Terrorismus: „Die Anschläge in Brüssel erfordern gemäßigte Reaktionen“

Artikel veröffentlicht am 24. März 2016
Artikel veröffentlicht am 24. März 2016

Am Dienstag wurden bei Bombenanschlägen in Brüssel 32 Menschen getötet und bis zu 270 verletzt. Während ganz Europa Belgien sein Beileid und seine Solidarität ausspricht, scheiden die Meinungen darüber, wie auf diese Angriffe am besten zu reagieren ist, deutlich. Dr. Lee Jarvis, Dozent für Internationale Sicherheit an der University of East Anglia, warnt vor zu schnellen Reaktionen.

cafébabel: Können Sie etwas genauer erklären, was Sie damit meinen, dass auf die Anschläge in Brüssel vorsichtig und angemessen reagiert werden sollte?

Dr. Lee Jarvis: Ich meine damit drei Dinge: Erstens sollten wir Geduld haben, bevor wir die Schuldfrage klären. Obwohl der „Islamische Staat“ sich anscheinend zu den Taten bekannt hatt, muss diese Behauptung erst noch überprüft werden. Hinzu kommt, dass aufgrund der heutigen Funktionsweise bewaffneter Milizen solche Behauptungen, selbst wenn sie wahr sind, wenig bedeuten müssen. Die entscheidende Autorität ist nicht immer im „Kern“ einer Gruppierung zentralisiert.

Zweitens müssen wir Vereinfachungen und Generalisierungen vermeiden. Jeder Angriff, den wir als „terroristisch“ bezeichnen können, hat diverse Ursachen und ist das Produkt einer Interaktion zwischen einzelnen Entscheidungen und sozialen Kontexten. Wir sollten sie weder auf, beispielsweise, bestimmte Religionen reduzieren, noch das Netz der Verantwortung auf vollkommen unbeteiligte Personen und Gemeinschaften ausweiten.

Drittens müssen wir der Versuchung widerstehen, politische oder noch schlimmer militärische Kurzschlussentscheidungen zu treffen. In der Geschichte der Terrorismusbekämpfung wird dramatischen Ereignissen oft mit genauso dramatischen Antworten begegnet (die ihrerseits regelmäßig mehr Schaden als Nutzen bringen). Lehren, die wir aus der Geschichte ziehen können - über die Wichtigkeit von Dialog, Diplomatie und Mäßigung in früheren Kampagnen zur Terrorismusbekämpfung - werden oft vergessen.

cafébabel: Die Häufigkeit von ähnlichen Angriffen hat im letzten Jahr zugenommen. Wie können wir sicherstellen, dass die Reaktionen auf solche Anschläge die Spannungen nicht weiter eskalieren lassen?

Jarvis: Es ist immer sehr schwer, die Effektivität von Maßnahmen zur Terrorbekämpfung einzuschätzen. Erstens gibt es überraschend wenig verlässliche Forschung und keine Einigkeit zu der Frage, was in diesem Zusammenhang funktioniert. Zweitens gibt es keine Gegenproben, durch die wir wissen können, ob die Dinge anders verlaufen wären, wenn man bestimmte Maßnahmen getroffen oder nicht getroffen hätte. Drittens erfüllen Anti-Terrormaßnahmen wahrscheinlich nicht nur eine Funktion (Verdächtige sollen gefasst werden, die Öffentlichkeit soll beruhigt werden, potenzielle Angreifer müssen abgewehrt werden, etc.). Deshalb halte ich es für unerlässlich, übermäßige oder außergewöhnliche Antworten zu vermeiden - vor allem wegen der Verlockung (und oft der öffentlichen Forderung), schnell zu handeln.

Der Nutzen von militärischen Reaktionen auf Terror ist extrem eingeschränkt: deshalb wäre ich auch skeptisch gegenüber Obamas Drohung, den „IS weiterhin anzugreifen“. Darüber hinaus tragen drakonische Maßnahmen - und übertriebene oder bewusst provozierende Aussagen - das Risiko mit sich, Misstrauen und Unsicherheit in Gemeinschaften zu bringen, die (von anderen) mit den Tätern assoziiert werden. Es besteht also eine echte Gefahr, dass übereifrige oder heftige Reaktionen auf die Bedrohung weltweit bedeutenden Schaden für das Leben von Menschen mit sich bringen.

Zusammen mit Dr. Michael Lister untersuche ich die Erfahrungen der britischen Öffentlichkeit mit Anti-Terror-Maßnahmen. Wir beobachten, dass viele Menschen ihre Bürgerrechte durch die Maßnahmen nach dem 11. September als direkt eingeschränkt empfinden und sich eher unsicherer fühlen. Ich bin der Meinung, dass diese Art von Konsequenzen noch viel mehr Beachtung bekommen müsste.

cafébabel: Sie haben gesagt, dass die Anschläge in Brüssel eher als kriminelle und nicht als militärische Attacke gesehen werden sollten - aber die Anschläge in Paris haben eine militärische Reaktion hervorgerufen. Wie kann man vermeiden, dass das nicht erneut passiert?

