Jugendliebe

Es ist ein normaler Dienstag Nachmittag; wir sitzen in einem Eckcafe in der Nähe der London Brigde. Tim trägt eine saloppe Lederjacke. Mit seinen kurzen Haaren und seiner perfekten Grammatik ist er der perfekte Brite. „Eine meiner ersten Erinnerungen ist ein Schamgefühl für meine britische Herkunft. Im Süden Portugals machte ich zusammen mit meiner Familie Urlaub. Eines Tages gingen wir von unserem Hotel zum Strand. Auf der Straße dorthin saßen Leute, Bettler.Eine Frau streckte ihre Hand aus und bettelte um Geld. Meine Mutter dachte, dass die Frau sie grüßen würde. So sagte sie höflich ‚Guten Morgen!’ Ich konnte das einfach nicht glauben!“

Dann kam der Eurovision Song Contest. Tim Luscombe erzählt mir von der Zeit, als seine Eltern in den 60er Jahren zum Tanzen gingen, während er mit seiner Großmutter den Wettbewerb im Fernsehen anschaute. „Das britische Fernsehen war zu dieser Zeit sehr national, sehr lokal ausgerichtet. Plötzlich war da diese glamouröse Show. Irgendwie hallte das in mir nach. Ich glaube, damals habe ich einen Teil von mir verstanden. Der Song Contest hat mich immer fasziniert und mich süchtig nach Europa werden lassen.“

Seitdem hat er in verschiedenen europäischen Ländern gelebt und das Nicht-Britisch-Sein erlernt. „Mir war es peinlich, immer der ‚kleine Engländer’ und auf irgendwen angewiesen zu sein, der Englisch spricht. Wo immer ich auch hinkam, habe ich versucht, die Sprache zu lernen.“

Luscombe hat die skandinavische Lebensweise in Stockholm kennen gelernt, sich in Amsterdam verliebt und die kulinarischen Spezialitäten Italiens genossen. Als er in Schweden und den Niederlanden lebte, arbeitete er in der Kulturbranche. Dann nahm er sich in seinem Jahr in Rom eine Auszeit von seiner Regie- und Autorenkarriere. „Ich war an einem Punkt in meiner Karriere angekommen, an dem ich ein Jahr raus musste, um meine Batterien aufzuladen. Schon immer wollte ich in Italien leben. Ich stellte es mir als den perfekten Ort vor. Ein Ort, an dem ich keine Probleme haben würde. Das hatte ohne Zweifel viel mit dem Wetter, dem Essen und den hinreißenden italienischen Männern zu tun."

Aber dann zog ihn etwas nach London zurück, in das Land der Europhobie. “Um ehrlich zu sein, vermisste ich die grauen verregneten Tage Londons, als ich in Rom war und die sengende Augusthitze erlebte. Aber am meisten vermisste ich das ungezwungene Gespräch, mich mit Esprit und Witz unterhalten zu können. Das konnte ich weder in Italienisch, Niederländisch oder Schwedisch. Aber das ist ganz allein mein Fehler!"

Das Empire ist schuld

Luscombe gibt der Geschichte die Schuld für die britische Ignoranz gegenüber Europa. Als „Insulaner“ haben die Briten niemals daran gedacht, dass sie sich um Europa kümmern müssten.“ Wir sind lange Zeit nicht angegriffen worden. Und ich bin mir sicher, dass wir Europa ganz anders wahrnehmen als Belgier oder Letten. Sie sind in der jüngesten Vergangenheit von ihren Nachbarn angegriffen worden. Ich bin mir sicher, dass die unser Empire und die Beziehung zu ihm uns leider zurück hält. Genauso wie unsere strategische Position im Nordatlandtik. Wir haben ein Bündnis mit den USA. Es hat uns oft davon abgehalten, Europa ernst zu nehmen – ganz besonders auf politischer Ebene. »

Tim Luscombe gehört zu einer seltenen Spezies in Großbritannien. Viele „Insulaner“ sind sich ihrer Ignoranz nicht einmal bewußt, weil niemand darüber spricht. Tim erzählt mir von einer Konferenz über EU-Subventionen, an der er im April 2004 teilnahm, nur einige Wochen vor der Erweiterung. « Sie führten ein kleines Quiz zu Beginn durch. Einfach nur, um uns das Ausmaß unserer eigenen Ignoranz zu zeigen. Eine der Fragen lautete folgendermaßen: ‚Wieviele Länder werden der EU in einigen Wochen beitreten?’ Es waren um die 70 hochrangige Kulturspezialisten im Raum und keiner von ihnen wußte, dass 10 Staaten Mitglied der EU werden würden.“

Angesichts dieser frustrierenden Debatte stelle ich Tim Luscombe die ultimative Frage: Denken Sie, dass Großbritannien aus der EU austreten sollte? Tim holt tief Luft. „Ich denke nicht. Gespräche über einen Austritt sind nie von Nutzen gewesen. Wir sollten uns jetzt auf das konzentrieren, was wir haben und was wir am besten daraus machen können. Wir müssen auch Zeit für die Frage aufbringen, was die EU im Moment eigentlich ist. Es begann als ein Mittel für die Friedenssicherung in Europa. Aber das wird inzwischen als normal angesehen. Wir müssen auch entscheiden, ob wir Euoropa als einen Schmelztiegel sehen wollen, in dem die Unterschiede irgendwann zu einem homogenen Brei zerlaufen, oder ob wir Europa eben wegen seiner Vielfalt feieren wollen? Welchen Weg wollen wir gehen?“

Luscombes Stück liefert keine fertigen Antworten. Aber es wirft ganz sicher Fragen auf. Es ist mutig, ein Stück über Europa zu verfassen. Über ein Thema, das jeder Brite gerne ignoriert.

"The Schuman Plan" läuft zur Zeit am Hampstead Theatre in London ( bis zum 25. Februar 2006).