Theater in Polen: Eiserner Vorhang

Artikel veröffentlicht am 7. Dezember 2006
Artikel veröffentlicht am 7. Dezember 2006

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Das polnische Theater durchläuft derzeit eine Krise. Schuld ist die konservative Kulturpolitik.

„Wir beobachten besorgt die jüngsten Entwicklungen im polnischen Theater. Wir können uns dabei nicht des Gefühls erwehren, dass es den ideologischen Kämpfen als Schlachtfeld dient. Eigentlich sollte es ein Raum für Freiheit und Kreativität sein. Doch die derzeitige Praxis der Stellenbesetzungen gleicht immer mehr einer Säuberungsaktion.“

So beginnt der Brief, den zahlreiche Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft als öffentliche Antwort auf die Entlassung Mariusz Treliskis formulierten. Treliski war Intendant des Nationaltheaters und der Staatsoper in Warschau. Am vierten September hatte das polnische Kulturministerium einen neuen Intendanten für die wichtigste Kultureinrichtung Polens ernannt und damit die Zusammenarbeit mit Mariusz Treliski beendet.

Die Langeweile überstrahlen

Obwohl es nie offen ausgesprochen wurde, ist der Grund dafür bekannt. Es geht um Innovation, um den Mut zur Aussage, um die Darstellung und den Umgang mit der dunklen Seite der menschlichen Natur, aber auch um die Förderung von Künstlern wie Krzysztof Warlikowski. Dieser von Treliski geförderte Regisseur hat sich international längt einen Namen gemacht und inszeniert an der Pariser Opéra Bastille. Doch bei den konservativen Politikern des Kulturministeriums ist er unbeliebt.

„Oper kann entweder lebendige Kunst sein oder kulturelle Erpressung: mittelmäßige Banalität, bei der prunkvolle Kronleuchter die Langeweile und die Leere der Gedanken überstrahlen“, so Mariusz Treliski in einen Interview mit dem Wochenmagazin „Polityka“, das den bezeichnenden Titel „Wenn nicht hier, dann dort“ trug. Treliski hat sich in Berlin, Los Angeles, St. Petersburg oder Washington einen Namen gemacht und hat gute Chancen, seine Karriere in Europa oder dem Rest der Welt fortsetzen zu können. „Und Polen, mein Herr?“ – diese berühmte Frage richtete der polnische Patriot Miss Walewska an Napoleon, um sich nach den Plänen für die Wiederherstellung des polnischen Staates zu erkundigen. „Und die polnische Kultur, mein Herr?“ – diese Frage bleibt ohne Antwort.

Der Kampf der Provinz

Nicht nur das kosmopolitische Warschau muss eine Kunstrevolution bewältigen. In einer der am wenigsten entwickelten Regionen Polens, unweit der Grenze zu Weißrussland, kämpft das Theater Wierszalin um öffentliche Gelder. Diese sind die einzig möglichen Finanzmittel, die das Überleben dieses wahrhaften „low-bugdet“-Theaters sichern.

In einem engen, dunklen Raum verfolgt ein kleines Publikum Aufführungen, die dreimal den prestigeträchtigen Preis Fringe First beim Festival von Edinburgh gewannen. Auch bei einer Tournee in New York wurden die Stücke des Theaters vom Publikum sehr gut angenommen. Nur die örtlichen Obrigkeiten in Polen protestierten dagegen, dass einige Stücke Homosexualität behandeln. Auch beschwerten sie sich über die nachdenklichen Dialoge, die sich mit Religion, dem Vergehen der Zeit und dem Leben beschäftigen. Einer der eher absurden Vorwürfe an das Theater Wierszalin zielte auf die entblößte Brust einer Holzfigur.