Jarvis: Ich fürchte, dass wir Elemente von beidem sehen werden: eine der Reaktionen auf die Anschläge von Paris war eine Eskalation von Luftangriffen auf „IS“-Ziele. Man könnte sich fragen, was diese Vergeltungsschläge wirklich gebracht haben?

Ich bin mir nicht sicher, dass wir verhindern können, dass sich das wiederholt. Aber wir sollten weiterhin die Grenzen von außergewöhnlichen Arten der Terrorbekämpfung und der Angstmache mit übertriebener Sprache aufzeigen. Auch die historischen Erfolge von Verhandlungen und diplomatischen Bemühungen (wie zum Beispiel in Großbritanniens Kampagne gegen die Provisorische IRA).

Wir können uns auch größere Mühe geben, die Bedrohung des Terrorismus nüchterner zu bewerten, da das direkte Risiko für Personen in Westeuropa absolut minimal ist. Viele Studien haben gezeigt, dass jede alltäglichere Art der Gewalt - Autounfälle, zum Beispiel - viel mehr Schaden anrichtet als Terrorismus. Trotzdem bekommt diese spezielle Bedrohung durch ihre exotische Natur mehr Aufmerksamkeit und erzeugt - verständlicherweise - mehr Angst.

cafébabel: Es wurde über falsche Alarmmeldungen berichtet, die nach den Anschlägen in sozialen Netzwerken kursierten. Gleichzeitig versuchen Initiativen wie #PorteOuverte und andere Hashtags, die sozialen Medien für Hilfsangebote zu nutzen. Denken Sie, dass soziale Medien nach Terroranschlägen eher helfen oder eher schaden?

Jarvis: Ich neige dazu, soziale Medien - wie alle Technologien - für neutral zu halten: es kommt darauf an, wie sie genutzt werden. In diesem Sinne unterscheiden sie sich nicht von älteren Technologien, die genutzt wurden, um Terrorismus auszuüben und zu bekämpfen, wie Telefone oder Autos.

Ich denke, wir können aus den positiven und fortschrittlichen Reaktionen auf Twitter Trost schöpfen. Auch weil es solche Medien „normalen“ Bürgern ermöglichen, schnelle Hilfe in Form von Unterschlupf oder Essen anzubieten. Gleichzeitig wurden diese Medien natürlich benutzt, um Sündenböcke zu finden und zu dämonisieren und auch um die Öffentlichkeit falsch zu informieren.

cafébabel: Apropos Hashtags, was denken Sie, wie die Begriffe „Ausnahmezustand“ und „Brussels Lock Down“ die Reaktion der Menschen auf solche Ereignisse beeinflussen? Sind diese Etiketten hilfreich?

Jarvis: Ich glaube nicht. Für mich sind sie ein Beispiel für „Versicherheitlichung“: ein Problem - das unzweifelhaft tragisch für alle Beteiligten ist - wird zu einem Problem der nationalen Sicherheit gemacht, das außergewöhnliche Reaktionen verlangt. Ich befürchte, dass diese Begriffe die öffentliche Debatte einschränken und uns dazu bringen, weitere Angriffe zu erwarten und uns vom Terrorismus bedroht zu fühlen. Sicher würde man dem Terrorismus produktiver begegnen, wenn man den Terror oder die Angst, die er kreieren will, reduzieren statt eskalieren lassen würde.

cafébabel: Abgesehen von der Regierungsebene, welche Ratschläge können sie jedem Einzelnen geben? Wie reagiert man am besten nach solchen Anschlägen?

Jarvis: Erstens, denken Sie daran, dass diese Angriffe Nachrichtenwert haben, weil sie so ungewöhnlich sind. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass irgendein Individuum direkt betroffen ist, ist minimal.

Zweitens, und das folgt daraus, behalten sie im Kopf, dass man von der Gegenwart nicht notwendigerweise auf die Zukunft schließen kann. Ich denke, wir sollten besonders misstrauisch gegenüber Aussagen sein, Ereignisse wie dieses wären Teil einer „neuen Normalität“. Wir sollten uns wegen dieser Anschläge heute nicht weniger sicher fühlen als gestern.

Drittens, erinnern Sie sich, dass alle Reaktionen auf solche Anschläge - von Luftangriffen in Syrien bis zu meinen Kommentaren in diesem Interview - das Produkt politischer Werte und Entscheidungen sind. In der Reaktion eines Einzelnen oder einer Organisation auf Terrorismus gibt es nichts Notwendiges oder Unumgängliches. Wir müssen Entscheidungen treffen und Kompromisse verhandeln (sind wir zum Beispiel willens, bürgerliche Freiheiten zu beschränken, wenn wir denken, dass uns das sicherer machen wird?).

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Dr. Lee Jarvis ist Dozent für Internationale Sicherheit an der Fakultät für Politikwissenschaften an der University of East Anglia (UEA) und Herausgeber der Critical Studies on Terrorism. Er ist Autor oder Herausgeber von neun Büchern zur Politik von Terrorismus, Terrorbekämpfung und Sicherheit.