Theater in Paris: Vom großen Sterben der kleinen Bühnen

Artikel veröffentlicht am 12. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 12. Februar 2013
Mit der Schließung des Theaters Paris-Villette im Dezember 2012 ist eine historische Bühne von der Bildfläche der französischen Hauptstadt verschwunden. Das „Maison de la Poésie“ ist in die Bresche gesprungen und beherbergt noch bis Ende März zwei Stücke, die ursprünglich im Theater Villette aufgeführt werden sollten. Danach ist Sendepause.
Ein Panorama über die Gefahr, die Bretter, die die Welt bedeuten, aus Paris verschwinden zu sehen… eins nach dem anderen.

Für den rumänischen Dramaturg Eugène Ionesco, der in der französischen Hauptstadt seine Heimat gefunden hatte, war Schönheit ein Wert an sich. Kunst verstand er als „art pour l’art“ (Kunst um der Kunst willen) und sein Ziel bestand darin, sein Publikum vom Nutzen des Unnützen zu überzeugen. Mittlerweile ist Ionesco, nicht zuletzt dank des im Quartier Latin gelegenen Théâtre de la Huchette, zu einer Institution geworden: seit mehr als 50 Jahren werden hier zwei seiner berühmtesten Stücke, La cantatrice chauve (Die kahle Sängerin) und La leçon (Die Unterrichtsstunde), aufgeführt.

Wer weiß, ob die befürchtete Schließung des Théâtre de la Huchette einen Sinneswandel bewirkt und Eugène Ionesco, aus Liebe zum Theater, zu einem engagierten Künstler gemacht hätte? Im vergangen Frühjahr schlitterte das 1948 eröffnete Theater nach einer Mieterhöhung nur knapp an der Schließung vorbei. Seinem Direktor Jean-Noël Hazemann zufolge war eine Finanzspritze in Höhe von mindestens 70 000 Euro zu seiner Rettung notwendig. Sein Überleben verdankt das Schauspielhaus dem Engagement des Vereins „Freunde des Théâtre de la Huchette“, das Persönlichkeiten wie die französische Schauspielerin Jeanne Moreau zu seinen Mitgliedern zählt.

Paris und seine bunte Vielfalt an Brettern, die die Welt bedeuten

In Paris sprießen Theatersäle an den ungewöhnlichsten Orten aus dem Boden

Die kleine Bühne im Quartier Latin ist nicht das einzige Theater, das von einer Schließung bedroht ist. Heute steckt Paris in der Zwickmühle: Sollen die alten historischen Theater bewahrt werden? Oder soll neuen Kulturzentren der Vorzug gegeben werden, die zwar moderner und dynamischer sind, die Stadtverwaltung aber nicht weniger kosten (die einzige Ausnahme bildet das 104 im 19. Arrondissement)? Diese Frage erscheint umso dringlicher, denkt man an all die kleinen Bühnen, die in Paris an den ungewöhnlichsten Orten aus dem Boden sprießen: versteckt in einem Innenhof wie das Théâtre de l’Oeuvre in der rue de Clichy, auf den Stufen des Montmartre wie das Petit Théâtre du Bonheur oder im Erdgeschoss eines Wohnhauses wie das Theater L’Ogresse im 20. Arrondissement der französischen Hauptstadt..

Schaltet man jedoch den Fernseher ein, gewinnt man den Eindruck, dass für das französische Theater alles bestens läuft. So hat der französische Fernsehsender France Télévisions erst kürzlich im Rahmen einer Theater-Themenwoche vom 13. bis zum 20. Januar 2013 Theaterstücke und Dokumentationen sowie Interviews rund ums Theater ausgestrahlt. Die Initiative unter dem Namen „Coups de théâtre“ hatte zum Ziel, die gemütlich in ihren Fernsehsessel versunkenen Zuschauern in die Welt des Theaters eintauchen zu lassen. Der Ruhm der Dramaturgieklassiker scheint sich allerdings auf den Flimmerkasten zu beschränken: das französische Theater startet angeschlagen ins Jahr 2013.