„Theatrale Reinheit ist es, was die Stücke Wierszalins einzigartig macht: die totale physische Konzentration und die emotionale Ehrlichkeit“, schrieb die New York Times nach Wierszalins Gastspiel. Genau diese Einzigartigkeit war es, die den italienischen Regisseur Francesco Carrozzini zu einem Dokumentarfilm über dieses Theater inspirierte. Der Wahl-New-Yorker erntete sowohl Erstaunen als auch Interesse, als er mit den Einwohnern der Stadt sprach. Für die Polen, besonders jene aus der Provinz, war es unbegreiflich, wie interessant ihr Theater eigentlich für Zuschauer aus dem Westen ist. Nicht als Freilichtmuseum, noch als Mutterland des europäischen Katholizismus, sondern als ein Land, in dem die guten alten Zeiten mit ungeahnter gedanklicher Modernität und künstlerischer Originalität Hand in Hand gehen.

Ostwärts ohne Veränderungen

Dies sind nur zwei Beispiele, die hervorragend zeigen, mit welcher geistigen Haltung man in Polen nicht nur dem Theater, sondern der Kunst als solcher gegenübertritt. Gleichzeitig veranschaulichen sie die Unterschiede zu beiden Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Hier wird das Paradox deutlich. Weder Mariusz Treliski noch Wirszalins Intendant, Piotr Tomaszuk, sind Epigonen.

Sie versuchen nicht, nationale Identität und Kunst auf dem Fundament eines Mahnmals zu bauen, noch durch das Kopieren fremder Muster der Gegenwart. „Seit Jahren sagen wir, dass es einem durchgekauten Essen gleicht, althergebrachte Muster der Kunst zu überwachen und zu übernehmen. Das polnische Gen der Minderwertigkeit und der Provinzialität ist da durchaus komplex“, sagte Mariusz Treliski in einem seiner Interviews.

Freiheit, Gleichheit und das Multiplex-Kino

Vielleicht liegt das Problem auch darin, dass die Popkultur die Illusion einer Gemeinschaft erzeugt. Doch volle Multiplex-Kinos in Posen, Warschau, Madrid, Paris oder Berlin sind keine Anzeichen eines gemeinsamen und gleichförmigen europäischen Publikums. Was in Warschau schockiert, mag in Paris nur ein müdes Gähnen ernten. Wir alle haben gemeinsame Wurzeln und die Klassiker Europas werden auf vielen Bühnen Polens aufgeführt.

Die wahre Vielfalt der Theaterkunst findet man jedoch auf den zahllosen Festivals Europas. Aber ein Möchtegern-Exzentriker ist in Polen nur ein Exzentriker, nichts weiter. Wie auch immer die Aufführungen im Ausland bewertet werden, in Polen misst man die einheimischen Produktionen mit einem anderen Maßstab. Er ist strenger und Kritik grenzt an Verrat. So ist es zumindest in Polen. Ist eine ausländische Auszeichnung nur Tarnung, oder ist es die beste Möglichkeit, daran erinnert zu werden, dass es in einer feinfühligen Kultur keine „Gemeinschaft“ gibt?

Das Theater in Europa, Europa im Theater

Die polnische Oper wird nicht europäischer, indem sie sich Mitschriften aus der Mailänder Scala borgt. Genau das ist es, was der neue Direktor des Opernhauses, Janusz Pietkiewicz, vorhat. Es sind nicht die Themen und Requisiten, die ein Theater zu einem europäischen machen. Vielmehr zeigt die Einschränkung der Künstler in ihrer Wahl genau dieser Themen und Requisiten, wie wenig man Europa verstanden hat. Die Gleichförmigkeit der künstlerischen Erfahrung belegt keineswegs eine erfolgreiche Integration.

Sollen die Franzosen im polnischen Theater gähnen. Sollen die Berliner polnische Opern kritisieren. Dies sind die besten Beispiele echten Dialoges. Wir interessieren uns nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere. Dialog ohne die Förderung von Freiheit, ohne Unterstützung und ohne die Behauptung gegen die Mehrheitsmeinung sollte in keinem Fall die Handlungen der europäischen Staaten leiten. Letztlich ist und war die Freiheit der Kunst in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer ein Maßstab für Demokratie – und europäische Identität.