Tiflis' kleines Utopia

Artikel veröffentlicht am 11. April 2014
Artikel veröffentlicht am 11. April 2014

In Tif­lis haben Künst­ler, Ak­ti­vis­ten, In­tel­lek­tu­el­le und Rei­sen­de end­lich einen Aus­gangs­punkt ge­fun­den, um die kul­tu­rel­le Szene der Stadt auf­zu­mi­schen. In der Tra­di­ti­on be­setz­ter Häu­ser in Eu­ro­pa wird dort ein be­setz­tes Ge­län­de zum Schmelz­tie­gel für Ideen und freie Mei­nungs­äu­ße­rung. Au­ßer­dem gibt's ein Kamel.

Die Kul­tur­sze­ne in der ge­or­gi­schen Haupt­stadt Tif­lis ist ohne Frage äu­ßerst bunt und le­ben­dig. Trotz­dem sind Armut und so­zia­le Aus­gren­zung weit ­ver­brei­tet. Mit­glie­der be­nach­tei­lig­ter ge­sell­schaft­li­cher Grup­pie­run­gen haben oft weder Zu­gang zu Kunst noch zu so­zia­ler und po­li­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on. Es ist daher ein his­to­ri­scher Akt, dass eine in­ter­na­tio­na­le Grup­pe be­ste­hend aus Ge­or­gi­ern und Zu­ge­reis­ten, ein bau­fäl­li­ges Ge­bäu­de in der Nähe des städ­ti­schen Hip­po­droms im Sabur­talo-Be­zirk be­setzt und das ver­las­se­ne Ge­bäu­de in ein Kul­tur­zen­trum ver­wan­delt hat. Das Ziel ist, dem El­i­ta­ris­mus ein Ende zu set­zen und die Mög­lich­kei­ten für ge­mein­schaft­li­che Ak­ti­vi­tä­ten und so­zia­len Ak­ti­vis­mus zu schaf­fen. Ob­wohl das Pro­jekt noch sehr jung ist, fin­det es be­reits Be­ach­tung von Künst­lern aus dem gan­zen Land, aber aus Westeu­ro­pa und dem Kau­ka­sus

Ich mache mich auf den Weg zu den alten Stäl­len, die jetzt das al­ter­na­ti­ve Kul­tur­zen­trum Tif­lis (ACCT) be­her­ber­gen. Zwan­zig Mi­nu­ten spä­ter stehe ich im Wald, mit einem Glas hei­ßem Tee in der Hand und schaue einem Kamel in die Augen. Tchi­ni, das Kamel schnup­pert und sab­bert, wäh­rend sie mei­nen Blick aus mit ihren ha­sel­nuss­brau­nen Augen er­wi­dert. „Sie ist halb Af­gha­nin, halb Mon­go­lin, eine sel­te­ne Mi­schung“, er­klärt mir Goran, der sich um das Kamel küm­mert.

Von Af­gha­nis­tan bis tif­lis

Ei­ni­ge be­haup­ten, es seien Mo­ni­ka und Guil­ler­mo ge­we­sen, zwei Frei­wil­li­ge aus Lit­au­en und Spa­ni­en, die das Ge­bäu­de be­setz­ten, als sie ge­ra­de ihren Eu­ro­pean Vol­un­tary Ser­vice (EVS) bei der Droni Youth As­so­ci­a­tion in Tif­lis ab­sol­vie­rten. Sie woll­ten die eu­ro­päi­sche Tra­di­ti­on der Haus­be­set­zun­gen nach Ge­or­gi­en brin­gen. An­de­re sagen, es sei Goran ge­we­sen, der Noma­de, der mit sei­nem Ka­ra­van aus Zie­gen, Hun­den, Hüh­nern und, na­tür­lich, dem mit dem Kamel Tchi­ni aus Af­gha­nis­tan kam. Er habe die­sen Ort für sich in An­spruch ge­nom­men und damit auch an­de­ren die Mög­lich­keit er­öff­net, das Ge­bäu­de zu einem le­ben­di­gen und so­zia­len Zen­trum zu ma­chen. Goran sei­ner­seits sagt, es sei das Kamel ge­we­sen, das sich für die­sen Ort ent­schie­den habe. Fest steht je­den­falls, dass die Or­ga­ni­sa­toren ent­schlos­sen sind, so viel Liebe und En­er­gie wie nur men­schen­mög­lich zu in­ves­tie­ren, um die­sen Ort zu etwas ganz Be­son­de­rem zu ma­chen.

Als ich das Zen­trum be­tre­te, läch­le ich ob des An­blicks, der sich mir bie­tet. Die De­zem­ber­son­ne fällt durch die hohen Fens­ter, Mit­glie­der des Tif­li­ser Fris­bee-Klubs wer­fen Fris­bee-Schei­ben, eine Grup­pe Men­schen sitzt um ein La­ger­feu­er in der Mitte der Halle, sie er­zäh­len und stre­cken ihre Hände über das Feuer, um sich zu wär­men. Künst­ler aller Cou­leur be­ma­len die wei­ßen Wände des Ge­bäu­des und zwei DJs mit hüft­lan­gen Dreads spie­len Reg­gae für alle, die da sind. An der Decke hängt eine im­pro­vi­sier­te Schau­kel und die Men­schen schub­sen ein­an­der an, sie krei­schen und la­chen.

