Theater aus Holland: 'Bye bye world' - Sehnsucht nach einem Neuanfang

Artikel veröffentlicht am 12. September 2012
Artikel veröffentlicht am 12. September 2012
Das Gewinnerstück des Amsterdamer Fringe Festival 2011 spürt dem tiefsitzenden Wunsch nach, aus unserem gewohnten Leben zu verschwinden und etwas Neues anzufangen. Das holländische Ensemble Gehring & Ketelaars holte das Theaterstück diesen August nach Edinburgh.

Zwei Frauen, die eine dunkelhaarig, die andere blond, sitzen nebeneinander. Dino liegt ausgestreckt auf dem Boden. „Ja“, flüstert sie heiter, „ja“. „Nein“, brummt Olga, die neben Dino krumm auf einem Holzklotz sitzt. „Nein, nein“. In vielerlei Hinsicht versinnbildlicht diese Szene die Stimmung des experimentellen Theaterstücks Bye bye world, inszeniert von Marjolein Frijling, 31. Das Stück bedient sich klassischer Erzählung und Performance, um die Geschichten von zwei sehr unterschiedlichen Frauen zu erzählen, die sich am Ende ihren Mantel schnappen und eines Morgens ihr Haus verlassen, um niemals wiederzukehren.

Bist du eine Olga oder eine Dino?

Für Dino, die sich in Gesellschaft unbehaglich fühlt, ist die sorgsam geplante Entscheidung, wegzulaufen, eine Bestätigung, eine Chance, noch einmal vor vorne anzufangen. Für Olga, seit 10 Jahren verheiratet, mit Haus und erfolgreicher Karriere im Kommunikationswesen, ist es eine Kurzschlusshandlung, resultierend aus Isolation und Frust, da ihr geschäftiges Leben zunehmend an Bedeutung verliert.

Bye bye world ist eine Rarität: Ein experimentelles Theaterstück, von dem sich jeder angesprochen fühlt. Dies ist zum Teil auch deswegen der Fall, weil das Stück einfach eine gute Geschichte erzählt. Gelegentliche absurdes Spiel und häufige Erzähl-Einsprengsel werten die Geschichte auf, während eine einfallsreiche Nutzung des gesamten Theaterraums die Zuschauer in das Geschehen einbezieht.

Allerdings sind die beiden sehr glaubwürdigen Protagonistinnen bedeutender. Die meisten Leute sagen: „Oh, ich bin auch so eine Dino“, oder „Ich bin eine richtige Olga“, sagt die 26-jährige Schauspielerin Vera Ketelaars. Ihre Kollegin Anne Gehring, die sie an der Schauspielschule kennenlernte, stimmt zu. „Die meisten Frauen in den Dreißigern sind entweder mehr wie Olga oder mehr wie Dino“, sagt die 29-Jährige. Beide Figuren sind von der Gesellschaft und von den Menschen in ihrem näheren Umfeld isoliert. Dies wird in einer Reihe von schmerzhaft vertraut klingenden Dialogen dargestellt: Routinemäßiges Fragen und Antworten, bar jeder tieferen Bedeutung, und einseitige Monologe, bei denen der Sprecher die Anwesenheit des Zuhörers auszublenden scheint.

Ein gewisses Maß an überzogenem und satirischem Spiel, insbesondere während der Wortwechsel mit der überehrgeizigen Olga, zeigt eindrucksvoll die Entfremdung der Protagonistinnen, während es gleichzeitig ein wenig Comic Relief zulässt. Das Geniale an Bye bye world liegt darin, dass es einen vorherrschenden Diskurs auf den Kopf stellt. Wir leben in einer Welt der Überwachungskameras und Handys, wo scheinbar jeder unseren Aufenthaltsort ausfindig machen kann - und man erzählt uns, das sei alles zu unserem Besten. Doch es ist ein Gefühl von Euphorie, mit dem sich Vera Ketelaars an das Publikum wendet und verkündet: „Es ist möglich! Man kann sich einfach in einen Zug oder in ein Flugzeug setzen und nie wieder etwas von sich hören lassen. Es ist möglich.“

Weggehen

Gehring und Ketelaars brechen eine Lanze für eine Fantasie, die wir alle schon einmal gehabt haben, die aber zunehmend tabu ist. Das Theaterstück normalisiert die Entfremdung der Charaktere, weigert sich, den Frauen Diagnosen wie Depressionsanfälligkeit, Angststörungen oder Panikattacken zu stellen. „Wir wollten hier nicht psychologisieren oder psychologische Begründungen für ihr Handeln liefern“, sagt Anne. Stattdessen haben die Protagonistinnen ganz bewusst Sehnsüchte, wie sie jeder einzelne aus dem Publikum von sich selber kennt.

„Wir sind auf die Idee für dieses Stück gekommen, weil es etwas ist, dass jeder tun möchte“, gibt Anne zu. „Wir alle haben manchmal diesen tiefen Wunsch; wir sehnen uns danach, noch mal von vorn anzufangen.“ Uns faszinierte der Gedanke, dass man das Leben, das man gerade führt, nicht führen muss, dass man etwas anderes machen kann.“ Die Zuschauer haben auf jeden Fall darauf reagiert. „Eine Frau in Australien sagte, dass es genau das war, wonach sie sich an jenem Morgen fühlte, sie wollte es wirklich tun, einfach weggehen“, sagt Vera.

Das Leben, das du führst, musst du nicht führen

Bye bye world lässt den Zuschauer im Unklaren darüber, was anschließend passiert, was sowohl ein Kritikpunkt als auch eine Stärke ist. Es endet in dem Moment, wo Dino und Olga in einen Bus steigen, um ihre Heimatstadt zu verlassen – und verschweigt uns, ob den Frauen die Neuerfindung ihrer selbst auch gelingt. Können wir vor unseren Problemen wirklich davonlaufen? Was geschieht mit Olgas Ehemann, mit Dinos Mutter? Wie dem auch sei, das Stück setzt ein, bevor die Zuschauer eintreffen, und geht weiter, wenn wir das Theater verlassen haben. Es verweigert uns Antworten, während es lediglich einen Einblick in zwei Leben gibt, die einem auf beunruhigende Weise vertraut vorkommen – und gibt so auch einen Einblick in unser eigenes Leben.

Bye bye world wurde bis zum 26.08. im „Underbelly“ in Edinburgh aufgeführt. Es wird im September auf dem Amsterdam Fringe gespielt, wird dann ebenfalls durch London touren und in in den kommenden Monaten möglicherweise nach Israel und in den Iran weiterziehen.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von ©gehringketelaars.nl