Im Theater Paris-Villette sind die Scheinwerfer ausgegangen

Wer auf die Internetseite des Theaters Paris-Villette klickt, stößt auf eine weiße Seite. Sonst nichts: kein Programm, kein Spielplan. Einige Linien informieren darüber, dass das Theater am 15. Dezember 2012 nach einer Aufführung von „Hate Radio“, ein sehr unkonventionelles Stück über den Genozid in Ruanda, endgültig geschlossen wurde. Zwei Stücke, die ursprünglich im Theater Paris-Villette aufgeführt werden sollten, werden zunächst von der Bühne des „Maison de la Poésie“ beherbergt. Außerdem läuft ein Subventionsantrag. Auch die Stadt Paris hat dazu aufgerufen, mit bislang unveröffentlichten Projekten dem beeindruckenden Saal am Ufer des Ourcq-Kanals wieder Leben einzuhauchen. Das Komité „Für die Wiedereröffnung des Theaters Paris-Villette“ hat allerdings immer noch keine Einigung erzielt.

„Wir haben nichts mehr zu sagen. Jetzt werden Projekte gesucht, die aus einem ökonomischen Blickwinkel interessant für die Stadt sind“, unterstreicht Hervé Quideau, der in Teilzeit am Theater arbeitete. „Dabei war unsere Philosophie im Theater Villette immer, alle möglichen Stücke zu zeigen - außer diejenigen, die wir zu kommerziell fanden oder die richtig viel Geld eingespielt hätten.“

Eines der letzten Stücke, die im Theater Paris-Villette aufgeführt wurden

„Das Theater Paris-Villette ist zu teuer“

Der Kampf des Direktors Patrick Gufflet sollte, trotz Petitionen und einem Protestmarsch für das Theater, erfolglos bleiben. Auch abendliche Versammlungen um 19h mit Diskussionen über Kunst, mit Schauspiel und Pantomime, konnten nichts ausrichten… obwohl sie dazu beitrug, so zu tun als ob nichts wäre und die bevorstehende Schließung zu vergessen. „Das Theater Paris-Villette ist zu teuer“, lautet die Quintessenz des Statements der Stadtverwaltung. Das Theater gehört dem französischen Kulturministerium, aber seine Leitung oblag der Stadt Paris, die nun auch seine Schließung beschlossen hat.

Bruno Juillard (Stellvertretender Kulturverantwortlicher der Stadt Paris), hat nur mit Zahlen jongliert und die Bedeutung dieses historischen Theaters vollkommen vergessen“, fügt Hervé Quidau hinzu. „Wir haben uns gefragt, ob diese Entscheidung nicht auch mit der ideologische Position der Stadt Paris zusammenhängt.“

Theaterfieber für Couchpotatoes

Die Schließung liegt an finanziellen Engpässen der Stadt, die mehr als 90 % der Kosten aufbringen musste und ist eine Folge der Kürzungen des Kulturbudgets. Sparmaßnahmen diesen Ausmaßes waren seit 1981 nicht mehr vorgekommen. Es ist also der „Nutzen des Unnutzen“, um es mit Ionesco auszudrücken, der geopfert wird. Längst vergangen scheinen die Zeiten, als esdem englischen Theaterregisseur Peter Brook gelang, ein altes vergessenes Theater in der Nähe des Bahnhofs Gare du Nord wieder zu beleben. Er hatte alle bürokratischen Hürden überwunden, um es innerhalb von 6 Monaten zu einer der besten Bühnen Paris zu machen.

Das Theater von Peter Brook

Es bleibt abzuwarten, wann sich der Bürgermeister Bertrand Delanoë seiner Verantwortung gegenüber den Kompagnien, die jetzt ohne Theater dastehen, und all den Mitarbeitern, die vor die Tür gesetzt wurden, stellt. Auch eine Entscheidung der Stadt zum Theater Paris-Villette steht noch aus. Fest steht jedenfalls, dass viele die Fahrt bis zur Porte de Pantin im Nordosten der Hauptstadt schon jetzt vermissen. Denn dort gab es immer ein außergewöhnliches Projekt, eine unkonventionelle Ästhetik oder einen Künstler, von dem man nie zuvor gehört hatte, zu entdecken. All das gibt es jetzt nicht mehr.

„Tant pis!“ („Schwamm drüber!“), würde man auf Französisch sagen. Denn auf France 2 laufen die Stücke von Marivaux (französischer Schriftsteller des 18. Jahrhunderts) ja noch. Und um die zu sehen, muss man nicht einmal die Metro nehmen.

Fotos : Teaser ©Fred Kinh; im Text : Theater Bouffes du Nord ©Leigh Hatwell; Theater Paris-Villette ©Mbzt/wikimedia; "Dark Spring” ©Kim Akrich