An­de­re lau­fen herum, ma­chen Fotos und über­le­gen sich neue Ideen für das Ge­län­de. Kos­ten­lo­se Tanz­stun­den, Gym­nas­tik, Sprach­-Tandems, runde po­li­ti­sche Ti­sche, fe­mi­nis­ti­sche Dis­kus­si­ons­run­den, Film­vor­füh­run­gen … das sind nur ei­ni­ge der Ideen, die hier ent­ste­hen. Die ein­zi­gen Re­geln: keine Dro­gen, kein Al­ko­hol. Damit wol­len die Haus­be­set­zer ge­walt­sa­me Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­mei­den, wie sie sonst oft in ge­or­gi­schen Bars und Nacht­klubs vor­kom­men.

Alf, der mys­te­riö­se noma­di­sche Ak­ti­vist

Ich spre­che mit Alf, dem mys­te­riö­sen noma­di­schen Ak­tivs­ten, der mich mit Mo­ni­ka und Guil­ler­mo in Kon­takt ge­bracht hat. Sein En­thu­si­as­mus ist an­ste­ckend und die blau­en Augen strah­len, als er von sei­ner Vi­si­on für das al­ter­na­ti­ve Kul­tur­zen­trum Tif­lis (ACCT) spricht: „Es ist das erste Mal, dass in Tif­lis so etwas pas­siert. Wir wol­len einen frei­en Ort für alle, wo wir un­ter­schied­li­che Men­schen zu­sam­men­brin­gen, die dort eine Ge­mein­schaft bil­den. Einen Ort, wo wir die­sen Eli­te-Sta­tus hin­ter­fra­gen mit sei­ner Be­haup­tung, ein Mensch müsse un­be­dingt Geld haben, um an einer Ver­än­de­rung der Ge­sell­schaft mit­zu­ar­bei­ten und die Welt bes­ser zu ma­chen.“

„Nicht jeder kann es sich leis­ten, als Mit­ar­bei­ter einer Stif­tung in einem net­ten, gut ge­heiz­ten Büro zu sit­zen und dort ein Brain­stor­ming zu ma­chen, wie man die Ge­sell­schaft ver­bes­sern kann“, fügt der 24-jäh­ri­ge Gio aus Tif­lis hinzu. „Hier aber kön­nen wir einen Raum für alle schaf­fen.“

Ob­wohl sich aus dem Kon­sens-Kon­zept viele Her­aus­for­de­run­gen er­ge­ben, hält die Grup­pe an der el­ga­li­tä­ren Ent­schei­dungs­fin­dung fest, in der alle Ideen Be­ach­tung fin­den. Ich tref­fe Ak­ti­visten aus Russ­land, Künst­ler aus Sy­ri­en, ge­or­gi­sche Stu­dieren­de und eta­blier­te Mit­glie­der der Zi­vil­ge­sell­schaft. Ich hocke in einer war­men Küche zwi­schen Ba­na­nen und Man­da­ri­nen, wäh­rend ein 21-jäh­ri­ger ame­ri­ka­ni­scher Stu­dent hei­ßen Tee kocht und ve­ga­nen Borschtsch für alle. Ich un­ter­hal­te mich mit Ira­kli, einem In­ge­nieur mitt­le­ren Al­ters und Hack­ti­vist, der ge­hol­fen hat, die Strom­ver­sorg­ung des Ge­bäu­des wie­der zum Lau­fen zu brin­gen.

Ich kritz­le in mein No­tiz­buch, no­tie­re Ideen, denke an eine freie Bi­blio­thek oder einen In­fo-Sh­op mit Rati. Ich höre, wie Goran wort­ge­wal­tig über das Recht auf Be­we­gungs­frei­heit spricht, über Frie­den und Bür­ger­rech­te und ich höre wie ver­zau­bert an­de­ren Men­schen zu, die dar­über dis­ku­tie­ren, wie man Tier­rech­te stär­ken oder Un­ter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten für die wach­sen­de Zahl von Ob­dach­lo­sen in Tif­lis schaf­fen kann.

An­ders­wo ver­geht ge­ra­de ty­pi­scher Tif­li­ser Sonn­tag, aber hier im al­ter­na­ti­ven Kul­tur­zen­trum Tif­lis (ACCT) werde ich Zeuge von etwas Be­son­de­rem, der Mög­lich­keit einer wah­ren Gras­wur­zel­be­we­gung, die wach­sen und die Stadt er­blü­hen las­sen wird. Es ist bit­ter nötig nach Jah­ren des Krie­ges, der Tran­si­ti­on und der wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten. Das al­ter­na­ti­ve Kul­tur­zen­trum Tif­lis ist ein An­ge­bot für alle. Jeder kann kom­men, Teil der Ge­mein­schaft wer­den und Tif­lis zu sei­ner Stadt ma­chen. Und das Beste liegt noch vor uns.