Terroranschläge: Angst ist ein schlechter Ratgeber

Artikel veröffentlicht am 8. April 2016
Artikel veröffentlicht am 8. April 2016

[Kommentar] Paris, Brüssel, Istanbul, Ankara – die Reihe von Anschlägen in den letzten Monaten haben Spuren hinterlassen. Wir sind nervös geworden, unsicher, ängstlich. Und doch sollten wir uns der Angst erwehren, denn sie ist die wahre Waffe von jenen, die Terror verbreiten. 

Einige Tage nach den Brüsseler Anschlägen im März 2016 telefonierte ich mit einer Freundin. Sie ist Anfang 20, weltoffen, hat im Ausland studiert. Als Rechtsextreme in ihrer Stadt eine Demonstration ankündigten, gingen wir gemeinsam zur Gegendemo, mit bunt bemalten Transparenten, die Vielfalt und Toleranz forderten. Während unseres Gesprächs kamen wir unweigerlich auf Brüssel zu sprechen. Sie klang gedämpft, sagte, sie fühle sich unsicher, wenn sie Bahn fährt, und ein unangenehmes Gefühl beschleiche sie, wenn sie Gruppen junger arabisch aussehender Männer begegnet. Natürlich, sagte sie, wisse sie, dass solche Gefühle nicht richtig seien, und sie habe versucht, sie zu unterdrücken – mit mäßigem Erfolg. Ich wusste erst nicht, was ich sagen sollte. Einerseits, weil ich in Dänemark studiere, wo wegen der strikten Einwanderungspolitik im Vergleich zu Deutschland sehr viel weniger Migranten leben – ich muss schon gut suchen, um auf Gruppen junger arabisch aussehender Männer zu stoßen. Andererseits kann ich das Gefühl diffusen Unbehagens nachvollziehen, auch wenn ich es nicht in der gleichen Form empfinde. Es ist jedenfalls keinesfalls die Ausnahme. Viele meiner Freunde und Bekannten haben Bedenken über Sicherheit geäußert. Der Terror erreicht langsam, aber sicher sein perfides Ziel: er verbreitet Angst. Angst, die uns langsam, aber sicher zu lähmen droht.

Wenige Wochen später, ich sitze mit Kommilitonen in einer gemütlichen Bar in Aarhus, Dänemark. Wir diskutieren über Gott und die Welt, ich erzähle ihnen von meiner Freundin und ihrem Unbehagen. Und dann möchte ich wissen: Und ihr? Habt ihr eigentlich Angst? Nein, nicht in Aarhus. Kurzes Schweigen. Aber Zuhause, sagt eine gebürtige Berlinerin, als sie während der Osterferien in der U-Bahn saß, da sei ihr schon einmal kurz mulmig zumute gewesen. Zum allerersten Mal.

Diese Unsicherheit, sie mag ein vorübergehendes Phänomen sein, das sich momentan in meinem persönlichen Umfeld widerspiegelt. Doch sicher ist, solange es in regelmäßigen Abständen Terroranschläge in Europa gibt, wird das Misstrauen und die Angst der Menschen nicht verschwinden, im Gegenteil. Laut ARD-Deutschlandtrend befürwortet die große Mehrheit der Deutschen langfristig schärfere Sicherheitsmaßnahmen. Das ist durchaus verständlich, gerade nach der deutlichen Kritik an Belgien Sicherheitsbehörden nach den Anschlägen im März. Aber generell gilt noch immer: Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Angst kann wichtig sein, sicher – sie lässt uns in heiklen Situationen die nötige Vorsicht wahren, schneller reagieren. Doch wenn wir uns von ihr beherrschen lassen, nimmt sie uns die Möglichkeit, rational zu denken. In Deutschland, ja, ganz Europa, ist die Chance, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen, wesentlich geringer als viele denken – der Schweizer Journalist Constantin Seibt schreibt, allein in Deutschland stürben jedes Jahr mehr als 500 Leute an einer Fischgräte. Deshalb bricht aber keine pauschale Panik vor Fischgerichten aus. Genauso sollten wir es mit dem Terror halten und einen kühlen Kopf bewahren. Das bestätigt auch der Psychologe Borwin Bandelow im Gespräch mit ZEIT Online: „Es ist besser, trotzdem rauszugehen, sonst macht man sich selbst nur noch mehr Sorgen.“ Also – trotzdem zum Public Viewing während der Fußball-Europameisterschaft, trotzdem ins Flugzeug steigen, trotzdem lachen und Spaß haben. Und so der gefährlichsten Waffe der Terroristen trotzen: der Angst.